Zertifikatspflicht

«Eine Pandemie lässt sich nicht mit theologischen Argumenten bekämpfen»

Seit Montag gilt unter anderem in Restaurants die Zertifikatspflicht. Nicht so in den Kirchen. Dort kann der Gottesdienst bis 50 Personen ohne Zertifikat gefeiert werden. Dabei müsste die Kirche sich gerade jetzt solidarisch zeigen, findet Ethiker Frank Mathwig.

Die Einführung der Zertifikatspflicht, von der auch Gottesdienste nicht ganz ausgenommen sind, hält der Theologe Frank Mathwig für vernünftig. (Bild: Keystone/Pierre Albouy)

Herr Mathwig, vergangene Woche hat der Bundesrat beschlossen, dass nur noch geimpfte, genesene oder getestete Menschen Zugang zu etwa Restaurant haben sollen. Ist das aus ethischer Sicht zulässig?
In diesen Bereichen eine Zertifikatspflicht einzuführen, halte ich in der jetzigen Lage für vernünftig und verhältnismässig. Anders sieht es dagegen beim öffentlichen Verkehr aus, bei der Poststelle oder in Lebensmittelgeschäften.

Warum kann der Bund das Zertifikat  nicht auf öffentliche Bereiche ausweiten?
Weil damit die staatlich garantierten Grundrechte der Person in unzumutbarer Weise eingeschränkt würden. Die liberale Gesellschaft darf nicht nur auf den Nutzen einer Massnahme schauen, sondern muss sicherstellen, dass der gesellschaftliche Nutzen nicht auf Kosten der persönlichen Freiheitsrechte geht.

Die Kirchen sind von der 3G-Regel ausgenommen. Gottesdienste und Beerdigungen können bis zu 50 Personen ohne Zertifikat abgehalten werden. Ist das die richtige Entscheidung?
Aus theologischer Sicht ja. Die Kirche soll und darf niemanden ausschliessen. Als zivilgesellschaftliche Akteurin steht die Kirche zugleich nicht neben, sondern mitten in der Gesellschaft. Dort sind ihre Solidarität und Verantwortung gefragt. Deshalb stellt sich auch für sie die Frage der Zertifikatspflicht.

Sind die Kirchen nicht auch wie der Staat verpflichtet, die Gesundheit ihrer Besucherinnen zu schützen?
Ja. Das entspricht dem kirchlichen Selbstverständnis als lebendige Nachfolge- und Verantwortungsgemeinschaft. Die Sorge – oder biblisch: die Liebe – für die Nächste und den Nächsten ist kein Argument gegen, sondern für die Zertifikatspflicht.

«Der Konflikt muss ausgehalten werden»

Die Kirchen setzen sich aber dafür ein, dass sie ganz von der Zertifikatspflicht befreit werden. Was sagen Sie dazu?
Theologisch kann ich das nachvollziehen. Aber eine Pandemie wird nicht mit theologischen Argumenten, sondern epidemiologischen Massnahmen bekämpft. Dabei können die kirchliche und die politische Sicht in Streit geraten. Der Konflikt lässt sich häufig, aber nicht immer lösen. Dann muss er ausgehalten werden.

Zur Person

Frank Mathwig ist Beauftragter für Theologie und Ethik bei der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Zudem ist er als Titularprofessor für Ethik an der Universität Bern tätig und sitzt in der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin. Mathwig ist gebürtiger Deutscher und hat in Marburg und Hamburg Theologie und Philosophie studiert. (bat)

Der Bundesrat zieht die Schraube an, damit das Gesundheitssystem, insbesondere die Intensivstationen, nicht überlastet werden. Schon jetzt müssen Operationen verschoben werden. Manche verlangen nun, dass Ungeimpfte die Spitalkosten selbst übernehmen. Was halten Sie davon?
Gar nichts! Rechtlich und medizin-ethisch liegt der Fall klar: Die Medizin kennt kein Verschuldensprinzip. Jede Person verdient grundsätzlich die gleiche medizinische Behandlung. Das gilt auch für gesundheitsschädigende Verhaltensweisen wie Rauchen oder Extremsportarten.

Folglich dürfen Ungeimpfte bei einer allfällige Triage nicht benachteiligt werden?
Nein. Der Impfstatus darf bei einer Triage keine Rolle spielen

Damit es gar nicht soweit kommt, ist es wichtig, dass die Gesellschaft solidarisch handelt, um gemeinsam die Pandemie zu bekämpfen. War die Gesellschaft während der Pandemie solidarisch?
Am Anfang der Pandemie gab es eine grosse Solidarität. Aber ich glaube, dass die Solidaritätsressourcen durch die Dauer der Krise auf eine harte Probe gestellt werden. Im Herbst wird sich zeigen, wie viele Solidaritätsreserven noch vorhanden sind und ob diese aktiviert werden können.

«Solidarität braucht Perspektive und die Gesellschaft eine Kirche, die Mut zur Hoffnung macht.»

Kann die Kirche  dazu beitragen, dass diese Solidarität nicht schwindet?
Die grösste Herausforderung besteht aus meiner Sicht darin, die Hoffnung wachzuhalten. Am Anfang der Pandemie haben die Menschen massive Einschränkungen in Kauf genommen, weil die Aussicht bestand, den kritischen Zustand schnell zu überwinden. Heute müssen wir Einschränkungen in Kauf nehmen, obwohl unsere Hoffnungen einen kräftigen Dämpfer erhalten haben. Solidarität braucht Perspektive und die Gesellschaft eine Kirche, die Mut zur Hoffnung macht.

Die Schweiz hat weltweit im Verhältnis zur Bevölkerung mitunter die meisten Corona-Toten zu beklagen. Ist das nicht ein zu hoher Preis für die Freiheit, die der Staat den Bürgern in der Pandemie gewährt hat?
Der Preis ist in der Tat heftig und aus der Perspektive jeder verstorbenen Person und ihrer Angehörigen unerträglich. Gleichzeitig ist eine Gesellschaft, die nur auf Überleben setzt, keine Gesellschaft, in der Menschen leben wollen. Eine Überlebensdiktatur kann nicht die Alternative zu einer freien Gesellschaft sein. Wo die Grenze verläuft, lässt sich aber nicht objektiv definieren.

Sind Sie selbst geimpft?
Ja.

Warum haben Sie sich impfen lassen?
Erstens, um endlich wieder meine 89-jährige Mutter in Deutschland besuchen zu können. Zweitens, weil ich mich vor einem schweren Infektionsverlauf schützen will. Drittens, weil ich verantwortlich bin für die Menschen, die sich nicht selbst schützen können, weil sie aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden dürfen. Und viertens, weil in den kritischen Phasen der Pandemie viele schwerkranke Menschen aufgrund der Überlastung der Spitäler mit Coronapatientinnen und -patienten keine angemessene Behandlung erhalten haben und sterben mussten.