«Im Pfarrberuf bringt eine Frauenquote nichts»

Vor hundert Jahren waren die ersten Pfarrerinnen noch Exotinnen. Heute müssten Frauen im Pfarrberuf nicht mehr um ihre Anerkennung kämpfen, sagt Pfarrerin Tania Oldenhage. In der kirchlichen Führungsebene seien sie jedoch noch untervertreten.

Heute studieren mehr Frauen als Männer Theologie. Trotzdem machen sie nur ein Drittel der Pfarrschaft aus. (Symbolbild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Am 27. Oktober 1918 wurden Rosa Gutknecht und Elise Pfister als erste Frauen in der Schweiz ordiniert. Angestellt wurden sie aber für weniger Lohn – und nur als Pfarrhelferinnen. Lesen Sie hier ihre Geschichte: «Vor 100 Jahren predigten die ersten Frauen in Schweizer Kirchen».


Tania Oldenhage, vor hundert Jahren wurden in Zürich die ersten Frauen ordiniert. Gleichberechtigt waren sie noch lange nicht. Ist es heute anders?
Für die Gleichberechtigung von Pfarrerinnen wurde in den letzten Jahren viel erreicht. Im Studium war es für meine Generation schon selbstverständlich, dass Frauen Pfarrerinnen werden. Die Zeiten sind vorbei, als wir um die Anerkennung unseres Berufsbilds kämpfen mussten. Anders sieht die Situation bei den Katechetinnen aus. Sie sind sehr wichtig für die Kirche, weil sie einen grossen Teil des kirchlichen Unterrichts prägen. Allerdings wundert man sich jedes Jahr, dass es praktisch keine Männer gibt, die sich zu Katecheten ausbilden lassen.

Woran liegt das?
Es herrscht immer noch das alte Bild der Sonntagsschullehrerin vor. Da ist die Katechetin eine Hausfrau, die ehrenamtlich Religion unterrichtet, weil ihre eigenen Kinder unterdessen erwachsen sind. Dieses Bild spiegelt sich im Lohn wieder. Das ist schwierig für jene, die den Beruf professionell ausüben – und es ist ungerecht. Die Religionspädagogik ist ein wichtiger Pfeiler unserer Landeskirche. Wir profitieren davon, denn die Katechetinnen unterrichten jene Kinder, die sich später konfirmieren lassen. Dieses Berufsbild sollte man dringend ändern.

«Die Zürcher Landeskirche hat Grenzverletzungen und Belästigung schon vor der #metoo-Bewegung thematisiert.»

Nur ein Drittel der Pfarrschaft ist weiblich. Braucht es eine Frauenquote?
Nein. Frauenquoten sind zwar ein wichtiges Werkzeug, aber im Pfarrberuf bringt sie nichts. Eigentlich studieren unterdessen mehr Frauen als Männer Theologie. Allerdings arbeiten viele Frauen danach nicht auf ihrem Beruf als Pfarrerin. Warum das so ist, wissen wir immer noch nicht. Das müsste man zuerst untersuchen, bevor wir eine Quote fordern. Die Quote macht erst Sinn, wenn sich langfristig nichts ändert.

Werden Frauen innerhalb der Kirche anders behandelt als Männer?
In der Kirche gibt es alltäglichen Sexismus genauso wie in anderen Berufszweigen. Die Zürcher Landeskirche allerdings hat Grenzverletzungen und Belästigung schon vor der #metoo-Bewegung thematisiert.

Was unternimmt die Kirche dagegen?
Sie hat Stellen geschaffen, an die man sich wenden kann. Es gibt dafür kircheninterne und externe Vertrauenspersonen. Ausserdem sensibilisiert sie bereits während der Ausbildung für Situationen zwischen Arbeitskolleginnen und -kollegen, aber auch für Abhängigkeitsverhältnisse in der Seelsorge oder in der Jugendarbeit. Die Kirche hat hier schon viel wichtige Arbeit geleistet und ist weiterhin daran.

«Das Verhältnis der Geschlechter in den Kirchenräten und in den Entscheidungsgremien ist nach wie vor unausgewogen. Hier müssen Frauen gefördert werden.»

Hat die Kirche der Gesellschaft also etwas voraus?
Im Umgang mit Sexismus und bei der Stellung der Pfarrerinnen wurde tatsächlich schon viel erreicht. Aber das Verhältnis der Geschlechter in den Kirchenräten und in den Entscheidungsgremien ist nach wie vor unausgewogen. Hier sind die Frauen untervertreten und müssten gefördert werden. Ebenso wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Zum Kerngeschäft der Kirche gehört auch die Tradition. Ist diese nicht hinderlich, wenn es darum geht, mit alten Rollenbildern zu brechen?
Ja und nein. In der reformierten Kirche sind wir fokussiert auf die Bibel. Das wird nicht weggehen. Wir sind Teil einer langen Tradition. Die Geschlechterbilder waren früher ein wichtiger Bestandteil davon. Es ist keine Option, diesen Faden abzuschneiden. Wir können uns nicht neu erfinden. Das kann aber auch ein Vorteil sein: Eine Pfarrerin kommt nicht auf die Idee zu sagen, dass Gleichberechtigung für sie kein Thema ist. Wir sind ständig mit alten Texten und entsprechend alten Geschlechterbildern konfrontiert. Diese Traditionsgebundenheit erinnert uns immer wieder daran, für was alles gekämpft wurde und wie gross die Probleme waren. Da kann die Gesellschaft von der Kirche lernen.


Zur Person

(Bild: SRF/Merly Knörle)

Tania Oldenhage hat Evangelische Theologie in Deutschland studiert und in den USA promoviert. Als Assistenzprofessorin für Bibelwissenschaften unterrichtete sie mehrere Jahre in Ohio. 2003 wurde sie Studienleiterin am Evangelischen Tagungs- und Studienzentrum Boldern im Kanton Zürich. Nach ihrem Vikariat in Zürich übernahm sie eine Gastprofessur für Theologische Frauenforschung an der Harvard Divinity School (USA). Seit 2010 ist Tania Oldenhage Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Zürich Fluntern. Sie schreibt ehrenamtlich für die feministisch-theologische Zeitschrift fama und ist Lehrbeauftragte für Theologie an der Universität Basel. (pd)