Ökumene

Der Brückenbauer

Der reformierte Pfarrer Josua Boesch schuf neuartige Ikonen aus Metall und lebte viele Jahre als Eremit in einem Benediktinerkloster. In seiner Kirche blieb der ökumenische Grenzgänger ein Aussenseiter. Dieses Jahr wäre Boesch hundert Jahre alt geworden.

Mitten in einer Lebenskrise entdeckte Josua Boesch seine Leidenschaft für das Kunsthandwerk wieder. Zuvor hatte er fast dreissig Jahre als reformierter Pfarrer gearbeitet. (Bild: Förderverein Josua Boesch)

Als Luke Gasser angefragt wurde, eine Doku über Josua Boesch zu drehen, musste sich der Filmemacher erst einlesen. Zwar hatte er den Namen des vor zehn Jahren verstorbenen Pfarrers, Ikonenkünstlers und Eremiten schon gehört, von seiner Lebensgeschichte war ihm aber wenig bekannt. Gasser vertiefte sich in das Leben und Schaffen Boeschs und war fasziniert. «In Josua Boesch spiegelt sich ein ganzes kirchenpolitisches Zeitalter. Er erlebte den Aufbruch der Ökumene in den frühen 70er-Jahren und musste mitansehen, wie das Klima in den 80ern wieder frostiger wurde. Das hat mich sofort gepackt», sagt Gasser.

Das Leben des 1922 im zürcherischen Niederwenigen geborenen Boesch war geprägt von Umbrüchen und Neuanfängen. Als Jugendlicher absolvierte Boesch eine Lehre als Gold- und Silberschmied, entschied sich dann aber – wie es der Familientradition entsprach – für ein Theologiestudium. Rund dreissig Jahre wirkte er als reformierter Pfarrer in verschiedenen Kirchgemeinden, zuletzt in Affoltern am Albis im Kanton Zürich.

Mit Anfang Fünfzig, mitten in einer Lebenskrise, entdeckte Boesch seine Leidenschaft für das Kunsthandwerk wieder. Er arbeitete von nun an nur noch fünfzig Prozent als Pfarrer. Daneben experimentierte er in seiner Werkstatt mit Gold, Silber, Messing und Kupfer und schuf aus diesen Materialien seine ersten Ikonen. In diesen Jahren verstärkte sich in ihm auch der Wunsch nach einem kontemplativen Leben. 1979 folgte Boesch einer ökumenischen Einladung des Kloster Camaldoli in der Toskana, wo er insgesamt sechs Jahre unter Benediktinerbrüdern lebte.

Die reformierte Tradition öffnen

Der Theologe Simon Peng-Keller, heute Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich, stand mit Boesch über viele Jahre in intensivem Austausch. Boeschs Vision sei es gewesen, Kunst und spirituelles Leben zu verbinden, dafür habe er im Kloster ein ideales Umfeld gefunden. Zudem sei die Ökumene ein zentrales Anliegen von ihm gewesen. «Josua Boesch hat sich in seinem Denken und seinem künstlerischen Schaffen immer im Grenzbereich zwischen den Konfessionen bewegt, er verstand sich als Brückenbauer», sagt Peng-Keller.

  • In seiner Werkstatt verband Josua Boesch auf neuartige Weise die Edelmetalle Gold und Silber mit unedlen Metallen wir Messing und Kupfer. (Bild: Förderverein Josua Boesch)

Im Vatikan herrschte zu dieser Zeit ökumenisches Tauwetter und so durfte Boesch für einige Jahre das Abendmahl im Kloster mitfeiern. Zum Katholizismus zu konvertieren, habe für ihn allerdings nie zur Debatte gestanden, sagt Keller-Peng. «Josua Boesch wollte die reformierte Tradition für die Schätze der anderen Konfessionen öffnen, die eigene Identität stellte er dabei aber nicht in Frage.»

Kirchenleitung tat sich schwer mit Boesch

Ein Botschafter der Ökumene war Boesch auch für Samuel Jakob. Der Vizepräsident des vor drei Jahren gegründeten Fördervereins Josua Boesch begegnete dem Künstler-Pfarrer erstmals 1986. Im Jahr zuvor hatte Boesch das Kloster verlassen, weil das ökumenische Klima rauer wurde. «Das war schmerzhaft für ihn. Er hatte sich immer eine Erneuerung der Kirche und ein Miteinander der Konfessionen gewünscht», sagt Jakob.

100 Jahre Josua Boesch

Der Förderverein Josua Boesch plant zum 100-Jahr-Jubiläum diverse Veranstaltungen. Von Juni bis November finden an insgesamt zehn Orten in der Schweiz Ausstellungen mit Ikonen und Texten von Boesch statt. Der Obwaldner Filmemacher Luke Gasser arbeitet zudem an einem Dokumentarfilm, in dem Zeitzeugen zu Wort kommen und die Wirkungsstätten von Josua Boesch gezeigt werden. Darüber hinaus sind im TVZ-Verlag Neuauflagen von Büchern über den Künstler-Pfarrer geplant. Ein Überblick über die Aktivitäten des Vereins ist auf der Webseite www.josuaboesch.ch zu finden. Boesch wäre am 15. November dieses Jahres hundert Jahre alt geworden. (no)

Mit seinen Ikonen, die in der Stille seiner Klosterzelle entstanden, fand Boesch vor allem in der katholischen Jugendseelsorge Anklang. Das Verhältnis zu den Reformierten sei hingegen schwierig gewesen, erinnert sich Jakob. «Unter den Pfarrpersonen war Boesch ein Aussenseiter. Man belächelte ihn ein wenig als neuen Niklaus von Flüe.» Auch die Kirchenleitung tat sich schwer mit dem Grenzgänger. Eine grosse Enttäuschung für Boesch war, dass der Zürcher Kirchenrat ihm 1977 die Leitung bei der Umgestaltung des heutigen Klosters Kappel, auf die er sich beworben hatte, nicht anvertrauen wollte.

Ein neues Bild von Gott

Nach seiner Rückkehr aus Italien verbrachte Boesch seine letzten Lebensjahre in Zürich, wo er 2012 starb. Zu seinem hundertsten Geburtstag und anlässlich des zehnten Todestags gedenkt der Förderverein Josua Boesch in mehreren Veranstaltungen des Künstler-Pfarrers (siehe Kasten). Für Vizepräsident Samuel Jakob ist das die Gelegenheit, auf das spirituelle Erbe Boeschs aufmerksam zu machen. «Das Interesse für Mystik und Kontemplation hat inzwischen auch bei uns Reformierten zugenommen. Da passt Boesch ganz gut hinein.»

Ebenfalls sei die theologische Botschaft seiner Metallikonen mit ihren zukunftsweisenden Akzenten auch aus heutiger Sicht aktuell. Eines seiner Werke zeigt den gekreuzigten Jesus als Leerstelle in einem metallenen Kreuz. Das durchbrochene Kreuz stehe für Offenheit, für ein neues Denken und ein neues Bild von Gott, sagt Jakob. «Boesch wollte weg von dem alten, blutigen und kleinmachenden Christentum, unter dem er selbst gelitten hat. Er war überzeugt, dass eine neue Epoche angebrochen sei.»