Reformation im Appenzellerland

Ein Fass brachte alles ins Rollen

Als im Jahr 1522 reformatorisches Gedankengut in das Land Appenzell sickerte, drohten auch dort Unruhe und Zwietracht. Ein bemerkenswert fortschrittlicher Entscheid verhinderte Schlimmeres.

Im Hauptort Appenzell waren die konfessionellen Spannungen besonders gross. Ausschnitt aus einem Holzschnitt aus der Chronik von Johannes Stumpf von 1548. (Bild: Wikimedia Commons)

Brandschatzungen, Bilderstürme, Hinrichtungen: Die Reformation ging in den Gebieten der Eidgenossenschaft selten ohne Gewalt vonstatten. Weitgehend friedlich blieb es hingegen im damals noch ungeteilten Land Appenzell. Zu verdanken war das unter anderem einer pragmatischen Haltung gegenüber den konfessionellen Unterschieden, sagt Sandro Frefel. Der Historiker und Innerrhoder Landesarchivar hat sich eingehend mit der Reformationsgeschichte im Appenzell befasst. «Die Politik der Regierung war darauf ausgerichtet, zu schlichten und den Frieden zu wahren. Man versuchte, einen gemeinsamen Nenner zwischen den Konfessionen zu finden», sagt er.

Dabei standen die Zeichen zunächst auf Konflikt. Auslöser war ein Fass mit reformatorischen Schriften, das im Jahr 1522 im Appenzell aufgetaucht sein soll. Damals, so berichtet der Pfarrer und Zwingli-Freund Walter Klarer in seiner Chronik, hätten die Leute im Appenzell damit begonnen, «Büechlj (zu) lesen und zweyträchtig (zu) werden». Insbesondere unter den Geistlichen sorgte das reformatorische Gedankengut für Zündstoff. «Es entstand eine Front zwischen jüngeren, humanistisch geprägten Pfarrern und älteren Pfarrern, die an der katholischen Lehre festhielten», sagt Frefel.

Um eine Eskalation zu verhindern, sprachen sich der Appenzeller Rat und die Landsgemeinde in den Jahren 1523 und 1524 dafür aus, das reformatorische Schriftprinzip einzuführen. Fortan durfte nur noch gepredigt werden, was durch die Bibel beglaubigt war. Gleichzeitig hielt man aber an katholischen Bräuchen wie der Beichte, dem Fastengebot und der Heiligenverehrung fest. «Das Appenzell beschritt damit einen Mittelweg, der das friedliche Nebeneinander der beiden Konfessionen gewährleisten sollte. Das war in der Eidgenossenschaft einzigartig», sagt Frefel.

Konfessionelles Unikum

Gleichwohl rumorte es in den Gemeinden weiter. Die Regierung versuchte im Sommer 1524 über ein Glaubensgespräch einen gangbaren Weg zu finden, aber die Katholiken verweigerten die Diskussion. Ein Disputation war in ihren Augen keine weltliche Angelegenheit. Im Frühling 1525 traf die Landsgemeinde deshalb einen folgenschweren Entscheid: Die Kirchhören (Kirchgemeinden) sollten fortan selbst entscheiden, welchen Glauben sie annehmen wollten. Zugleich sollte die konfessionelle Minderheit die Freiheit haben, den Gottesdienst in einer anderen Gemeinde zu besuchen.

Das sogenannte «Kirchhöriprinzip» sei für die damalige Zeit ungewöhnlich liberal gewesen, sagt Sandro Frefel. «De facto wurde den einzelnen Gemeinden damit die Glaubensfreiheit zugestanden. In allen anderen Ständen der Eidgenossenschaft hatte sich dagegen die eine oder die andere Konfession durchgesetzt.»

Fremdkörper in der Eidgenossenschaft

Kantonales Kirchenfest

Mit einem mehrgängigen Menu an einer langen Tafel feiert die Evangelisch-reformierte Landeskirche beider Appenzell am 24. August in Speicher das Reformationsjubiläum. Neben dem gemeinsamen Essen gibt es Tischreden, eine Pop-up-Installation zum Abendmahl, Musik und Poetry Slam. Weitere Informationen unter www.ref-arai.ch.

Zumindest für einige Jahrzehnte sicherte das «Kirchhöriprinzip» ein friedliches Nebeneinander der Konfessionen. Das hatte auch damit zu tun, dass der Umbruch wenig radikal verlief. «In einigen Kirchgemeinden, die sich zum neuen Glauben bekannten, wurden die Bilder aus den Kirchen entfernt. Es gab aber keine gewaltsamen Bilderstürme wie in Bern oder Zürich», sagt Frefel. Auch blieb vielerorts eine katholische Volksfrömmigkeit erhalten. «Im Appenzellerland gibt es bis heute Reformierte, die für den heiligen Antonius spenden».

Ein Fremdkörper blieb die Appenzeller Religionspolitik hingegen innerhalb der Eidgenossenschaft. Druckversuche von aussen blieben nicht aus. So wurden im Jahr 1586 auf Betreiben hoher Innerschweizer Politiker die Kapuziner nach Appenzell berufen. Deren Mission war klar: Sie sollten den alten Glauben stärken und das Land rekatholisieren. «Das hatte zur Folge, dass das Kirchhöriprinzip strenger ausgelegt wurde. In der Pfarrei Appenzell etwa wurde die reformierte Minderheit vor die Wahl gestellt, sich zur katholischen Konfession zu bekennen oder wegzuziehen», sagt Frefel.

Zusammengehörigkeit trotz Trennung

Ein Konflikt um das Söldnerwesen sorgte schliesslich dafür, dass sich der Graben zwischen Reformierten und Katholiken weiter vertiefte. 1597 entschied man sich, das Land in das katholisch geprägte Appenzell-Innerrhoden und das reformiert geprägte Appenzell-Ausserrhoden aufzuteilen. War das Zusammenleben der Konfessionen damit gescheitert? «Jahrzehntelang haben Katholiken und Reformierte friedlich koexistiert, vielleicht war aber die Zeit für ein stabiles gemischtkonfessionelles Gemeinwesen noch nicht reif», sagt Frefel.

Bemerkenswert sei, dass auch die Landteilung weitgehend friedlich verlief. So liess der Landteilungsbrief eine Hintertür offen, die eine spätere Wiedervereinigung ermöglichen sollte. «Das ist zwar bis heute nicht passiert. Dennoch haben die Appenzeller nie das Gefühl der Zusammengehörigkeit verloren», sagt Frefel.