«Das ‹Evangelisch› in unserem Parteinamen verunsichert viele»

Am Wahlsonntag konnte die Evangelische Volkspartei einmal mehr auf eine zwar kleine, aber treue Wählerschaft zählen – und gar einen dritten Sitz im Nationalrat holen. Trotzdem schrecke viele potentielle Wählerinnen und Wähler das ‹Evangelisch› im Parteinamen ab, sagt Parteipräsidentin Marianne Streiff im Gespräch.

Darf sich über ihre Wiederwahl in den Nationalrat und über ein drittes Nationalratsmandat der EVP freuen: Präsidentin Marianne Streiff. (Bild: Keystone / Marcel Bieri)

Frau Streiff, die Evangelische Volkspartei (EVP) legte am vergangenen Sonntag in der Wählergunst zu und holte sich ein drittes Nationalratsmandat. Hatten Sie schon Gelegenheit zum Feiern?
Nein, dazu bin ich noch nicht gekommen. Aber natürlich freue ich mich riesig über den Erfolg.

Ihre Partei hat seit Jahrzehnten einen konstanten Wähleranteil von rund zwei Prozent. Warum reicht es eigentlich nie zu mehr?
Sie können die Frage auch umkehren: Warum gibt es uns noch, im Unterschied zu vielen kleinen Parteien, die wieder verschwunden sind? Wir haben eine treue Wählerbasis, die unseren Werten verbunden ist – und dies schon über einen sehr langen Zeitraum.

Wer das EVP-Parteiprogramm liest, dem fällt auf: Bei Themen wie Umweltpolitik positioniert sich die Partei klar links, in gesellschaftspolitischen Fragen hingegen konservativ. Hat dieses Profil einen Einfluss auf den Wähleranteil?
Unser Profil ist tatsächlich sehr eigen. Das ist aber nicht der Grund für den kleinen Wähleranteil.

Sondern?
Wir hatten bei diesen Wahlen viele Rückmeldungen von Wählerinnen und Wählern, die mit Hilfe der Online-Plattform Smartvote abstimmten und EVP-Kandidaten oben auf der Liste hatten. Gewählt haben sie aber trotzdem andere Kandidatinnen, weil sie das «Evangelisch» im Parteinamen irritierte.

Ohne dieses «Evangelisch» könnten Sie also mehr Menschen ansprechen?
Ja, das verunsichert viele, die dem christlichen Glauben eher distanziert gegenüberstehen. Und dies, obwohl wir bei ihnen mit unseren Themen Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Menschenwürde punkten können.

Gibt es in der Partei Stimmen, die das «Evangelisch» aus dem Namen entfernt haben möchten?
Die Werte des Evangeliums, also das «Evangelisch», ist wesentlicher Teil unserer Identität. Diese Frage stellt sich somit nicht.

Die Grünen und Grünliberalen waren am Sonntag klare Wahlsieger. Der Klimaschutz wird dadurch im Parlament ganz oben auf der Agenda stehen. Auch der EVP ist dieses Thema wichtig. Wie kann sich eine Kleinpartei da überhaupt noch profilieren?
Hauptsache ist doch, dass wir Menschen etwas für den Klimaschutz tun. Ob man das als christliche Partei «Bewahrung der Schöpfung» nennt oder dem «zur Umwelt Sorge tragen» sagt, spielt nicht wirklich eine Rolle.

Dann unterstützen Sie sicherlich auch die Forderung der Grünen, eine eigene Bundesrätin oder einen eigenen Bundesrat zu stellen?
Diese Frage kommt verfrüht. Davon können wir wieder reden, wenn sich ihr Wahlerfolg in vier Jahren wiederholt.

Die Evangelische Volkspartei wurde vor genau hundert Jahren mit der Absicht gegründet, die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden. Damals stand die Schweiz mit dem Generalstreik am Rande eines Bürgerkrieges. Welche Absicht verfolgt die EVP heute?
Noch immer jene, wie damals. Die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden ist heute sogar aktueller denn je. In der vergangenen Legislatur kam es zwischen links und rechts gerade bei grossen Reformvorhaben wie der Altersvorsorge oder dem CO2-Gesetz öfters zu Blockaden. Als Mittepartei ist es unsere Aufgabe, hier zu vermitteln.

Anfang November debattiert die Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes über die Ehe für alle. Was erwarten Sie sich davon?
Bei der Ehe für alle geht es nicht nur um das Zusammenleben zweier Menschen, sondern auch um den Zugang zu Adoption und Fortpflanzungsmedizin sowie später zu Samenspende und Leihmutterschaft. Diese Fragen wurden bisher zu wenig ausführlich im Kirchenbund diskutiert. Ich hoffe, dass sich dies nun ändert.

Die Öffnung der Ehe ist in der Schweizer Stimmbevölkerung klar mehrheitsfähig. Nicht so in der EVP. Müsste eine Volkspartei nicht näher am Zeitgeist sein?
Wir werden in den nächsten Monaten eine möglichst sachliche Debatte zu diesem Thema führen. Ich halte es für eine falsche Strategie, sich einfach dem Zeitgeist und der Mehrheit anzupassen. Es ist unsere Verantwortung, auch die mittel- und langfristigen Konsequenzen unserer Entscheidungen – etwa für künstlich gezeugte Kinder – vorwegzunehmen und abzuwägen.