«Das war eine Pioniertat des Thurgaus»

Die reformierte und die katholische Landeskirche im Kanton Thurgau feiern ihr 150-jähriges Bestehen. Was das Thurgauer Modell damals auszeichnete und wie es ist, ein kirchliches Grossfest im 21. Jahrhundert zu organisieren, erzählt Jubiläumsprojektleiter Reto Friedmann im Interview.

Das offizielle Bild zum Jubiläum: Die beiden Landeskirchen wollen zeigen, wo sie in der Gesellschaft wirken. (Bild: zVg)

Vor 150 Jahren wurde die Beziehung zwischen Staat und Kirchen im Kanton Thurgau neu geregelt. Was finden Sie an diesem Schritt bemerkenswert, Herr Friedmann?
Das war eine Pioniertat des noch jungen Kantons Thurgau. Er hat mit einem republikanischen Zeitgeist ein klares Modell geschaffen, das zum einen die Kirche und den Staat entflochten hat, gleichzeitig aber auch die Zusammenarbeit auf dieser neuen Grundlage regelte.

Wie meinen Sie das?
Für die Kirche war das ein einschneidender Schritt. Sie verlor beispielsweise das Schulamt an den Staat. Gleichzeitig wurde eine neue Zusammenarbeit aufgebaut. Das Sozialwesen blieb bis in die 60er-Jahre in der Kompetenz der Kirche. Das zeigt: Der Staat war auch bereit, wichtige gesellschaftspolitische Bereiche der Kirche zu überlassen.

Für wen führte das neue Landeskirchenrecht zu grösseren Veränderungen: Für die katholische oder die reformierte Kirche?
Ganz klar für die katholische. Ergänzend zur pastoralen Linie wurden damit erstmals demokratische Strukturen eingeführt. Das war eine grosse Veränderung. Deshalb kam der Impuls für die Feier des Jubiläums auch von den Katholiken.

Sind Ihnen beim Studium der Thurgauer Kirchengeschichte Besonderheiten aufgefallen?
Der Thurgau war schon immer konfessionell gemischt. Allerdings war er deutlich evangelisch geprägt, mit einer katholischen Minderheit. Aus Mangel an Geld wurden die Kirchengebäude in der Regel von beiden Konfessionen genutzt. Das lief nicht immer konfliktfrei ab.

Wo gab es Konflikte?
Zum Beispiel beim Gottesdienst. So kam es vor, dass die Reformierten katholisches Inventar mit Tüchern abdeckten. Das kam bei den Katholiken wahrscheinlich nicht nur gut an. Nichtsdestotrotz hat man sich zusammengerauft. Es blieb nichts anderes übrig.

Heute sehen sich sowohl die Katholiken als auch die Reformierten mit einer immer stärker ausgeprägten säkularen Gesellschaft konfrontiert. Was bedeutet das für die Organisation eines kirchlichen Jubiläums im 21. Jahrhundert?
Wir versuchen, mit dem Programm möglichst viele Leute abzuholen – auch solche, die kirchenfern sind. So hat ein Musical genauso Platz wie der Bau einer Himmelsleiter durch den Walliser Künstler Vincent Fournier.

Ist das Kirchenjubiläum denn gut gestartet?
Ja, wir sind sehr zufrieden. Beim offiziellen Auftakt am 1. Dezember war fast der gesamte Regierungsrat anwesend. Ein schönes Zeichen, das zeigt, dass Kirche und Staat auch heute ein gutes Verhältnis haben.

 

Zur Person: Reto Friedmann (*1965) ist Religions- und Kantonsschullehrer sowie Radiokünstler. Er ist der Gesamtleiter des 150-Jahr-Jubiläums der reformierten und der katholischen Landeskirche.