Der vergessene Krieg
Als wären die Folgen des eigenen Konflikts nicht schwer genug, trifft auch der Ukraine-Krieg den Jemen schwer. Das Land importiert bis zu 95 Prozent seines Weizens aus dem Ausland. Weizen in Form von Brot macht mehr als die Hälfte der Kalorienzufuhr der Bevölkerung aus. «Der Krieg in der Ukraine hat bereits zu einem drastischen Anstieg der Weltmarktpreise für Weizen geführt», sagt Ahmad Baroudi, Medien- und Kommunikationsmanager der Hilfsorganisation «Save the Children» im Jemen auf Anfrage von ref.ch.
Die durch den Ukraine-Krieg verursachte Unterbrechung der globalen Lebensmittelversorgungskette würde weitere Millionen jemenitischer Kinder an den Rand des Verhungerns treiben. Zumal über 37 Prozent des in den Jemen eingeführten Weizens aus Russland und der Ukraine stammen. «Experten rechnen damit, dass die Knappheit und die damit verbundenen hohen Preise mehrere Jahre andauern werden», sagt auch Adrian Förster, CEO von «Save the Children Schweiz». Damit treffe auch diese Krise vor der Türe Europas in ganz anderen Regionen einmal mehr die Ärmsten, mit katastrophalen Folgen für Millionen von Menschen.
2,2 Millionen Kinder akut unterernährt
Die UNO schätzt, dass in den sieben Jahren, in denen die Kämpfe im Jemen andauern, mehr als 10'000 Kinder getötet wurden. Der Januar dieses Jahres sei aufgrund massiver Luftangriffe der tödlichste Monat seit der letzten grossen Eskalation im Jahr 2010 gewesen.
Anfang 2022 sind laut Baroudi zudem 17,4 Millionen Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, darunter 2,2 Millionen Kinder, die akut unterernährt sind. «Darüber hinaus sind die Kinder nicht nur durch die unerbittlichen Kämpfe verängstigt, sondern auch das Gesundheitssystem ist am Ende», sagt Baroudi. Mehr als die Hälfte der Gesundheitseinrichtungen seien geschlossen oder nur teilweise funktionsfähig. Die Folge: Schon jetzt sei die Kindersterblichkeit aufgrund der Zunahme leicht behandelbarer Krankheiten wie Durchfall und Lungenentzündung stark angestiegen. Und sie könnte noch weiter steigen. Denn die für die Gesundheit der jemenitischen Kinder lebenswichtigen Wasser- und Abwassersysteme könnten bald nicht mehr funktionieren.
Hoffnung auf Frieden
Neben den gesundheitlichen Problemen hätten die Menschen auch mit den Folgen einer schrumpfenden Wirtschaft zu kämpfen. 80 Prozent der Bevölkerung würden deshalb unter der Armutsgrenze leben.
In den vergangenen sechs Jahren belief sich der Schweizer Beitrag für den Jemen auf rund 88 Millionen Franken, sagte Bundesrat Ignazio Cassis in einer Video-Ansprache an der Geberkonferenz in Genf Mitte März 2022. Die Schweiz sicherte dem kriegsgeplagten Land weitere 14,5 Millionen Franken zu.
Damit soll die Arbeit mehrerer humanitärer Organisationen wie etwa des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) oder Welternährungsprogramms (WFO) unterstützt werden. Bei ihrer Hilfe konzentriere sich die Schweiz auf die Bereiche Wasser und sanitäre Anlagen, Ernährungssicherheit und Schutz von Zivilpersonen. (sda/bat)
Trotz der düsteren Lage: Zum ersten Mal seit Jahren gebe es endlich Hoffnung. Anfang Februar wurde ein Waffenstillstand zwischen den Kriegsparteien vereinbart. «Es ist eine Atempause für die Kinder und ihre Familien», sagt Baroudi. Doch das dürfe nur der Anfang sein. «Die Öffnung von Häfen und Flughäfen für humanitäre und kommerzielle Transporte, die Aufhebung von Bewegungseinschränkungen und die Ermöglichung des uneingeschränkten Zugangs für humanitäre Hilfsorganisationen sind von entscheidender Bedeutung.»
Damit humanitäre Hilfe überhaupt geleistet werden kann, müsse sie nun entsprechend finanziert werden können. «Sie ist leider chronisch unterfinanziert», sagt Baroudi. In diesem Jahr hätten internationale Geber auf der UN-Zusagenkonferenz 1,3 Milliarden US-Dollar (1,3 Milliarden Franken) aufgebracht, also lediglich 30 Prozent der benötigten 4,2 Milliarden Dollar (4,2 Milliarden Franken). «Dies ist das sechste Jahr, in dem der Plan für humanitäre Hilfe im Jemen nicht vollständig finanziert wurde», so Baroudi. Angesichts der derzeitigen Finanzierungslücken könnte die Zahl der Menschen, die dringend lebensrettende Hilfe zum Überleben benötigen, in der zweiten Jahreshälfte auf 19 Millionen ansteigen.