Tulsa Massaker

Der weisse Terror

Am 31. Mai und am 1. Juni 1921 zog ein weisser Mob durch ein schwarzes Wohnviertel der US-amerikanischen Stadt Tulsa, mordete und brannte Häuser nieder. Die Täter wurden nie bestraft, die Opfer nie entschädigt. Jetzt wird Wiedergutmachung gefordert.

Ein ganzer schwarzer Stadtteil liegt in Tulsa in Schutt und Asche. Angezündet von Weissen. (Bild: Keystone)

Viola Fletcher ist 107 Jahre alt und hat alles noch vor Augen: In ihrem Gedächtnis sehe sie, wie schwarze Männer erschossen wurden, sie rieche den Rauch von brennenden Wohnhäusern und sie höre die Schreie. Es sind der 31. Mai und der 1. Juni 1921, die sich in ihre Erinnerung gebrannt haben. Sie war damals ein sechsjähriges Mädchen.

Fletcher ist eines von drei noch lebenden Opfern des «Tulsa Massakers» vor 100 Jahren: Ein weisser Mob brannte damals in der heute 400'000 Einwohner zählenden Stadt Tulsa in Oklahoma ein schwarzes Wohnviertel nieder. Tausende Afro-Amerikaner wurden obdachlos, viele ermordet. Auf alten Fotos sieht man Ruinen und Leichen. Die Täter wurden nie bestraft, die Opfer nie entschädigt.

Sie verlange Gerechtigkeit, sagte Viola Fletcher jetzt auf einer Anhörung, die der Kongress in Washington kurz vor dem Jahrestag veranstaltete. Lessie Benningfield Randle (106) berichtete den Abgeordneten: Die Weissen hätten «aus den Häusern genommen, was sie wollten» und die Häuser dann angezündet. Der demokratische Kongressabgeordnete Jerry Nadler sprach von «ethnischer Säuberung».

Tulsa war um die Jahrhundertwende durch die Entdeckung von Erdöl reich geworden. Das afroamerikanische Viertel Greenwood war etwas Besonderes. Man sprach von der «Schwarzen Wall Street». Im Dokumentarfilm «Goin' Back To T-Town» erzählen Zeitzeugen von Hotels, Restaurants, Kirchen, zwei Zeitungen, Schulen – und von beträchtlichem Wohlstand. Afro-Amerikaner, die vom damals streng abgetrennten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen waren, hatten sich in Greenwood einen eigenständigen Ort geschaffen.

Ku-Klux-Klan war aktiv

Ein Artikel in der «Tulsa Tribune» gilt als Auslöser für die Gewalt. Überschrift: «Nab Negro for Attacking Girl in an Elevator» (deutsch: Schwarzer geschnappt, der ein Mädchen in einem Aufzug angegriffen hat). Ein junger Afroamerikaner namens Dick Rowland habe eine weisse Fahrstuhlführerin attackiert. Diese Formulierung bedeutete: Es müsse sich um sexuelle Gewalt gehandelt haben. Rowland wurde festgenommen.

Was wirklich passiert sei, bleibe ungeklärt, fasst die Zeitung «Tulsa World» 100 Jahre später zusammen. Rowland wurde nie angeklagt. Doch die wirklichen Fakten spielten keine Rolle im Tulsa von 1921. Dort war der rassistische Hassverband «Ku-Klux-Klan» aktiv. Man wusste von zahlreichen Fällen im Süden der USA, bei denen Weisse schwarze Verdächtige ermordet hatten. Schwarze Männer aus Greenwood gingen also zum Untersuchungsgefängnis, um Rowland zu schützen.

Bis zu 300 Tote

Weisse kamen ebenfalls. Sie waren besser bewaffnet und sie hatten die Rückendeckung der Polizei. In den kommenden Stunden zogen zahlreiche Weisse nach Greenwood. Sie legten Brände, erschossen Menschen. Manche Augenzeugen sprechen von Flugzeugen, die Brandsätze oder Bomben abgeworfen hätten. Die genaue Zahl der Toten – mehrere Weisse, viel mehr Schwarze – ist unbekannt. Schätzungen gehen von bis zu 300 aus.

Der Lehrerin und Journalistin Mary Jones Parrish gelang die Flucht. Noch aus 20 Kilometern Entfernung habe sie die Rauchwolken gesehen, schrieb sie in ihrem 1922 in kleiner Auflage veröffentlichten Bericht «Events of the Tulsa Disaster». Parrish kehrte in einem Lastwagen des Roten Kreuzes zurück in die Stadt. Sie wollte dokumentieren, was passiert war.

In einem Behelfslazarett habe sie Menschen mit amputierten Gliedmassen und versengten Gesichtern gesehen, schrieb sie. Die Toten seien so schnell weggebracht worden, dass man keine verlässliche Zahl kenne. Die Nachrichten verbreiteten sich landesweit. Die «New York Times» berichtete am 2. Juni 1921, das schwarze Viertel sei eine schwelende Ruine. 6000 afroamerikanische Stadtbewohner seien «unter schwerer Bewaffnung» in Internierungslagern eingesperrt.

Trump besuchte Tulsa

Noch heute leben Weisse und Afroamerikaner in Tulsa relativ getrennt. Ex-Präsident Donald Trump hat ausgerechnet dort im Juni 2020 seine erste Grossveranstaltung nach mehrwöchiger Coronavirus-Pause abgehalten. In Oklahoma hatte er 65 Prozent der Stimmen bekommen. Die Zeitung «The Oklahoma Eagle» kritisierte Anfang Mai, die Stadt Tulsa ignoriere die Bewohner von Greenwood und mache «sich den Buckel krumm, um weissen Investoren zu helfen».

Erst 76 Jahre nach den Gewalttagen, im Jahr 1997, hat Oklahoma eine Untersuchungskommission eingerichtet. Diese empfahl die Zahlung von Wiedergutmachung an Überlebende. Das ist nie passiert. Die Menschenrechtsorganisation «Human Rights Watch» forderte jetzt einen «umfassenden Plan für Reparationen».

Noch heute Ungleichheiten

Derzeit läuft eine Zivilklage mit dem Ziel, die Nachkommen der Opfer für den Verlust ihres Familienbesitzes zu entschädigen. Zudem müsse der Staat in Greenwood investieren, in Infrastruktur, in Gesundheitsversorgung und in Schulen. Die Klageschrift zitiert den Bürgermeister von Tulsa, George Theron Bynum. Er hatte gesagt, die heutigen wirtschaftlichen Ungleichheiten zwischen Schwarz und Weiss in Tulsa könnten bis zum Massaker zurückverfolgt werden.

Sie habe in einem «wunderschönen Haus» in Greenwood gelebt, erzählte Viola Fletcher den Kongressabgeordneten. «Ich hatte alles, was ein Kind haben wollte. Ich hatte eine rosige Zukunft.» Den Grossteil ihres Erwachsenenlebens habe sie dann aber als Hausangestellte im Dienst weisser Familien gearbeitet. Heute lebe sie in Armut. (epd)