Kanadas düstere Vergangenheit

«Die Schulen sollten aus den Kindern Abziehbilder von Weissen machen»

Kanada nutzte im 19. und 20. Jahrhundert ein System von Internaten, um indigene Kinder an die weisse Gesellschaft anzupassen. Bei der Auslöschung alles Indianischen spielten die Kirchen eine unrühmliche Rolle. Wie es dazu kam, erzählt Historiker Manuel Menrath im Interview.

«Every Child Matters – jedes Kind zählt»: Angehörige von First Nations bei einer Gedenkveranstaltung für die in Kamloops verstorbenen Kinder in Vancouver. (Bild: Keystone / Xinhua / Liang Sen)

Über 100 Jahre lang wurden in Kanada indigene Kinder ihren Familien entrissen und in sogenannte Residential Schools gesteckt. Diese meist von Kirchen betriebenen Internate waren Orte der Grausamkeit: Die Kinder waren Gewalt und sexuellem Missbrauch ausgesetzt, die Gesundheitsversorgung war schlecht und militärischer Drill war an der Tagesordnung.

Nun wurden auf dem Gelände einer ehemaligen Residential School in Kamloops die sterblichen Überreste von bis zu 215 Kindern gefunden (ref.ch berichtete). Historiker Manuel Menrath über den grausigen Fund, die Zustände in den Schulen und die christliche Ideologie hinter der Umerziehung.

Herr Menrath, Sie forschen seit Jahren zur indigenen Bevölkerung Nordamerikas. Wie haben Sie die Nachricht vom tragischen Fund in Kamloops aufgenommen?
Die First Nations in Kanada klagen schon lange, dass viele ihrer Angehörigen nie aus den Residential Schools zurückgekehrt sind. Auch die Wahrheitsfindungskommission, die von 2008 bis 2015 mit der Aufarbeitung dieser Geschichte beschäftigt war, wies in ihrem Abschlussbericht darauf hin. Insofern war ich von dem Fund an sich nicht überrascht, wohl aber von dessen Ausmass. Bis zu 215 tote Kinder, deren Geschichte bisher nicht dokumentiert wurde – das macht mich persönlich sehr betroffen. Ich spüre Wut über dieses ungerechte und diskriminierende System, aber gleichzeitig auch so etwas wie Genugtuung.

Zur Person

Manuel Menrath studierte Geschichte, Philosophie und Religionswissenschaft. Heute arbeitet er als Lehrbeauftragter der Universität Luzern und leitet das kulturhistorische Museum Haus zum Dolder in Beromünster. Seit 2011 forscht er zur Geschichte der Indigenen Nordamerikas.

Für sein 2020 erschienenes Buch «Unter dem Nordlicht. Indianer aus Kanada erzählen von ihrem Land» (Galiani Berlin) hat er über 100 Interviews mit Cree und Ojibwe in teils sehr abgelegenen Reservationen in der kanadischen Provinz Ontario geführt. (vbu)

Genugtuung? Wie das?
In der Schweiz wird Kanada nicht als Kolonialstaat gesehen, sondern als Auswanderungsland Nummer 1. In medialen Darstellungen herrscht das Bild von grenzenloser Weite vor, von wunderbarer Natur und auf politischer Ebene von einem demokratischen Musterschüler. Dieses Bild blendet die problematischen Seiten von Kanadas Vergangenheit und Gegenwart aus. Dass es nun zumindest ansatzweise korrigiert wird, finde ich richtig. Denn gerade aus Sicht der Indigenen war das Land nie weit, menschenleer und wild, sondern es gab eine Zivilisation, lange bevor die Europäer dort ankamen.

Die Residential Schools waren Teil eines Systems zur Assimilierung der kanadischen Indigenen. Was können Sie über dieses System sagen?
Die ersten Schulen für Indigene wurden von Missionaren ins Leben gerufen. 1867 wurde dann die Kanadische Föderation gegründet und einige Jahre darauf folgte der sogenannte Indian Act, ein Gesetz über den rechtlichen Status der Indigenen. Dieses legte fest, dass alle Kinder der First Nations ein Internat oder eine Tagesschule besuchen müssen. Weil es aber weniger um Bildung ging, sondern eben um Assimilierung, entschied man schnell, die Kinder so weit und so lange wie möglich von ihren Familien zu trennen. Die Idee dahinter war, dass die Kinder nicht wie ihre Eltern als «Wilde» leben, sondern im europäischen und christlichen Geist erzogen werden sollten.

Welches Gedankengut stand hinter dieser Idee?
Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Es gab unter den Kolonialherren offen rassistische Motive, die teilweise in richtigen Massakern an den Indigenen endeten. Dies vor allem auf dem Gebiet der heutigen USA. Dann gab es sozialdarwinistische Strömungen, die Indigene als schwach, kränklich und vom Aussterben bedroht ansahen. Würde man bei diesem Prozess etwas nachhelfen, wäre es nicht so schlimm, so die Haltung vieler. Würde man aber die Kinder von ihren Eltern trennen, würde man zumindest sie vor dem Untergang bewahren. «Kill the Indian, save the child», so könnte man den Gedanken zusammenfassen. Hier lassen sich auch die Missionare verorten, die der Idee folgten, die Seelen der Kinder zu erretten.

Gibt es etwas, das all diese Haltungen miteinander verbindet?
Ja – die Geringschätzung von allem, was indianisch ist. Es ging ja auch nicht darum, den Indigenen eine wirkliche Perspektive zu bieten, sie für einen höheren Beruf oder ein Studium zu qualifizieren. Die Residential Schools sollten die Kinder auf Arbeiten in Fabriken, im Bergbau oder in der Landwirtschaft vorbereiten.

«Die Idee vieler christlicher Bildungs- und Erziehungsinstitutionen war es, die Kinder für ihre Sünden in diesem Leben zu bestrafen, damit sie später im Paradies frei sein konnten.»

Welche Rolle spielten die Kirchen in diesem System?
Historisch gesehen gingen Mission und Kolonialismus fast immer Hand in Hand. Es gibt in der Genesis den Satz «macht euch die Erde untertan», ein Gedanke, dem zu dieser Zeit wohl viele Europäer folgten – mit verheerenden Konsequenzen. Auch in Kanada waren zunächst Missionare vor Ort, die aber weitgehend friedlich und nur mit einer verhältnismässig kleinen Gruppe von Menschen arbeiteten. Spätestens mit dem Indian Act änderte sich die Situation: Der noch relativ junge Staat stand nun vor der Herausforderung, das Schulsystem für Indigene zu finanzieren, was enorm kostspielig hätte werden können. Die Kirchen betrieben die Residential Schools aber für vergleichsweise wenig Geld. Traurigerweise führte gerade die Intention, die Kinderseelen zu retten, zu einer besonders brutalen Behandlung. Die Idee vieler christlicher Bildungs- und Erziehungsinstitutionen – nicht nur in Kanada – war es, die Kinder für ihre Sünden in diesem Leben zu bestrafen, damit sie später im Paradies frei sein konnten.

Was heisst das konkret? Wie waren die Zustände in den Residential Schools?
Zunächst mal waren fast alle Kinder unternährt, weil schlicht zu wenig Geld für die Verpflegung vorhanden war. Hinzu kam, dass viele indigene Jungen und Mädchen das Essen schlecht vertrugen. Mussten sie sich übergeben, wurden sie teilweise gezwungen, ihr eigenes Erbrochenes wieder zu essen. In den meisten Schulen herrschte ein fast schon militärischer Drill mit einem genau durchgetakteten Alltag. Oft gab es Prügel und von mindestens einer Schule ist bekannt, dass sie die Kinder zur Strafe auf einen elektrischen Stuhl setzten und ihnen Stromstösse verpassten, bis sie ohnmächtig wurden. Manchmal wurden Kinder gezwungen, ihre nassen Pyjama-Hosen auf dem Kopf zu tragen, wenn sie nachts ins Bett gemacht hatten. Am schlimmsten dürfte für viele jedoch das Heimweh und die Trennung von der eigenen Identität gewesen sein.

Inwiefern?
Das Ziel dieser Institutionen war, aus den Kindern Abziehbilder von Weissen zu machen. Sie mussten ihre Kleider abgeben, man schnitt ihnen die Haare und in manchen Schulen bekamen sie Nummern statt Namen. Ihre Sprache wurde ihnen verboten, sie mussten lernen, dass alles Indianische verwerflich ist. Man muss sich vorstellen, was das mit einem Menschen macht – und was geschieht, wenn so jemand wieder zu seiner Familie zurückkehrt und sieht, dass all das, was angeblich so schlecht ist, von den Eltern und Grosseltern gelebt wird. Das schürt Hass, auch Selbsthass. Viele Indigene sind neben der Gewalt und dem sexuellen Missbrauch, den es ebenfalls gab, auch daran zerbrochen.

Welche Folgen hatte das Schulsystem für die Betroffenen?
Viele hatten später mit Alkohol und Drogen zu kämpfen. Da Gewalt oft Gegengewalt erzeugt, lernten die Kinder zudem schon früh, gegen unten zu treten. Später gaben sie oftmals Gewalt und emotionale Kälte an ihre eigenen Familien weiter. Denn ihnen hat als Kind niemand gesagt, dass sie wertvoll sind und geliebt werden, niemand hat sie getröstet oder in den Arm genommen. In diesem Sinn kann man hier von generationsübergreifenden Traumata sprechen, auch wenn es sicher Menschen gibt, die besser mit der Situation zurechtkamen als andere.

«Vieles von dem, was der aktuelle Premierminister Justin Trudeau den Indigenen verspricht, ist eben auch Schönwetterpolitik.»

Kanada hat von 2008 bis 2015 eine Kommission eingesetzt, um die Vorgänge in den Schulen zu untersuchen. Für Kamloops wurden 50 tote Kinder dokumentiert. Wie kann es sein, dass nun die Überreste von so viel mehr Kindern gefunden wurden? Hat man zu wenig genau hingeschaut?
Das würde ich nicht so sagen – die Wahrheitsfindungskommission hat immer von einer hohen Dunkelziffer gesprochen. Sie hat ausserdem 94 «calls to action», also Handlungsempfehlungen, formuliert, in denen es auch um den Umgang mit verschollenen Kindern geht. Die Hürde besteht meiner Ansicht nach eher darin, dass der Staat lange Zeit kein besonders grosses Interesse gehabt hat, hier wirklich aktiv zu werden. Man präsentiert sich lieber in einem guten Licht und investiert in den Tourismus. Alle 139 Residential Schools und die umliegenden Gebiete mit Radarsystemen abzusuchen, wäre auch sehr teuer.

Abschliessend: Wie beurteilen Sie den Umgang Kanadas mit diesem dunklen Kapitel der Vergangenheit?
Zwar hat sich in der kanadischen Politik viel bewegt in den vergangenen 20 Jahren, aber vieles von dem, was der aktuelle Premierminister Justin Trudeau den Indigenen verspricht, ist eben auch Schönwetterpolitik. Als kürzlich Angehörige der First Nations die Herausgabe von Dokumenten gerichtlich erzwingen wollten, war es die Regierung, die sich querstellte.

Und den Umgang der Kirchen?
Die Anglikaner, die Methodisten und die Presbyterianer haben sich bereits für ihre Verfehlungen entschuldigt und teilweise auch Opfer entschädigt. Die katholische Kirche hat zwar ihr Bedauern ausgedrückt und ebenfalls Entschädigungen entrichtet, aber keine Entschuldigung ausgesprochen. Viele «survivors», wie die Opfer des Schulsystems genannt werden, können das nicht verstehen. Es trifft sie, dass sich manche Kirchenvertreter anscheinend noch immer auf den Standpunkt stellen, die Vorkommisse seien halt dem damaligen Zeitgeist geschuldet.

Wie sehen Sie das?
Die Indigenen betrachteten sich stets als «Hüter des Landes». Sie kümmerten sich um das Land, um es für die noch ungeborenen Generationen zu erhalten. Demgegenüber wollten sich die europäischen Siedler die kanadische Erde untertan machen. Die theologische Interpretation des Satzes in der Genesis hatte Enteignung und gewaltsame Umerziehung zur Folge. Das anzuerkennen und die Verantwortung für das daraus entstandene Leid zu übernehmen, ist wichtig. Eine Entschuldigung kann zwar erlittenes Unrecht nicht wieder gut machen. Aber sie ist ein entscheidender Schritt für den künftigen Dialog und die Heilung der indigenen Gesellschaft in Kanada.