Gleichstellung

«Frauen in Führungspositionen werden angefeindet»

Seit 75 Jahren setzen sich die Evangelischen Frauen Schweiz für die Gleichstellung ein. Auf welche sozialen Hürden Frauen immer noch stossen und warum es den Verband weiterhin braucht, erklärt Präsidentin Gabriela Allemann im Interview.

Politisieren in Bern: Vertreterinnen der Evangelischen Frauen Schweiz haben im vergangenen Oktober an der Frauensession teilgenommen. (Bild: zVG EFS)

Frau Allemann, die Evangelischen Frauen Schweiz feiern in diesem Jahr ihr 75-Jahr-Jubiläum, Anlass zur Freude ist das nur bedingt, denn es gibt grosse finanzielle Probleme. Sind Sie überhaupt in Feierlaune?
Unser Verband hat seit seiner Gründung einiges für die Gleichstellung der Frauen erreicht, darauf dürfen wir stolz sein. Die finanzielle Situation ist ein Wermutstropfen. Um die Aktivitäten im Jubiläumsjahr zu finanzieren, starten wir deshalb erstmals in unserer Geschichte ein Crowdfunding.

Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Die Idee eines Crowdfunding hat uns gefallen, weil sie etwas Spielerisches hat. Zugleich hoffen wir, damit neue Menschen anzusprechen. Für unser Fortbestehen ist entscheidend, dass sichtbar ist, was wir leisten.

Warum ist es wichtig, dass es den Verband weiter gibt?
Das lässt sich leicht beantworten: Weil wir unsere Ziele noch nicht alle erreicht haben. In der Kirche und in der Gesellschaft haben wir zwar inzwischen die rechtliche Gleichstellung von Frau und Mann. Bei der faktischen Gleichstellung hapert es aber. Die Rollenbilder sind nach wie vor verkrustet und behindern Fortschritte. Da braucht es auch in Zukunft Personen und Organisationen, die den Finger draufhalten und sagen: Das reicht noch nicht.

Die reformierte Kirche scheint bei der Gleichstellung auf gutem Weg zu sein. Rund ein Drittel der Deutschschweizer Kirchenratspräsidien ist mit Frauen besetzt.
Es freut uns, dass aktuell wieder so viele Frauen in kirchlichen Leitungspositionen sind. Vor wenigen Jahren gab es gerade mal noch eine Präsidentin. Das zeigt, wie fragil dieser Zustand ist. Gelangt eine Frau in eine Führungsposition, wird das immer besonders hervorgehoben. Das ist ein Zeichen dafür, dass es nicht als normal empfunden wird. Unser Ziel ist es, dass es eine Selbstverständlichkeit wird und nicht darum gerungen werden muss, dass eine Frau gewählt wird. Es ist schwierig, Frauen für solche Ämter zu gewinnen und sie zu motivieren, eine längere Zeit engagiert zu bleiben.

Woran liegt das?
Zum einen sind Frauen oft mit Beruf und Kinderbetreuung ausgelastet und haben keine Zeit für Ämter mit hohem zeitlichen Aufwand. Zum andern müssen Frauen in Leitungspositionen einiges aushalten. Frauen in Führungspositionen werden nicht selten angefeindet, das hat mit der Kommunikation über die Sozialen Netzwerke eine neue Dimension erreicht. Das ist so entwürdigend und manchmal auch bedrohlich. Frauen müssen sich zweimal überlegen, ob sie sich dem aussetzen wollen.

Wie wollen Sie dem entgegenwirken?
Es braucht Zeit, um die Rollenbilder in den Köpfen aufzulösen. Das gilt auch für das Rollenbild des Mannes. Auch da haben sich alternative Modelle, in denen zum Beispiel mehr Zeit für die Vaterschaft ist, noch nicht durchgesetzt. Alle diese Fragen müssen gesellschaftlich ausgehandelt werden, das sind komplizierte und langwierige Prozesse. Wir von den EFS versuchen, diese Themen auf der Agenda zu halten und Ungleichheiten immer wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rufen.

Zur Person

Die Theologin Gabriela Allemann (43) ist seit Sommer 2019 Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz. Zuvor war sie zehn Jahre Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Münsingen im Kanton Bern. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Olten im Kanton Solothurn.

Ist die Ungleichheit von Mann und Frau auch ein Thema an der kirchlichen Basis?
Im traditionellen Verständnis der Kirche sind Frauen stark in der dienenden Rolle. Das zeigt sich bis heute in der Freiwilligenarbeit, die zu einem grossen Teil von Frauen getragen wird. Sie sind es, die die Kirchenkaffees und Seniorennachmittage in den Gemeinden am Laufen halten. Freiwilligenarbeit ist ein Kitt unserer Gesellschaft, aber ihr Wert wird zu wenig anerkannt. Wir wollen ihn stärker sichtbar machen und überlegen uns, wie wir diese Arbeit aufwerten können. Eine Idee ist, dass die Freiwilligenarbeit – wie auch die Betreuungsarbeit – rentenrelevant wird, das heisst, in irgendeiner Form als Erwerbseinkommen angerechnet wird. Dabei stellen sich komplexe Fragen, zum Beispiel wie die Arbeit erfasst und quantifiziert werden soll. Da stehen wir erst am Anfang.

Was steht im Jubiläumsjahr sonst auf der Agenda?
Traditionell ist die Friedensarbeit ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Durch den Krieg in der Ukraine steht dies nun ganz oben und wir überlegen uns, in welcher Form wir uns für Frieden und gewaltfreie Lösungen einsetzen können. Auf den Herbst hin wird uns die Abstimmung über die AHV-Reform beschäftigen, bei der es unter anderem um die Erhöhung des Rentenalters für die Frauen geht. Intern wollen wir darüber diskutieren, wie die Pandemie die Kirche verändert hat.

Sie sind seit bald drei Jahren im Amt. Welche Momente waren am schönsten, und wo waren Sie am stärksten gefordert?
Eine grosse Herausforderung war der Umgang mit Corona. Ich war bei Ausbruch der Pandemie erst wenige Monate im Amt. Dieses lebt von persönlichen Begegnungen, die waren plötzlich gar nicht mehr möglich. Ungewohnt ist für mich als Theologin auch, dass ich mich so ausgiebig mit Finanzen befassen muss. Ein besonderer Moment war der Frauenstreik im Juni 2019, da waren wir mit vielen Frauen aus den Kirchen präsent. Ein weiterer Höhepunkt war die Frauensession im Bundeshaus im vergangenen Oktober: Die Diskussionen waren intensiv, die Stimmung kraftvoll. Das motiviert mich.

Das Crowdfunding der Evangelischen Frauen Schweiz ist am Dienstag,
8. März 2022, gestartet, es läuft bis Mitte April.