Corona-Pandemie

«Eine Impfflicht wäre das letzte Mittel»

Vor einigen Wochen ist die grösste Impfaktion in der Geschichte der Schweiz angelaufen. In Teilen der Bevölkerung ist die Skepsis gegen die Corona-Impfung allerdings noch immer gross. Trotzdem sei ein Zwang nicht der richtige Weg, sagen Ethiker.

Ein Transparent mit einer Spritze vor dem Impfzentrum auf dem Areal der Messe Luzern. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)

Bei der Bekämpfung des Coronavirus ruhen viele Hoffnungen auf der Impfung. Rund 70 Prozent müsste die Durchimpfungsrate laut Experten betragen, um die Pandemie zu beenden. Wann die Herdenimmunität erreicht wird, ist derzeit aber fraglich. Weite Bevölkerungskreise sind in dieser Frage immer noch zurückhaltend.

So berichteten Medien über eine verbreitete Impfskepsis unter dem Pflegepersonal. Aber auch junge und gesunde Menschen sind unsicher, ob sie sich impfen lassen sollen. Diffuse Ängste lösen insbesondere die möglichen Nebenwirkungen und Langzeitfolgen des neuartigen Impfstoffs aus.

Michael Coors, Professor für Theologische Ethik an der Universität Zürich, hat für diese Sorgen teilweise Verständnis. Den Nutzen einer Impfung gegen die möglichen Risiken abzuwägen, sei legitim. «Schliesslich ist das ein Eingriff in meinen Körper, zu dem ich mein Einverständnis geben muss», sagt er.

Trotzdem greife diese Überlegung zu kurz. «Das Besondere an Impfungen allgemein ist, dass es nicht allein um meinen eigenen Nutzen, sondern auch um das Gemeinwohl geht», sagt Coors. Zwar sei das Risiko, schwer an Corona zu erkranken, für junge Menschen relativ klein. Es sei aber wichtig, dass sich möglichst viele Menschen impfen liessen. «Auch als gesunder Mensch kann ich einen kleinen Teil dazu beitragen, dass wir aus der Pandemie herauskommen.»

Zudem seien die Risiken der Impfung gering, sagt Coors. So seien die gebräuchlichen Impfstoffe von verschiedensten Institutionen weltweit als sicher eingestuft worden. Dagegen sprechen laut dem Ethiker auch nicht vereinzelte Todesfälle nach einer Impfung. «In den bisher bekannten Fällen gibt es nach meiner Kenntnis keinen Hinweis darauf, dass ein direkter Zusammenhang mit der Impfung besteht. Denn diese Menschen waren ohnehin schon sehr alt oder krank», sagt Coors.

«Dilemma zwischen Freiheit und Lebensschutz»

Zurückhaltender bei dem Thema ist die Theologin und Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle, Leiterin der Stiftung Dialog Ethik. Auch sie empfiehlt eine Impfung von Risikogruppen und systemrelevanten Personengruppen. Schwieriger sei die Abwägung hingegen bei jüngeren Menschen ohne Vorerkrankung, solange nicht klar sei, ob die Impfung auch die Übertragung verhindere. Unter 40-Jährige hätten in der Regel einen milden Verlauf oder seien gar symptomlos. «Das Risiko einer Impfung und das Risiko einer Erkrankung halten sich bei dieser Personengruppe ungefähr die Waage. Daher ist es legitim, wenn wir uns die Frage stellen, ob eine Impfung bei ihr verhältnismässig ist», sagt Baumann-Hölzle.

Es stünden sich bei dieser Thematik zwei Abwehrrechte gegenüber, so die Ethikerin. Auf der einen Seite gebe es das Recht der schwächeren Person, vor dem Risiko einer Fremdgefährdung geschützt zu werden. Auf der anderen Seite stehe das Recht der gesunden Person auf körperliche Integrität. Das Verhältnis von Freiheit und Lebensschutz sei ein Dilemma. «Im Rechtsstaat ist unsere Freiheit dadurch begrenzt, dass wir niemanden fremdschädigen dürfen. Aber das ist natürlich immer eine Frage der Verhältnismässigkeit, denn sonst dürften wir ja zum Beispiel auch nicht Auto fahren.»

Gegen einen Impfzwang

Eine Impfpflicht für gesunde Personen sei deshalb nicht der richtige Weg, sagt die Ethikerin. «Das wäre ein erheblicher Eingriff in die Freiheitsrechte. Zudem ist auch diese Debatte schwer zu führen, wenn wir nicht wissen, ob die Impfung eine Übertragung verhindert.»

Auch für Michael Coors ist eine Impfpflicht ein Eingriff in die Grundrechte, der zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu legitimieren sei. Für ihn kommt ein solcher Zwang nur als letztes Mittel in Frage. «Wenn wir in ein bis zwei Jahren sehen, dass wir aus der Pandemie einfach nicht herauskommen, weil sich zu wenige Menschen impfen lassen, können wir über eine Impfflicht diskutieren», sagt er.

Ähnlich sieht das Markus Zimmermann. Der Theologe und Vizepräsident der Nationalen Ethikkommission lehnt einen Impfzwang ab. Dieser sei ein zu grosser Eingriff in die körperliche Integrität. «Stattdessen sollte man auf Information setzen und die Leute überzeugen, die Impfung zu machen.»

Uneinigkeit bei Sonderrechten für Geimpfte

Unterschiedlicher Meinung sind die Ethiker hingegen bei der Frage, ob Geimpften Sonderrechte wie der Zugang zu Veranstaltungen eingeräumt werden sollen. Markus Zimmermann kann sich das vorstellen. «Bei der Erfüllung der Grundbedürfnisse wie zum Beispiel dem Einkaufen darf es sicher keine Privilegien geben. Bei Konzerten oder beim Fliegen finde ich das aber durchaus denkbar», sagt er.

Heikel findet solche Sonderrechte Ruth Baumann-Hölzle. Diese müssten demokratisch abgestützt werden. Zudem sei der Schutz der Gesundheitsdaten zentral. «Ich fände es problematisch, wenn diese Daten an öffentlichen Veranstaltungen eingefordert werden könnten. Generell beschäftigt mich der Datenschutz bei den flächendeckenden Tests sehr.»

Auch Michael Coors findet Privilegien für Geimpfte «schwierig». In der jetzigen Situation sei es wichtig, dass die gesellschaftliche Solidarität gross bleibe. Diese könnte aber erodieren, wenn einzelnen Gruppen anders behandelt würden als andere, fürchtet der Ethiker. «Momentan scheint es mir deshalb politisch klüger, alle gleich zu behandeln.»