Jubiläum am Fraumünster

Zürich feiert seine Äbtissin

Mit einem folgenschweren Entscheid trug die Fraumünster-Äbtissin Katharina von Zimmern vor 500 Jahren dazu bei, dass in Zürich der Frieden gewahrt blieb – und befeuerte damit zugleich die Reformation.

In Stefan Haupts Historienfilm «Zwingli» wird Katharina von Zimmern als willensstarke Frau dargestellt. Ein zeitgenössisches Porträt der Fraumünster-Äbtissin existiert nicht. (Bild: Aliocha Merker / C-Films AG)

Lange war sie vergessen, seit 2004 erinnert eine massive Kupfer-Skulptur im Kreuzgang des Fraumünsters an Katharina von Zimmern (1478-1547). Rund 11 Tonnen wiegt das Werk, das die Künstlerin Anna-Marie Bauer aus 37 Blöcken zusammengefügt hat und das auch in historischer Hinsicht gewichtig ist: Es ist das erste Denkmal überhaupt, das in der Stadt Zürich für eine Frau errichtet wurde.

Heute gehört von Zimmern beinahe so selbstverständlich zu Zürich wie Zwingli oder Pestalozzi. Zu verdanken ist das der Forschungsarbeit einer Gruppe von Frauen, die sich vor rund 25 Jahren im Verein Katharina von Zimmern zusammenschlossen und die Fraumünster-Äbtissin mit Publikationen, Ausstellungen und Stadtführungen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machten. Auch in diesem Jahr sind zahlreiche Veranstaltungen zu Katharina von Zimmern geplant.

Unmittelbarer Anlass ist ein für Zürich denkwürdiges Datum: Am 8. Dezember 1524 trat die damalige Äbtissin das Fraumünsterstift aus freiem Willen an den Bürgermeister und den reformatorisch gesinnten Rat der Stadt ab. Ein politisch kluger Entschluss, wie Historikerinnen einhellig beurteilen. Denn in anderen reformationsfreundlichen Städten war es zu Blutvergiessen gekommen, weil sich Klöster dem neuen Glauben widersetzten. Vor solcher «Unruhe und Ungemach» wollte Katharina von Zimmern die Stadt bewahren.

Aufgeheizte Stimmung

Eine der besten Kennerinnen dieser Vorgänge ist die ehemalige Zürcher Kirchenrätin Irene Gysel. Sie gehörte zu den Mitinitiatorinnen des Vereins Katharina von Zimmern und hat soeben ihr zweites Buch über die Äbtissin vorgelegt. Um von Zimmerns Entscheid zu verstehen, müsse man die damalige Situation vor Augen haben, sagt Gysel. «Die Stimmung in der Stadt war aufgeheizt. Wenige Monate zuvor war die Kartause Ittingen von wütenden Bauern gestürmt und zerstört worden. Auch in Zürich fürchtete man Brandstifter und Plünderer».

Veranstaltungen zum Jubiläum

Neben der Kunstinstallation finden in Zürich zum 500-Jahr-Jubiläum der Abteiübergabe diverse weitere Veranstaltungen statt. Ende August startet eine Ausstellung im Haus zum Rech, die Katharina von Zimmern dem damaligen Bürgermeister Diethelm Röist gegenüberstellt.

Unter dem Titel «500 Jahre Frauentat» beginnt am Reformationssonntag im Fraumünster zudem eine Reihe mit Kanzelreden von prominenten Frauen, darunter Bundesrätin Karin Keller-Sutter und die Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), Rita Famos.

Auch muskalisch wird Katharina von Zimmern gewürdigt – zum Beispiel mit dem Oratorium «KATHARINA» von Helge Burggrabe, das im Fraumünster uraufgeführt wird. Alle Veranstaltungen zum Jubiläum sind auf der Webseite www.katharina2024.ch zu finden.

In diesem Spannungsfeld reagierte Katharina von Zimmern mit politischem Weitblick. In ihrer Verzichtserklärung vom 30. November 1524 hält sie fest, dass sie die Abtei «um des Friedens willen» an die Stadt abtrete. Das Fraumünsterstift gehörte damals zu den grössten Abteien der Schweiz und besass zahlreiche Ländereien und Einkünfte. «Der Verzicht war ein Glücksfall für die Stadt und der materielle Dammbruch für die Reformation», sagt Gysel.

«Von Zimmern war überzeugt, dass es Reformen brauchte und unterstützte diese, gut erkennbar zumindest durch ihre Personalpolitik. Sie wird jedoch lange Zeit nicht damit gerechnet haben, dass der Umbruch so radikal ausfallen würde. Doch dann handelte sie klar und beherzt»,  sagt Gysel.

Turm würdigt Frauen

500 Jahre später ist man in Zürich stolz auf die Friedensstifterin. Mit diversen Aktionen soll an die letzte Fraumünster-Äbtissin erinnert werden. Zu den spektakulärsten gehört eine 40 Meter hohe Installation, die an der Stelle des im 18. Jahrhundert abgerissenen zweiten Turms des Fraumünsters aufgestellt wird. 500 Stoffbänder am Turm rufen zudem die Frauen in Erinnerung, die sich in Stadt und Kanton mit besonderen Leistungen hervorgetan haben.

Und wie ging es mit Katharina von Zimmern weiter? Von der Stadt erhielt sie das Wohnrecht in ihrer ehemaligen Abtei und eine grosszügige Rente, die unter anderem 25 Kübel Wein umfasste. Sie heiratete einen Söldnerführer, mit dem sie ein Kind hatte, und lebte noch bis 1547 in Zürich als hoch angesehene Bürgerin, wie es heisst. Erst danach ereilte Katharina von Zimmern das Schicksal so vieler bedeutender Frauen und sie geriet trotz ihrer Leistungen allmählich in Vergessenheit.

Buchhinweis: Irene Gysel: «Katharina von Zimmern. Flüchtlingskind, Äbtissin, Bürgerin von Zürich». TVZ, Zürich 2024; 242 Seiten; 24.80 Franken.