Die Ente als Symbol des Widerstands
Mit einer grossen Gummiente in der Hand tritt der reformierte Pfarrer Matthias Fischer vor die rund 60 Personen in der Berner Heiliggeistkirche. Soeben ist die Podiumsdiskussion zum Thema sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch in den Kirchen zu Ende gegangen. «Die Missbrauchsstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) war wie ein Schlag in die Magengrube», sagt Fischer. Immer wenn das Ausmass der Missbräuche im kirchlichen Umfeld an die Öffentlichkeit dringt, wühlt ihn das auf.
Der reformierte Pfarrer Fischer wuchs in einem streng katholischen Haushalt in Deutschland auf und wurde als Kind von einem Priester sexuell missbraucht. Seine Erfahrungen verarbeitet er mit verschiedenen Kunstinstallationen, die derzeit in der Heiliggeistkirche ausgestellt sind. Ein Schweinekopf in einem Beichtstuhl, oder ein Dildo unter einem Schleier – sinnbildlich für die Vertuschung der Missbräuche – machen klar, was Fischer über die katholische Kirche denkt: Er hält sie für unverbesserlich.
Humor als Waffe
Umso grösser war seine Ernüchterung nach der Publikation der Missbrauchsstudie der EKD. Seine spontane Reaktion sei gewesen, im Internet das Formular für den Austritt aus seiner reformierten Kirchgemeinde auszufüllen und auszudrucken. Doch am nächsten Tag überlegte er es sich anders.
Nach 35 Jahren im reformierten Pfarramt wisse er um die grundsätzliche Gefahr des Machtmissbrauchs. Dieser Verantwortung wolle er sich stellen, indem er Widerstand leiste. «Dabei ist mir «El Pato» wieder in den Sinn gekommen», sagt er und hebt die Gummiente in die Höhe.
El Pato – die Ente – ist das Wahrzeichen der «Iglesia Patólica» in Madrid. Gründer der «Entenkirche» ist der Clown Leo Bassi, der aus einer italienischen Zirkusfamilie mit einer über 150-jährigen Tradition stammt und dessen Grossvater als erster Clown überhaupt von den Brüdern Lumières gefilmt wurde.
In einem Lokal, das Bassi in Anlehnung an die barocke Ästhetik eingerichtet hat, stehen hunderte Gummienten herum. Wöchentlich hält der Clown und «Enten-Priester» eine satirische Messe ab und bricht dabei gesellschaftliche Tabus. Für Fischer ist Bassi ein Vorbild. «Mit Narrenspielen stärken wir den Widerstandsgeist», sagt er vor dem Publikum in der Heiliggeistkirche.
Die Gesellschaft einbinden
Haben Sie sexuellen Missbrauch im kirchlichen Umfeld erlebt? Folgende Organisationen können Ihnen weiterhelfen:
Die Interessengemeinschaft für missbrauchsbetroffene Personen im kirchlichen Umfeld unterstützt Selbsthilfegruppen für Menschen, die sexuell und spirituell missbraucht wurden. Sie steht allen Menschen offen, unabhängig ihrer Konfession.
Die Opferhilfe Schweiz unterstützt Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und anonym. Das Angebot steht auch Angehörigen von Betroffenen offen.
Was er damit meint, erklärt er einige Tage nach dem Podium, als er seiner Arbeit als Seelsorger in einem Zürcher Pflegeheim nachgeht. Hier kommt die Gummiente, die er mitgenommen hat, normalerweise zum Einsatz. Fischer arbeitet mit Menschen, die von Demenz betroffen sind. Regelmässig schlüpfen er und eine Pflegefachfrau in die Rolle zweier Clowns, um Abwechslung in das Leben der Bewohner zu bringen. Die Begegnungen riefen Emotionen hervor, ohne dabei zwanghaft lustig sein zu müssen, erzählt Fischer.
Auf Leo Bassi sei er in einer Monografie über bekannte Clowns aufmerksam geworden, sagt der Seelsorger. Bassi unterhält mit seiner Kunst nicht nur – er übt damit Kritik am Machtmissbrauch der katholischen Kirche. In seinen Messen weist er auf die Widersprüche zwischen den kirchlichen Moralvorstellungen und den gesellschaftlichen Realitäten hin, indem er unter anderem «patolische» Scheidungen anbietet.
In der «Iglesia Patólica» ist alles erlaubt. Damit führt Bassi eine alte Tradition seiner Berufsgruppe fort, die Fischer so fasziniert. «Es braucht Närrinnen und Narren, die den Mächtigen den Spiegel vor Augen halten», sagt er. Dabei zitiert er Bassi, der das närrische Treiben als «Einübung des Widerstandes gegen die Dreieinigkeit «Geld, Macht und Dummheit» versteht.
Mehr Widerstand sei dringend nötig. «Die Zivilgesellschaft darf sich nicht länger gefallen lassen, was die Kirche macht», sagt Fischer. Noch immer seien es die Kirchen, die über die Art und Weise der Aufarbeitung entscheiden würden. «Dabei wollen viele Menschen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, gar nichts mehr mit der Kirche zu tun haben», sagt er. Die «Iglesia Patólica» biete auch ihnen eine Stimme und könne zu einem lustvollen Widerstand animieren, ist Fischer überzeugt. Sein Traum: Eine Diözese der patolischen Kirche in der Schweiz.