Warum auch reformierte Frauen streiken

Für den 14. Juni rufen verschiedene Gewerkschaften und Organisationen zum zweiten landesweiten Frauenstreik auf. Fünf Frauen aus der reformierten Kirche erklären, warum sie an diesem Tag auf die Strasse gehen, wo es mit der Gleichstellung noch hapert und was der Heilige Geist damit zu tun hat.

Verschiedene Organisationen und Parteien rufen zum Frauenstreik am 14. Juni auf. Im Bild ein Flyer der SP Frauen Schweiz. (Bild: Keystone / Marcel Bieri)

Gabriela Allemann,
Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz

Am dem 1. Juni bin ich als Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz, kurz EFS, im Amt. Es ist klar, dass ich mich in dieser Funktion auch am Frauenstreik beteilige. Die EFS werden am Morgen des 14. Junis eine Sitzung abhalten und am Nachmittag an der Kundgebung auf dem Bundesplatz in Bern teilnehmen.

Klar ist: Auch in der reformierten Kirche liegt in Sachen Gleichstellung noch vieles im Argen. Im Vorfeld des Streikes haben die EFS deshalb sieben Thesen zum Thema formuliert. Darin geht es unter anderem um eine ausgewogene Besetzung kirchlicher Gremien, aber auch um Rollenbilder oder eine geschlechtergerechte Sprache. Denn die Art, wie wir über Spiritualität und individuelle Glaubenserfahrungen reden, ist noch immer stark männlich dominiert: der Herr, der Heilige Geist – daneben gibt es noch so viel.

Ganz wichtig ist mir aber, dass es an diesem 14. Juni keine Trennung gibt zwischen den Kirchenfrauen und allen anderen Frauen, oder zwischen den Frauen und den Männern. Die Anliegen des Streiks gehen uns alle an: Gleichstellung jetzt! Auch Frauen, die selbst keine Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht haben, die ein gleichberechtigtes Familienmodell leben und nicht von Lohndiskriminierung betroffen sind, können streiken: Aus Solidarität mit denen, die nicht so privilegiert sind.

Auch muss nicht jede Frau gleich die Arbeit niederlegen, wenn sie sich beteiligen will. Es gibt zahlreiche andere Möglichkeiten, sich zu engagieren oder auch einfach nur dabei zu sein, von Kundgebungen bis hin zu Gottesdiensten. Das gefällt mir an diesem Frauenstreik 2019: Er ist ein lautes und buntes Statement für mehr Lebensfülle und Lebensfreude – und das macht ihn anschlussfähig für alle.

Vreni von Allmen,
sozialdiakonische Mitarbeiterin
bei der Paulusgemeinde Bern

Angefangen hat alles mit einer Kunstaktion im Rahmen der Ökumenischen Kampagne von Brot für alle. Vor dem Kirchgemeindehaus Paulus in Bern, wo ich arbeite, wurde eine interaktive Ausstellung mit Holzkuben installiert, die unter anderem Ausschnitte aus dem Film «Female Pleasure» zeigte. Darin geht es um Frauen aus ganz unterschiedlichen kulturellen Kontexten, die für sexuelle Aufklärung und Selbstbestimmung kämpfen. Am Ende der Kampagne sollten die Würfel abgebaut werden, doch mich hatte das Projekt so beeindruckt, dass ich das Thema weiterziehen wollte. Ich stellte also einen Antrag an den Kirchgemeinderat, um für den Frauenstreik vom 14. Juni etwas zu organisieren – ohne zu wissen, was das genau sein könnte. Erst nach und nach wurden die Ideen konkreter.

Nun werden wir zunächst einen Apéro mit einem Input unserer Pfarrerin Anita Masshardt veranstalten. Danach geht es in die Stadt, wo wir uns mit den Frauen des Katholischen Frauenbundes vor der Heiliggeistkirche treffen werden. Ausserdem haben wir zu dritt einen Kubus umgestaltet. Eine Seite kann nun mit eigenen Erfahrungen und Wünschen rund um das Thema Gleichstellung beschrieben werden, auf einer weiteren sind Segenssprüche und Gebete von feministischen Theologinnen zu lesen.

Dem Argument, statt zu streiken sollten die Frauen sich lieber auf politischer Ebene engagieren, kann ich wenig abgewinnen. Schliesslich hat nicht jede Frau die Möglichkeit, sich beispielsweise in ein Parlament wählen zu lassen. Und überhaupt ist das keine Frage von «entweder, oder», sondern von «sowohl als auch».

Trotzdem: Das Wort «Streik» benutze auch ich nur ungern. Es geht mir ja nicht darum, meinen Arbeitgeber zu bestreiken. Es ist für mich auch kein Geschlechterkampf, sondern eher ein schweizweiter Aktionstag von Frauen für Frauen, an dem wir für Gerechtigkeit und Solidarität eintreten. Denn unser kapitalistisches Patriarchat ist mit dem Anspruch auf Ebenbürtigkeit nicht vereinbar.

Franziska Huber,
Kirchgemeindepräsidentin
der Paulusgemeinde Bern

Als Frau habe ich mich nie benachteiligt gefühlt – bis zu dem Moment, als ich Kinder bekommen habe. Plötzlich war ich diejenige, die kürzertreten musste, weil ich eben ein Bébé im Bauch hatte. Plötzlich standen Fragen im Raum wie die, wer denn nun weniger arbeiten geht, mein Mann oder ich. Erst da realisierte ich, dass Gleichstellung schwieriger zu erreichen ist, als ich gedacht hatte.

Es ist mir klar, dass ich das aus einer privilegierten Situation heraus sage: Ich habe mit der Kirche einen sehr sozialen Arbeitgeber, ich konnte eine gute Ausbildung machen, habe einen Mann, mit dem ich über Fragen der Gleichstellung sprechen kann, und dank einer Nanny haben wir ab dem Sommer die Chance, Beruf, Ehrenamt und Familie unter einen Hut zu bringen. Doch ich weiss, dass es ganz vielen Frauen nicht so geht.

Hinzu kommt die politische Ebene: Gerade eben wurde zum Beispiel der Vaterschaftsurlaub abgelehnt. Das zeigt, wie dermassen rückständig wir in der Schweiz in diesen Fragen noch immer unterwegs sind. Aus diesen Gründen finde ich es wichtig, mich am Frauenstreik zu beteiligen.

Ob ich am 14. Juni die Arbeit niederlege? Eine interessante Frage, die viel darüber aussagt, wie wir Arbeit definieren – nämlich als bezahlte Arbeit. Und ja, dieser Arbeit würde ich fernbleiben, wenn ich am Freitag nicht ohnehin frei hätte. Doch mit der Care-Arbeit, dass ich an diesem Tag für meine Kinder da bin, damit kann ich eben nicht einfach aufhören. Und auch darum geht es beim Frauenstreik: Frauen übernehmen wahnsinnig viel unbezahlte Arbeit und bleiben dabei weitgehend unsichtbar. Das muss sich ändern.

Als wir im Kirchgemeinderat der Berner Paulusgemeinde einen Antrag für eine Aktion zum Frauenstreik erhalten haben, war für mich denn auch schnell klar, dass ich das unterstützen würde. Auch die anderen Ratsmitglieder stimmten zu. Das hat mich sehr gefreut.

Tina Bernhard-Bergmaier,
Pfarrerin in Uetikon am See

Vor der Hochzeit mit meinem Mann habe ich mir gewünscht, dass er meinen Namen annimmt. Die Reaktionen darauf: Während die einen lapidar meinten, das mit dem Namen sei doch ohnehin nicht so wichtig, gaben andere mir zu verstehen, ich sei arrogant oder lachten mich schlichtweg aus. Das hat mir zu denken gegeben: Eine Frau darf sich 2019 nicht mal wünschen, dass ihr Mann ihren Namen annimmt.

Auch in anderen Bereichen ist die Gleichstellung nur auf dem Papier erreicht. Sowohl privat als auch durch meinen Beruf als Pfarrerin lerne ich immer wieder Frauen – und auch Männer – kennen, die um Vereinbarkeit kämpfen. Gerade Mütter führen oft ein Leben, in dem sie ständig Abstriche machen, in dem sie nicht das tun können, was sie eigentlich möchten, weil sie versuchen, all den gesellschaftlich auferlegten und verinnerlichten Ansprüchen gerecht zu werden. Ich sehe das als ein Leiden, und um auf solche Situationen aufmerksam zu machen, unterstütze ich diesen Streik.

Wenn sich eine Frau nicht daran beteiligen mag, stört mich das nicht. Ich finde aber, Frauen sollten insofern solidarisch sein, als sie den Streik nicht schlecht machen oder öffentlich dagegen anreden. Denn die meisten Frauen teilen ja die Grundanliegen der Gleichstellung. Nur in der Frage, wie wir gehört werden sollen, sind wir uns nicht immer eins.

Ich selber bin noch nicht sicher, an welcher Veranstaltung ich am 14. Juni teilnehmen werde. Klar ist aber schon jetzt, dass ich am Sonntag darauf bei einer Konfirmation die Gelegenheit nutzen werde, etwas zum Frauenstreik zu sagen. Ich glaube, das ist sogar wirkungsvoller, als wenn ich einfach keine Sitzungen oder Taufgespräche auf den Streiktag legen würde. Was mich darüber hinaus besonders freut: Auch unsere Könfis haben für den Anlass Themen gewählt, die mit Diskriminierung und Gleichstellung zu tun haben. Das scheint die Jungen zu beschäftigen.

Judith Borter,
Leiterin der Fachstelle für Genderfragen und Erwachsenenbildung Baselland

Ich habe mehrere Gründe, diesen Streik zu unterstützen. Zum einen schliesse ich mich den «allgemeinen» Forderungen des Gewerkschaftsbundes an: Finanzielle und gesellschaftliche Aufwertung der Arbeit von Frauen; mehr Zeit und Geld für Betreuungsarbeit; Respekt statt Sexismus am Arbeitsplatz. Hinzu kommen spezifisch kirchliche Anliegen. Denn trotz formaler Gleichstellung gibt es auch bei den Reformierten noch einiges zu tun – etwa in den Bereichen soziale Sicherheit bei Kleinstpensen, Familienfreundlichkeit oder Freiwilligenarbeit.

Ein wichtiger Punkt ist für mich auch der Vaterschaftsurlaub. Die Situation in der Schweiz finde ich persönlich peinlich, doch für die reformierte Kirche wäre das eine Chance, eine Pionierrolle einzunehmen. Warum nicht als Kirchgemeinde ein Zeichen setzen und einen grosszügigen Vaterschaftsurlaub einführen?

Ob ich schlicht als Frau oder spezifisch als Kirchenfrau streike, kann ich gar nicht so genau sagen. Für mich lässt sich das nicht trennen – ich bin immer irgendwie Kirchenfrau. Das Evangelium verstehe ich ganzheitlich und so ist es für mich immer politisch. Kirche soll sich zu Fragen der Allgemeinheit äussern und deshalb auch zur Gleichstellung.

Mein Programm für den 14. Juni möchte ich noch nicht verraten. Die «Gruppe 14. Juni» – ein loser Zusammenschluss von Baselbieter Frauenorganisationen, zu denen auch die Fachstelle für Genderfragen und Erwachsenenbildung gehört – plant nämlich eine Aktion, die derzeit noch geheim ist. Würde ich davon erzählen, ginge der Witz verloren. Was aber schon bekannt ist: Am Vorabend des Streiks laden wir ein paar Dutzend Frauen und Männer aus Politik, Kultur, Kirche und Wirtschaft zu einem Film- und Diskussionsabend nach Liestal ein. Gezeigt wird der Film On the Basis of Sex über die Frauenrechtsikone Ruth Bader Ginsburg.