Wie Gott im Nationalrat mitmischt
Frau Kopplin, Sie haben Parlamentarier gefragt, inwiefern der Glaube einen Einfluss hat auf ihre politischen Entscheide. Was haben Sie erfahren?
Das wichtigste Resultat: Die eigene Religiosität hat nachweislich einen Einfluss auf die Politik. Das heisst, dass Politikerinnen unter Umständen sehr gezielt Entscheide auf der Grundlage ihres Glaubens treffen. Natürlich war das nicht bei allen meinen insgesamt 60 Gesprächspartnern gleichermassen der Fall. Gemeinsam ist diesen aber, dass sie von ihrer religiösen Sozialisation geprägt sind. Religiosität wird häufig als Privatsache abgetan. Dabei zeigt meine Studie deutlich, dass sie ein wichtiger Lobby-Faktor ist.
Vanessa Kopplin ist Oberassistentin am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich. Für ihre Doktorarbeit über den Einfluss von Religiosität auf politische Entscheide wertete sie qualitative Interviews mit Parlamentarierinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Es ist mutmasslich die erste Studie, welche sich dem Einfluss des persönlichen Glaubens auf die Politik widmet. Bevor sie nach Zürich kam, studierte Kopplin Politik- und Religionswissenschaft in Hannover und Prag, sie hat in Bochum und Basel geforscht. (eba)
Können Sie Beispiele nennen, wo dieser Einfluss konkret sichtbar wurde?
Das wohl plakativste Beispiel kommt aus Deutschland. Eine Abgeordnete sagte mir, sie frage jeweils ihre tote Grossmutter um Rat, welche für sie die Vermittlerin zu Gott darstellt. Ein Schweizer Nationalrat erzählte mir, wie er während der Session jeden Morgen vor dem Bundeshaus in Bern steht und Gott fragt: Welchen Auftrag hast du heute für mich, was soll ich tun? In den meisten Fällen äusserte sich Religiosität implizit, sie war den Politikern gar nicht bewusst. Sie sprachen über Werte, die sie prägten. Erst als ich nachfragte wurde deutlich, dass diese auf dem Christentum basieren.
Neben Politikerinnen aus der Schweiz befragten Sie auch solche aus Deutschland und Österreich. Gab es regionale Unterschiede?
Die Schweiz ist ein Sonderfall. Vor allem in Deutschland, aber auch in Österreich gehen viele Politiker offen mit ihrem Glauben um. Angela Merkel zum Beispiel trug ihre Religiosität sehr offen vor sich her und begründete ihre Entscheide auch öffentlich mit ihrem persönlichen Glauben – etwa in der Flüchtlingspolitik. Auch im deutschen Bundestag wird häufig stark religiös argumentiert, und in Sammelbänden und Autobiografien sinnieren Politiker wortreich über ihre Beziehung zu Gott. In der Schweiz ist so etwas undenkbar. Hier wird Religion als etwas Privates verstanden.
Warum?
Ein Vertreter der CVP brachte es so auf den Punkt: In der Schweiz gibt es so etwas wie einen natürlichen Reflex gegen Frommes. Eine Abgeordnete der Grünen sagte, es sei der Horror jedes Politikers, als Freikirchler zu gelten. Das käme einem Outing gleich, meinte sie.
Die CVP trennte sich publikumswirksam von ihrem christlichen Image und benannte sich in «Die Mitte» um. Kommt Religion bei den Wählenden nicht mehr gut an, weil die Gesellschaft säkularer wird?
Ich bin keine Vertreterin dieser These. Eher findet eine Individualisierung von Religion statt. Religion wird nicht aus der Gesellschaft verschwinden, das sehe ich weder in meinen, noch in den Daten meiner Kolleginnen abgebildet. Aber sie verlagert sich weg von den Institutionen, was sich beispielsweise in der kleiner werdenden Zahl der Kirchgänger abbildet, hin zu individuelleren, spirituelleren Formen.
Sehen Sie es kritisch, wenn Religion die Politik beeinflusst?
Als Wissenschaftlerin stelle ich erst einmal fest und betrachte dann die Auswirkungen. Als Privatperson würde ich aber schon ganz gerne wissen, wen ich da wähle. Bei zwei Parlamentariern der CVP nahm die Religion einen derart hohen Stellenwert ein, dass ich mich ehrlich gesagt fragte, ob für diese Personen die Verfassung über der Religion steht oder nicht eher umgekehrt.
Das klingt demokratiefeindlich.
Es war die Rede davon, dass sie Gesetze, die nicht dem Willen Gottes entsprächen, ablehnen müssten. Konkret genannt wurden Abstimmungen im Bereich der Sterbehilfe und der Verwahrung von Straftätern.
In Ihrer Dissertation schreiben Sie, dass sich manche Politiker von ihrem Dorfpfarrer beraten lassen. Ist da der Begriff «Lobby» nicht etwas hoch gegriffen? Es geht ja um menschliche Überzeugungen, nicht um zielgerichtete Interessen wie etwa jene der Industrie.
Der Begriff ist umgangssprachlich negativ konnotiert, das stimmt. In den Politikwissenschaften verwendet man ihn, wenn gewisse Charakteristika zutreffen wie beispielsweise Hinterzimmergespräche, über die eher verdeckt Einfluss ausgeübt wird. Auf diese Weise Bedeutung zu erhalten ist legitim, sollte aber auch kritisch betrachtet werden. Das trifft auch auf die Religiosität zu. Ob eine Pfarrerin dabei eine kirchenpolitische Agenda verfolgt oder nicht, sei dahingestellt.
Sie befragten Politikerinnen von links bis rechts. Gab es Unterschiede je nach Parteizugehörigkeit?
Religiosität hatte durchs Band einen Einfluss, von sehr direkt bis sehr implizit. Ein interessanter Aspekt vielleicht: Vertreter der SVP waren am kirchenkritischsten von allen. Denn die Kirche ist ihnen zu liberal, zu links. Trotzdem betonten sie, dass sie nie aus der Kirche austreten würden. Gefragt warum, antworteten sie: Als konservativer Politiker tut man sowas nicht.
Sie forschen zum Verhältnis von Religion und Politik. Welche grossen Forschungsfragen treiben Sie um?
Als Politikwisenschaftlerin habe ich die Überzeugung: Es gibt keinen unpolitischen Menschen. Davon ausgehend frage ich mich: Gibt es unreligiöse Menschen?