«Ein Zuhause für den interreligiösen Dialog»
Herr Matyassy, ist das Haus der Religionen ein liberales Traumprojekt?
Das Haus der Religionen ist von Toleranz, Respekt und Zusammenarbeit geprägt. Das entspricht den Werten verschiedener politischer Ausrichtungen, daher will ich es nicht einordnen. Das Projekt ist für die ganze Gesellschaft sehr wichtig und – wie der Austausch auf europäischer Ebene zeigt – in dieser Form auch einzigartig.
Die Institution feiert ihr zehn Jahr-Jubiläum. Auf welche Art und Weise hat sie den interreligiösen Dialog in Bern geprägt?
Den interreligiösen Dialog gibt es ja schon seit Langem. Mit dem Haus der Religionen hat er ein Zuhause bekommen. Acht Religionsgemeinschaften sind Mitglied des Vereins, fünf davon unterhalten Sakralräume im Haus der Religionen. Damit ist es ein Ort, an dem der religiöse Dialog nicht nur geführt, sondern auch täglich gelebt wird – mit all seinen Herausforderungen.
Wie sehen diese Herausforderungen aus?
Die Religionsgemeinschaften pochen zu Recht sehr stark auf Autonomie, was ihr Innenleben angeht. Die Bereitschaft zur engen Zusammenarbeit ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Bei gemeinsamen religiös geprägten Anlässen ist es beispielsweise immer schwierig, zu wissen, wie weit man gehen kann. Gleichzeitig besteht die Erwartungshaltung, dass sich alle am gemeinsamen Teil des Hauses der Religionen beteiligen. Das ist eine Gratwanderung. Wir lösen sie zwar recht gut, aber es gibt noch Potenzial.
Wie will der Vorstand dieses Potenzial ausschöpfen?
Wir befinden uns im Übergang von der Pionierphase in die Konsolidierungsphase. Deshalb überarbeiten wir derzeit unsere Strategie. Es geht um die Frage, ob wir mit den bestehenden Ressourcen die Erwartungen an uns erfüllen können und welche Prioritäten wir setzen müssen.
Welche Projekte haben sich in den letzten zehn Jahren bewährt?
Ein wichtiger Pfeiler sind die vielen Besuchergruppen von jung bis alt. Diesen Bereich möchten wir gerne ausbauen. Eine tolle Zusammenarbeit pflegen wir beispielsweise mit der Polizeischule Ostschweiz. Diese führt ein ganzes Modul bei uns durch. Wenn ein Muslim in einer Moschee den Polizisten erklärt, auf welche Punkte sie aus religiöser Perspektive beim Kontakt mit einer muslimischen Person achten müssen, ist das einfach authentischer, als wenn die Polizisten das in einem Lehrsaal in St. Gallen hören.
Johannes Matyassy hat lange in verschiedenen Funktionen für die Bundesverwaltung gearbeitet, unter anderem als persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz (FDP), Direktor von Präsenz Schweiz und als Diplomat. Zudem war er Generalsekretär der FDP Schweiz und Präsident der FDP des Kantons Bern. Lange engagierte er sich auch in der katholischen Kirchgemeinde von Muri-Gümligen, wo er zurzeit lebt und Präsident der FDP-Ortspartei ist. Im Juni 2023 übernahm er das Präsidium des Hauses der Religionen von Regula Mader. (pef)
Gibt es weitere Schwerpunkte, die bereits jetzt feststehen?
Essen verbindet. Deshalb ist das Restaurant im Eingangsbereich ein wichtiger Träger des Hauses. Das Brunchprojekt, das von Frauen aus verschiedenen Ländern organisiert wird, stellt einen wertvollen Beitrag an die Integration dar. Was die Zielgruppen angeht, wollen wir vermehrt die zweite und dritte Generation der Gemeinschaften einbinden. Ausserdem stellen Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, mittlerweile die grösste Bevölkerungsgruppe dar. Ihnen möchten wir stärker vermitteln, dass es sich beim Haus der Religionen um ein offenes Haus handelt.
Sie haben zu Beginn den Austausch auf europäischer Ebene angesprochen. Wie sieht die Landschaft der europäischen Religionshäuser aus?
Es gibt die Konferenz der europäischen Mehrreligionenhäuser. Dieses Jahr waren wir in Hannover. Dort existiert ein Haus, in dem mehrere Häuschen stehen. In jedem wird eine Religionsgemeinschaft vorgestellt. Ich fand das zwar spannend, allerdings kam es mir wie ein Museum vor. Viele weitere Initiativen scheitern am Geld. Deshalb sind wir ziemlich stolz darauf, was wir in Bern machen.
Das Geld bleibt auch beim Haus der Religionen ein Thema...
Wir haben bei einem Budget von 1,5 Millionen Franken einen Eigenfinanzierungsgrad von über 50 Prozent. Eigeninitiative und -verantwortung gehören zu den Werten des Hauses. Ohne die Unterstützung von der Stadt Bern oder der Kirchen wäre es aber schwierig. Unser Vorstandsmitglied und Grossrätin Nicola von Greyerz hat im Kantonsparlament mit überparteilicher Unterstützung einen Vorstoss für eine Zusammenarbeit mit dem Kanton eingereicht. Der Vorstoss wurde im Regierungsrat diskutiert und gelangt demnächst in den Grossen Rat. Unser Projekt leistet schliesslich einen Beitrag an das Zusammenleben der verschiedenen Religionsgemeinschaften und hat nationale und internationale Strahlkraft. Immerhin war auch schon der Dalai Lama im Haus.
Der Verein «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» wurde 2002 in Bern gegründet. Zwölf Jahre später öffnete das Haus am Europaplatz seine Tore. Acht Religionsgemeinschaften – Jüdinnen, Christen, Musliminnen, Buddhisten, Hindus, Alevitinnen, Sikhs und Bahai – engagieren sich im Haus. Das Jubiläum wird mit der Publikation «Die Welt am Europaplatz. Geschichten aus dem Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» und zehn Veranstaltungen gefeiert, die bis am 14. Dezember 2024 dauern. (pef)
Vor zwei Jahren wurde bekannt, dass es im Haus der Religionen zu Zwangsheiraten gekommen ist. Was war damals Ihr erster Gedanke?
Ich habe bedauert, dass es zu so einem Fall gekommen ist. Meine Vorgängerin hat das Krisenmanagement persönlich übernommen und sehr gut gemacht. Wichtig war, dass der Vorstand das Problem nicht auf die muslimische Gemeinschaft reduziert hat. Alle waren dazu aufgerufen, am gemeinsamen Code of Conduct mitzuarbeiten. Ausserdem wurde die Zusammenarbeit mit der Fachstelle Zwangsheirat in Bern intensiviert. Ich glaube, wir haben daraus gelernt und dafür gesorgt, dass das Thema auf der Agenda bleibt.
Trotzdem: Ist der Imageschaden nicht gerade für das Haus der Religionen, das für Respekt und Toleranz steht, besonders gross?
Als ehemaliger Chef von Präsenz Schweiz (A.d.R.: Organisation des Aussendepartements, die sich um die Imagepflege der Schweiz im Ausland kümmert) bin ich mit dieser Thematik vertraut. Meistens ist der Imageschaden von kurzer Dauer, weil die Menschen schnell vergessen. Ein Problem wäre es erst geworden, wenn wir alle paar Monate wieder eine Zwangsheirat bei uns gehabt hätten.
Sie sind jetzt seit einem Jahr Vorstandspräsident. Wie haben Sie das Amt bisher erlebt?
Es ist faszinierend, ich lerne jeden Tag dazu. Durch meinen Job als Diplomat hatte ich zwar häufig mit Religionsgemeinschaften zu tun, allerdings nie mit acht auf einmal. Manche der Gemeinschaften wie die Bahai oder die Aleviten kannte ich zuvor gar nicht. Ausserdem gibt mir das Präsidium die Möglichkeit, in einer anderen Form weiterhin in einem internationalen Umfeld unterwegs zu sein.