Thurgauer Synode

Engagierte Diskussion über «Ehe für alle»

Das emotionalste Traktandum hatten sich die Synodalen der evangelischen Thurgauer Landeskirche bis zum Schluss aufgehoben: Fast anderthalb Stunden debattierten sie am Montagnachmittag über die Umsetzung der «Ehe für alle». Entscheide konnten aus formalen Gründen keine getroffen werden.

Wer regelmässig parlamentarische Versammlungen verfolgt, weiss: Interpellationen führen in der Regel nicht zu grossen Diskussionen. Sie dienen zur Klärung von Sachverhalten, dazu, dass Fragen gestellt werden können, die von der Exekutive beantwortet werden. An der Synode der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau war das am Montag, 28. November, anders: Engagiert, bisweilen emotional, wurde eine Interpellation zur Umsetzung der «Ehe für alle» debattiert.

Hintergrund waren die kürzlich kommunizierten Richtlinien des Kirchenrates zu Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare. Demnach dürfen Kirchgemeinden selber entscheiden, ob sie ihre Räumlichkeiten für diese Trauungen zur Verfügung stellen oder nicht (ref.ch berichtete). Der Kirchenrat begründet das mit der Autonomie der Kirchgemeinden, die im Thurgau einen hohen Stellenwert habe. Damit geht die Ostschweizer Landeskirche weiter als die meisten anderen, die bisher lediglich die Gewissensfreiheit für Pfarrpersonen festgehalten haben.

An der Synode gab es daran heftige Kritik. «Wir sagen den homosexuellen Menschen: Ihr seid willkommen bei uns, wir nehmen gerne euer Geld – aber heiraten dürft ihr hier nicht», sagte etwa Harald Ratheiser aus Arbon. Das sei stossend und schlicht eine Diskriminierung. «Wir machen etwas, das gegen die Menschenrechte ist – als Kirche. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.»

Dem pflichtete Judith Hübscher aus Gachnang bei. Viele Menschen wollten in ihrem Wohnort heiraten, mit ihrer Gemeinde, mit ihren Nachbarn. Durch diese Regelung könne es aber passieren, dass ihnen das nicht erlaubt werde. «Das ist keine Willkommenskultur, das ist eine Farce», so Hübscher, die zudem darauf pochte, dass Kirchen öffentliche Gebäude seien.

Ein gewisses Verständnis für die Regelung äusserte zwar Frank Sachweh. Er betonte aber, dass dies nichts sei, wofür sich die Thurgauer Kirche auf die Schulter klopfen könne. Es sei hartherzig und verletzend, so der Synodale aus Sulgen. Die Kirche müsse dahin kommen, dass Sexualität keine Rolle mehr spiele.

«Homosexuelle Paare sind bei uns willkommen»

Andere Redner gratulierten dem Kirchenrat zu seinen Ausführungen. Er sei froh, Teil einer Kirche zu sein, in der die Kirchenvorsteherschaften solche Entscheide kompetent treffen könnten und nicht der Kirchenrat über alle bestimme, sagte Marc Ditthardt aus Lengwil. «Diese Autonomie zeichnet uns aus.» Weitere Votantinnen verwiesen auf die religiösen Gefühle der Behördenmitglieder oder darauf, dass die Zahl der Konflikte, die aufgrund der Regelung entstehen dürften, faktisch wohl ohnehin klein sei.

Zum Schluss der Debatte machte Kirchenratspräsidentin Christina Aus der Au das Hauptanliegen des Kirchenrates deutlich: «Bleibt miteinander im Gespräch!», forderte sie die Anwesenden auf. Eine Trauung in den eigenen Räumlichkeiten ablehnen zu können, heisse nicht einfach Nein zu sagen. Sondern zu begründen und das Gespräch zu suchen, immer und immer wieder. «Homosexuelle Paare sind bei uns willkommen, das ist der Grund und Boden, auf dem unsere Ausführungen stehen.»

Eine Abstimmung fand nicht statt; dies ist bei Interpellationen nicht vorgesehen. Allfällige Anträge – etwa, dass die Synode eine Regelung finden muss und nicht die einzelnen Kirchgemeinden, wie es ein Anwesender verlangte – müssten für künftige Synoden formuliert und traktandiert werden.

Budget sieht ein Minus vor

Weiter überwiesen die Synodalen an dieser Winterversammlung zwei Motionen. Dabei ging es einerseits um die freie Wahl der Kirchgemeinde: Der Kirchenrat wird beauftragt, eine Auslegeordnung zu machen, wie dieses Instrument in der Thurgauer Kirche eingeführt werden könnte – mit möglichst wenig Aufwand und Bürokratie, wie der Motionär betonte. Andererseits soll die Gestaltung des Konfirmandenjahres überprüft und allenfalls angepasst werden, auch im Hinblick auf den sich abzeichnenden Pfarrmangel. Hier wurde unter anderem die Frage aufgeworfen, ob der Konfirmandenunterricht zwingend immer von der Pfarrperson durchgeführt werden muss.

Das Budget für das Jahr 2023 wurde von den anwesenden Synodalen einstimmig angenommen. Es sieht ein Defizit von rund 114'500 Franken vor. Die Geschäftsprüfungskommission hielt fest, das sei angesichts der positiven Abschlüsse in der Vergangenheit sowie des «komfortablen Eigenkapitals» vertretbar. Sie erwarte aber künftig zusätzlich zum Budget einen Finanzplan, um die längerfristige Entwicklung beurteilen zu können. Dies sicherte Kirchenratspräsidentin Christina Aus der Au zu. (vbu)