Ersehnter Friede
Das Ende des Zweiten Weltkriegs fiel auf einen Dienstag im Mai. Die Kirchenglocken läuteten überall in der Schweiz, man beflaggte die Häuser und wusste nicht, wohin mit seiner Freude. In Zürich fanden abends gleichzeitig Friedensgottesdienste im Grossmünster und vis-à-vis im Fraumünster statt, in denen sich die Menschen drängten. Derweil wurde in der Tonhalle Beethovens 9. Symphonie gespielt – das triumphale Ende eines Tags der grossen Gefühle.
Die «Neue Zürcher Zeitung» berichtete in ihrer Morgenausgabe vom 9. Mai 1945, was sich am Vortag in Zürich ereignet hatte. Aus allen Schulen der Stadt seien die Klassen «mit wehenden Fahnen» aufgebrochen, vaterländische Lieder singend. Geschäfte hätten kurzerhand zugesperrt, bei manchen sei eine Tafel gehangen mit der Notiz: «Wegen Friedens heute geschlossen».
Angestellte erhielten einen freien Tag und in der gesamten Innenstadt entspann sich ein spontanes Volksfest. Dieses sei um elf Uhr stillgestanden, als in den Kirchen der Stadt die Glocken zu läuten begannen.
Die Menschen feiern ausgelassen
Danach ging es weiter wie zuvor. Tausende seien in die Stadt geströmt, heisst es im Bericht. Die Menschen sangen und tanzten auf den Strassen, füllten die Wirtshäuser, taumelten im Glück. Abends läuteten die Glocken wieder und die Menschen zog es in die Kirchen. Der Journalist schrieb: «Uns packte ein Bild, wie wir es noch nie gesehen: gefüllte Bänke, Hunderte stehend in den Gängen und Schiffen, alles zu Choral und Gebet bereiter als sonst.»
In historischen Bildern greift die Redaktion Momente der Zeitgeschichte auf, die in der reformierten Landschaft Relevanz haben. Die Texte in der Rubrik «Zeitzeuge» erscheinen in loser Folge. (red)
Später würden unbekannte Zürcher die Häuser und Geschäfte von Sympathisanten der Nationalsozialisten verschmieren oder beschädigen. Die Behörden würden in den folgenden Monaten hunderte Nationalsozialisten und Faschisten aus dem Kanton Zürich verweisen, wie das Zürcher Stadtarchiv schreibt. Doch noch geben sich die Menschen ganz der Erleichterung und Freude hin.
Kirchenrat ermahnt die Zürcher
Der Kirchenrat wendet sich anlässlich des Tags der Waffenruhe an das «Zürchervolk». Sein Aufruf ist in der Morgenausgabe der NZZ vom 11. Mai 1945 abgedruckt. Er beginnt mit den Worten: «Dem Toben der Waffen ist Einhalt geboten. Das Morden hat ein Ende. Es will Frieden werden. Und uns ist das Vaterland unverletzt geblieben.» Das sei ein unermessliches Wunder.
«Kein Hunger griff zu, keine Seuche brach herein», schreibt der Kirchenrat weiter. Doch er warnt davor, sich in leichtfertiger Sicherheit zu wähnen, denn schwierige Aufgaben stünden an. Auch müssten alle Busse tun: «Wir alle, auch wir Kirchenleute, sind beteiligt gewesen am Irrglauben und Falschleben, die die Gerichte Gottes herausforderten.» Näher führt es der Kirchenrat nicht aus, fordert aber die Menschen zum Zusammenhalt auf und zum Gebet, denn: «Ein starkes Volk kann nur sein, wo christusgläubige Familien, gottesfürchtige Ehen, vom Geist des Evangeliums beherrschte Schulen und Ratstuben und Gerichtssäle sind.»