Evangelische Kirche in Deutschland

Tausende Täter und Missbrauchsopfer

Ein unabhängiges Forscherteam hat unzählige Missbrauchsfälle in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dokumentiert. Die evangelischen Strukturen hätten sexualisierte Gewalt ermöglicht und begünstigt.

Projektkoordinator Martin Wazlawik (vierter von links) übergibt der kommissarischen Ratsvorsitzende der EKD, Kirsten Fehrs, den Abschlussbericht des Forschungsverbundes ForuM. (Screenshot Livestream Pressekonferenz)

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche hat es in der evangelischen Kirche in grösserem Ausmass gegeben als bislang angenommen. Ein von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beauftragtes unabhängiges Forscherteam stellte am Donnerstag in Hannover seine Studie vor, in der von mindestens 2225 Betroffenen und 1259 mutmasslichen Tätern die Rede ist.

Das sei jedoch nur die «Spitze der Spitze des Eisbergs». Es gebe Kenntnisse über weitere Fälle, die aufgrund fehlender Informationen nicht hätten strukturiert erfasst werden können, heisst es in der Mitteilung des Forscherteams. Untersucht wurden den Angaben zufolge flächendeckend nur Disziplinarakten.

Hohe Dunkelziffer erwartet

Diese Organisationen helfen weiter

Haben Sie sexuellen Missbrauch im kirchlichen Umfeld erlebt? Folgende Organisationen können Ihnen weiterhelfen:

Die Interessengemeinschaft für missbrauchsbetroffene Personen im kirchlichen Umfeld unterstützt Selbsthilfegruppen für Menschen, die sexuell und spirituell missbraucht wurden. Sie steht allen Menschen offen, unabhängig ihrer Konfession.

Die Opferhilfe Schweiz unterstützt Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und anonym. Das Angebot steht auch Angehörigen von Betroffenen offen.

In einer Hochrechnung, die aus Sicht des Forscherteams mit «sehr grosser Vorsicht» betrachtet werden muss, ergäbe sich eine Zahl von insgesamt 9355 Betroffenen bei geschätzt 3497 Beschuldigten. Bislang war nur bekannt, wie viele Betroffene sich in den vergangenen Jahren an die zuständigen Stellen der Landeskirchen gewandt haben. Nach Angaben der EKD waren das 858.

Die Studie zeigt den Angaben zufolge, dass es evangelische Besonderheiten gibt, die sexualisierte Gewalt ermöglichen und begünstigen können. Dazu zählten eine «Diffusion von Verantwortung», der übermässige Wunsch nach Harmonie, eine fehlende Konfliktkultur sowie «die Selbsterzählung der Fortschrittlichkeit». Das blockiere auch Aufarbeitungsversuche. Dabei zeige die Studie «deutlich», dass sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche nicht reduzierbar auf bestimmte lokale oder zeitliche Umstände sei wie beispielsweise die frühere Heimerziehung oder den liberalen Sexualitätsdiskurs der 1970er Jahre.

Die amtierende EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs sagte bei der Vorstellung der Studie zur lückenhaften Datengrundlage: «Ich weiss, dass die Forschenden unzufrieden waren und sind. Wir nehmen die Kritik an.» Es sei klar, dass die evangelische Kirche zu einer einheitlichen Falldokumentation kommen müsse. «Wir haben diese Studie gewollt, wir haben sie initiiert und wir nehmen sie an, mit Demut», sagte sie.

Missbrauchsopfer verlangen externe Ombudsstellen

Betroffene sexualisierter Gewalt haben von der evangelischen Kirche Konsequenzen aus den Ergebnissen der umfassenden Studie über sexualisierte Gewalt gefordert. Die Studie zeige, dass der Föderalismus der evangelischen Kirche «ein Grundpfeiler für sexualisierte Gewalt» sei, sagte Detlev Zander, der Betroffenenvertreter im Beteiligungsforum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist, am Donnerstag bei der Vorstellung der Studienergebnisse in Hannover. Die föderale Struktur verhindere Aufarbeitung. Zander forderte eine übergeordnete Stelle: «Es kann nicht sein, dass jede Landeskirche machen kann, was sie möchte.»

Auch Katharina Kracht, die dem früheren Betroffenenbeirat der EKD angehörte und Mitglied im Beirat der Studie war, kritisierte, die EKD sei «eigentlich ein zahnloser Tiger». Sie forderte Unterstützung des Staates bei der Aufarbeitung. «Die Kirche ist für die Betroffenen kein Gegenüber», sagte sie mit Blick auf die Ergebnisse der Studie, wonach Betroffene oftmals keine hilfreiche Reaktion der evangelischen Kirche erlebt haben. Benötigt würden externe Stellen, an die sich Betroffene wenden können, sagte Kracht. (epd)

Die EKS hält sich bedeckt

Von grossem Interesse ist die EKD-Studie auch für die Evangelische Kirche der Schweiz (EKS). «Die Studie zeigt, was wir wissen: Missbrauch ist nicht nur ein Thema in katholischen oder freikirchlichen Institutionen, sondern auch in der evangelischen Kirche», sagt EKS-Präsidentin Rita Famos auf Anfrage von ref.ch. Der EKS und den Landeskirchen sei es wichtig, aus ihrer Vergangenheit zu lernen.

Ob die EKS nun eine eigene Studie in Auftrag geben will, bleibt unklar – ebenso, bis wann sie eine Entscheidung treffen will. «Die Versuchung ist jetzt gross, möglichst rasch eigene Ergebnisse zu liefern», sagt Famos. Wichtiger sei jedoch, die Hürden bezüglich Datenlage, Studienkoordination und -design zu klären und eine gemeinsame Position mit den Landeskirchen zu finden. (epd/ pef)