Homophobie
Selbstkritik der EVP kommt zu spät: Lea Blattner wechselt zu den Grünen
Anfang Jahr hat Lea Blattner die Notbremse gezogen: Sie entschied sich, von ihren politischen Ämtern als Co-Präsidentin der Jungen EVP und Parteivorständin der EVP Schweiz zurückzutreten. Der Auslöser waren Hassnachrichten gewesen, die Blattner erhalten hatte, nachdem sie sich in den Sozialen Netzwerken als queere Person geoutet hatte (ref.ch berichtete).
Unmittelbar nach ihrem offiziellen Rücktritt am 18. April machte sie publik, dass sie neu für die Grünen politisieren wird. Gleichzeitig gab sie im Interview mit der «Basler Zeitung» ihren Austritt aus der EVP bekannt.
Sie habe genug davon, Zeit und Energie in die Verteidigung von sich selbst und ihrer sexuellen Orientierung zu investieren, sagte Blattner gegenüber der Zeitung. Entscheidend für den Parteiwechsel seien Aussagen der EVP-Parteileitung gewesen, wonach in der Partei unterschiedliche «theologische Überzeugungen» weiterhin Platz haben sollten. Daraus schloss Blattner, dass Haltungen, die Homosexualität als Sünde bezeichnen, weiterhin geduldet würden. «Wenn du das als legitime Meinung gelten lässt, schaffst du den Nährboden für Diskriminierung.»
EVP übt Selbstkritik
In einem Communiqué verabschiedete die EVP Lea Blattner und distanzierte sich vom Vorwurf der Homophobie in den eigenen Reihen: «Homophobie, Hass, Drohungen und Diskriminierung dürfen in einer demokratischen Gesellschaft keinen Platz haben und werden in der EVP nicht toleriert.» Die Menschenwürde sei unantastbar. «Das gilt unabhängig der sexuellen Orientierung», lässt sich Parteipräsidentin Lilian Studer zitieren.
Die Partei übt dabei auch Selbstkritik: Man habe über «wenig Erfahrung im Umgang mit gezielten Anfeindungen gegen einzelne Mitglieder» verfügt, zudem sei intern «kein ausreichendes Bild» von den Hassnachrichten vorhanden gewesen. EVP-Politikerinnen und -Politiker sollen künftig besser begleitet werden. Sie werden zum Beispiel juristisch unterstützt, wenn sie rechtlich gegen Hassnachrichten vorgehen wollen. Ausserdem gibt es eine unabhängige, externe Meldestelle, an die sich Betroffene wenden können (ref.ch berichtete).
Ein generelles Homophobie-Problem innerhalb der Partei sieht die EVP bis heute nicht, wie sie in der Mitteilung schreibt. Auch konnten keine Hassnachrichten oder homophoben Angriffe eindeutig EVP-Mitgliedern zugeordnet werden. Beides folgert die Partei nach internen Untersuchungen.
Hoffnung auf einen Neuanfang
Für Lea Blattner kommen sowohl die klare Verurteilung der Homophobie der Partei als auch die Massnahmen zu spät, wie sie in der «Basler Zeitung» ausführte. Vom Wechsel zu den Grünen erhofft sich die Jungpolitikerin einen Neuanfang. «Ich kann nun meine Energie wirklich in die Politik und die Veränderung für einzelne Menschen stecken.» Sie müsse keine Angst mehr haben, dass jeder Satz, den sie öffentlich zu queeren Anliegen sage, jemandem sauer aufstossen könne.
Mit den Grünen hat Blattner bereits seit zwei Jahren im Allschwiler Einwohnerrat zusammengearbeitet. Klima- und Umweltschutz seien in ihrer Politik schon davor zentrale Themen gewesen. Der Wechsel sei damit ein Schritt zu einem Umfeld, das sie trage – politisch wie persönlich, sagte sie. (eba/ jow)