Residential Schools

Kanada wird von seiner dunklen Vergangenheit eingeholt

Über 100 Jahre lang wurden in Kanada indigene Kinder ihren Familien entrissen und in sogenannte Residential Schools, meist konfessionelle Internate, gesteckt. Nun wurden auf dem Gelände einer solchen Schule 215 Kinderleichen gefunden. Das Land steht unter Schock, die Kirchen reagieren.

«Ruhet in Frieden» und «Jedes Kind zählt» steht auf den Schildern, die Passanten beim Parlament in der kanadischen Hauptstadt Ottawa hinterlassen haben. Dazu deponierten sie Stofftiere und Schuhe im Gedenken an die in Kamloops verstorbenen Kinder. (Bild: Keystone / The Canadian Press via AP / Justin Tang)

Es ist das wohl dunkelste Kapitel der kanadischen Geschichte: Über 100 Jahre lang mussten indigene Kinder ihre Familien verlassen, um sogenannte Residential Schools zu besuchen. Die meist von Kirchen betriebenen Internate waren Teil eines Systems, das auf die Auslöschung der indigenen Kulturen zielte: Die Kinder sollten von ihren Eltern, ihrer Sprache und ihren Traditionen abgetrennt und an das weisse Kanada assimiliert werden.

Rund 150'000 Kinder sollen gemäss dem Bericht einer eigens dafür eingerichteten Kommission das System durchlaufen haben. Viele von ihnen erlebten Gewalt, sexuellen Missbrauch, Hunger, Krankheiten und Vernachlässigung. Mindestens 3200 von ihnen starben, wie der 2015 publizierte Bericht festhielt. Gleichzeitig wies die Kommission darauf hin, dass die Dunkelziffer weitaus höher sein könnte.

Dieser grauenhafte Verdacht scheint sich nun zu bestätigen: Ende Mai wurden auf dem Gelände der ehemaligen Residential School Kamloops in British Columbia die sterblichen Überreste von 215 Kindern gefunden. Manche von ihnen wurden nur drei Jahre alt, wie kanadische Medien berichteten. Die genauen Todesumstände werden noch untersucht.

Chief spricht von Völkermord

Wie Rosanne Casimir, Chief der örtlichen indigenen Gruppe Tk’emlups te Secwépemc, gegenüber der staatlichen Rundfunkanstalt CBC sagte, handle es sich um 215 undokumentierte Todesfälle. Mary Ellen Turpel-Lafond, die an der University of British Columbia in Vancouver zur Geschichte der Residential Schools forscht, warf die Frage auf, ob die Kinder an den Folgen von Gewalt und Misshandlung gestorben sein könnten. Es werde Gründe geben, warum die Todesfälle nicht dokumentiert und die sterblichen Überreste nicht mit dem nötigen Respekt behandelt worden seien, sagte sie gegenüber CBC. Demnach wurden die Leichen auf dem Schulgelände vergraben und nun mittels Radar entdeckt.

Seit den Funden stehen die kanadische Bevölkerung und insbesondere die indigenen First Nations unter Schock. «Es gibt keine Worte, um die tiefe Trauer auszudrücken, die wir als Volk der First Nations und als Überlebende empfinden», schrieb Stewart Phillip, Präsident der Union of British Columbia Indian Chiefs, in einer Stellungnahme. Er rief das gesamte Land auf, die Geschichte der Internate anzuerkennen. «Dies ist die Realität des Völkermordes, der uns als indigenen Völkern durch den Kolonialstaat zugefügt wurde und noch immer wird.»

Trudeau «zutiefst enttäuscht» von katholischer Kirche

Premierminister Justin Trudeau räumte eine Schuld des Staates ein. Residential Schools seien eine Realität, eine Tragödie, vor der Kanada nicht die Augen verschliessen könne, sagte er in einem Statement am 31. Mai. Er versprach konkrete Schritte seitens der Regierung und Hilfe für Betroffene.

Gemäss einem Bericht der britischen BBC forderte Trudeau aber auch die katholische Kirche auf, Verantwortung für die Geschehnisse in Kamloops zu übernehmen. Diese führte die Schule von 1890 bis 1969, als der kanadische Staat den Betrieb übernahm. «Als Katholik bin ich zutiefst enttäuscht von der Position, die die katholische Kirche jetzt und in den vergangenen Jahren eingenommen hat», sagte Trudeau gemäss BBC. Anfragen an die Kirche, die Schulakten preiszugeben, würden abgeblockt.

Papst Franziskus reagierte zwar mittlerweile auf die Nachrichten aus Kamloops. «Diese schwierigen Augenblicke sind ein starker Aufruf, sich vom kolonisierenden Modell und von der heutigen ideologischen Kolonisierung zu distanzieren.» Er fühle sich den Opfern nahe, sagte Franziskus am vergangenen Wochenende auf dem Petersplatz. Von einer Entschuldigung, wie sie auch die First Nations fordern, sah er jedoch ab.

Schwierige Aufarbeitung

Zu Wort gemeldet hat sich derweil die protestantische United Church of Canada, die zweitgrösste Kirche des Landes. Sie betrieb nach eigenen Angaben 15 Residential Schools und war damit für rund 10 Prozent der Kinder verantwortlich, die in das Schulsystem gezwungen wurden.

Die Kirche habe im Zuge der Kommissionsarbeiten bis 2015 sämtliche Unterlagen in dieser Sache durchgesehen und das Material den Forschern zur Verfügung gestellt. «Wir sind uns aber bewusst, dass es auf dem Gelände der United Church nicht gekennzeichnete Gräber geben kann, und wir verpflichten uns, an ihnen und an bekannten Grabstätten zu arbeiten», heisst es in dem Statement vom 4. Juni.

Laut kanadischen Medien dürfte die Aufarbeitung aber nicht nur vom Willen – respektive Unwillen – der Kirchen abhängen. Manche Unterlagen existieren demnach schlicht nicht mehr. Zudem wurden die Kinder teilweise mehrfach umplatziert, sodass nur schwer nachvollzogen werden kann, wer am Ende wo unterkam. Bei den 215 Kindern, die in Kamloops begraben wurden, könnte es sich also um Angehörige von First Nations aus dem ganzen Land handeln, und nicht nur um solche aus der näheren Umgebung. Fest steht damit schon jetzt, dass die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels kompliziert ist – und das Land noch lange in Atem halten wird.