Ittinger Sturm

Als die Eidgenossenschaft kurz vor einem neuen Krieg stand

Vor 500 Jahren verbanden sich die politischen Forderungen der Bauern mit reformatorischen Ideen zu einem explosiven Gemisch. Nach dem Sturm auf die Kartause Ittingen konnte nur knapp ein Religionskrieg verhindert werden.

Seit dem Herbst 1523 kam es auf dem Zürcher Herrschaftsgebiet immer wieder zu Unruhen und Bilderstürmen. Die Abbildung zeigt den Schumacher Niklaus Hottinger, wie er vor den Toren Zürichs ein Kreuz stürzt. Hottinger wurde später in Luzern hingerichtet. (Bild: Aus der Reformationsgeschichte von Heinrich Bullinger)

Am 2. Mai 1524 war in Zürich ein seltsames Phänomen zu beobachten: In den frühen Morgenstunden tauchten am Himmel drei Sonnen und vier Regenbogen gleichzeitig auf. Ein Warnzeichen, so mutmasste man. Tatsächlich verstarben wenige Wochen danach gleich zwei Bürgermeister der Stadt hintereinander. So berichtet es Heinrich Bullinger in seiner Chronik der Reformation.

Das Jahr sollte aber noch weit mehr Ungemach für die Stadt bringen. Seit geraumer Zeit brodelte es auf der Zürcher Landschaft. In mehreren Dörfern verbanden sich Bauernproteste mit den neuen reformatorischen Ideen zu einem explosiven Gemisch. In Weiningen, Höngg, Wädenswil oder Wipkingen kam es zu Aufruhr und Bilderstürmen. Anhänger des neuen Glaubens brachen in die Gotteshäuser ein und zerstörten Heiligenbilder, Statuen und Altäre.

Besonders dramatisch verliefen die Ereignisse in der Region Stammheim in Nordosten des Zürcher Staatsgebiets. Das Dorf stand unter der Hohen Gerichtsbarkeit des Landvogts im Thurgau. Zu dessen Ärgernis war es bereits Anfang Jahr zu Bilderstürmen in Stammheim gekommen. Im Mai 1524 nahm sich die aufrührerische Bevölkerung gar die Freiheit, den katholischen Altpriester abzusetzen und durch zwei Prediger evangelischen Glaubens zu ersetzen.

Mitte Juni 1524 entschied der Zürcher Rat, alle Heiligenbilder aus den städtischen Kirchen zu entfernen. Die Räumung dauerte insgesamt dreizehn Tage. (Bild: Aus der Reformationsgeschichte von Heinrich Bullinger)

Doch damit nicht genug. Angestachelt durch den Entscheid des Zürcher Rats, sämtliche Heiligenbilder aus den städtischen Kirchen zu entfernen, kam es im Juni in Stammheim zu einem weiteren Bildersturm. Unter Verspottungen wurden Kruzifixe und Kultgegenstände aus den Kirchen geschafft, in Stücke geschlagen und verbrannt. Im Auftrag der katholisch dominierten Tagsatzung liess der Landvogt daraufhin den reformatorisch gesinnten Pfarrer Hans Oechsli aus Burg bei Stein am Rhein entführen und in Frauenfeld einkerkern.

Womit der Landvogt nicht gerechnet hatte: Oechsli war es bei seiner Festnahme gelungen, durch die Fensterläden nach Hilfe zu rufen. In kurzer Zeit mobilisierten die Sturmglocken Tausende wütender Bauern, um den Pfarrer zu befreien.

Leutpriester Hans Oechsli war ein Anhänger der Reformation und ein Freund Zwinglis. Seine Festnahme durch den Landvogt führte letztlich zum Ittinger Sturm. Oechsli hatte die Heiligenbilder aus seiner Kirche entfernen lassen und auf dem Dachboden verstaut. (Bild: Aus der Reformationsgeschichte von Heinrich Bullinger)

An der Thur mussten sie die Verfolgung aufgeben: Oechsli war von den Knechten des Landvogts bereits nach Frauenfeld gebracht worden. So kehrte sich die Menge gegen das nahe gelegene Kloster Ittingen. Zunächst nur um den Durst zu löschen, wie es in den Quellen hiess. Doch die Situation eskalierte rasch und die Bauernmenge geriet ausser Kontrolle. Die nächsten eineinhalb Tage gingen als Ittinger Sturm in die Geschichte ein: Bilder wurden zerstört, Bücher verbrannt, sogar den Fischteich liess man ab. Enthemmt vom Wein aus dem Klosterkeller steckten die Aufständischen die Kartause schliesslich in Brand.

Am 19. Juli 1524 gingen Teile der Kartause Ittingen in Flammen auf. Wie es dazu kam, konnte nie ganz geklärt werden. (Bild: Aus der Reformationsgeschichte von Heinrich Bullinger)
500 Jahre Ittinger Sturm

Unter Mitwirkung verschiedener Akteure wie der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau, des Vereins Tecum sowie der Reformierten Kirche Stammheim sind in der zweiten Jahreshälfte zahlreiche Veranstaltungen zum 500. Jahrestags des Ittinger Sturms geplant. Noch bis im Frühling 2025 ist im Kunstmuseum Thurgau und im Ittinger Museum die Ausstellung «1524 Stürmische Zeiten – Der Ittinger Sturm im Fokus» zu sehen. Der Verein Tecum der Thurgauer Landeskirche führt auf einem Stationenweg zu verschiedenen Brennpunkten der damaligen Ereignisse. Eine grosse Gedenkfeier findet zudem am 18. Juli um 20 Uhr in der Kartause Ittingen statt. Eine Übersicht über die Veranstaltungen ist auf der Webseite 1524 Stürmische Zeiten zu finden. (no)

Wie konnte es so weit kommen? Für Roman Sigg, Historiker und Stadtarchivar in Stein an Rhein, spielten dabei verschiedene Faktoren zusammen. Die Bauernrevolte sei sowohl eine soziale Bewegung wie auch ein religiöser Aufstand gewesen. «Angestachelt wurde die Menge zusätzlich dadurch, dass sich die Kartäuser entschieden gegen die Reformation ausgesprochen hatten. Ausserdem gab es unter den Aufständischen radikale Vertreter, die sich gegen die Gemässigten durchsetzen konnten. Und vermutlich trug auch der Wein zur Eskalation bei», sagt Sigg.

Zu einem handfesten Problem wurde der Ittinger Sturm für die Stadt Zürich. «Zürich war damals der einzige entschieden reformierte Stand in der Eidgenossenschaft. Mit anderen Worten: Man stand allein da», sagt Sigg. Um einen Krieg mit den übermächtigen Katholiken zu verhindern, habe Zürich deshalb die Schuld für den Aufstand auf sich genommen. «Zürich musste sich notgedrungen dem Urteil der Tagsatzung beugen und die Rädelsführer ausliefern. Ausserdem musste man zusammen mit Stein am Rhein für die Schäden am Kloster aufkommen.»

Um einen Krieg zu verhindern, lieferte Zürich die mutmasslichen Anführer des Ittinger Sturms aus. Drei von ihnen wurden in Baden geköpft. Pfarrer Hans Oechsli hatte hingegen Glück, er wurde freigelassen. (Bild: Aus der Reformationsgeschichte von Heinrich Bullinger)

Danach zerstoben zunehmend auch die Hoffnungen der Bauern. Zwar tauchten ihre politischen Forderungen wie die nach Abschaffung des Zehnten und der Leibeigenschaft auch nach dem Ittinger Sturm hin und wieder auf. Aber das Klima war nicht mehr günstig. «Es war die Zeit, als Zwingli sich vom linken Flügel der Reformation distanzierte, weil er die Obrigkeit nicht gefährden wollte. Damit machte Zwingli sich und seine Reformation selbst zum Teil dieser Obrigkeit», sagt Sigg.

Über hundert Jahre später kam es zu neuen Bauernaufständen in der Eidgenossenschaft. Aber es sollte noch deutlich länger dauern, bis die wichtigsten Forderungen der Bauern in der Zeit der Helvetik um 1800 endlich eingelöst wurden.