Das RefLab – eine Podcast-Kritik

Der Podcast-Trend aus den USA ist auch in der Schweiz angekommen. Mit dabei: Die Zürcher Landeskirche. Wir haben in die Beiträge ihres «RefLab» reingehört.

«Less noise - more conversation.» Das ist das Motto des «RefLab». (Bild: KEYSTONE/PICTURE ALLIANCE/Florian Schuh)

Das Projekt ist schweizweit einzigartig: Die Reformierte Landeskirche Zürich hat ein Labor eröffnet, in dem Podcasts und Blogs produziert werden. Das Motto: «Less noise – more conversation.» Das Budget: Rund eine Million Franken.

Das RefLab will eine Online-Community sein, wo man über Glaube, Religion und Spiritualität nachdenkt und diskutiert. Seit Anfang Jahr sind die Beiträge online abrufbar und werden in den sozialen Medien bisher fleissig geteilt.

Die Website und die Logos der Podcasts kommen frisch daher. Aber halten die Beiträge auch, was sie versprechen? Insgesamt elf Podcasts werden produziert, einer ein Video-Podcast, einer eine Aufzeichnung eines Live-Gesprächs. Die andern neun hat sich Redaktorin Antonia Moser – vorher Radiojournalistin – angehört. Nicht alle Folgen, dafür sind es zu viele. Für eine persönliche Kritik hat es dennoch gereicht.

Ausgeglaubt
In diesem Podcast geht es rasch theologisch zur Sache. Stephan Jütte und Manuel Schmid erklären, was sie nicht mehr glauben. Zum Beispiel, dass der christliche Glaube glücklich macht. Das passiert in einem lockeren Plauderton, aber bei der Theodizee-Frage oder der Eschatologie merke ich doch, dass die beiden Theologie studiert haben. Das bietet Tiefgang – neben dem Kochen hören geht für mich aber nicht mehr.

Abgekanzelt
Auch dieses Format finde ich intensiv – verschiedene Poetry-Slammer äussern da ihre Gedanken zum Leben, zur Theologie. Mich überfordern aber die Folgen mit Andreas Kessler, die ich gehört habe. Ich muss aufmerksam zuhören, und doch verstehe ich nicht alle Sprachbilder auf Anhieb. Oder sie gefallen mir nicht: «klimakterisches Selbstverwirklichungstum» finde ich nicht lustig. Also hänge ich ab. Aber: Dieser Podcast ist eine Kunstform – einfach keine für mich.

Fritzis Folgen
Friederike Osthof will in ihrem Podcast ihre Kulturbegeisterung weitergeben, sie spricht über Bücher, Filme, Ausstellungen. Allerdings scheinen mir die Beiträge noch etwas langfädig: Ein Buch über Subkulturen in der DDR wird so ausführlich beschrieben, dass ich nachher das Gefühl habe, es bereits gelesen zu haben. Ausserdem bestreitet Osthof (mit Ausnahmen) die Folgen alleine – da bräuchte mein Ohr etwas Abwechslung, um nicht abzuschweifen. Aber vor allem fehlt mir (noch) das Alleinstellungsmerkmal. Kulturpodcasts gibt es viele, warum soll ich nun diesen auswählen und nicht denjenigen eines Kulturradios? Da geht sicher noch mehr – wenn Corona es dann wieder zulässt.

Holy embodied
Im etwas umständlichen Titel schon angedeutet: Hier geht’s um die Verbindung von Spiritualität und Körper. Die beiden Podcast-Macher Deborah Sutter und Patrick Schwarzenbach erzählen beispielsweise, wie sie mit dem Körper beten oder mit Wut umgehen. Dabei plaudern sie locker, nahe an ihrem Alltag. Aber sie thematisieren auch Schwierigkeiten und Traumata. Es geht in die Tiefe, die Folgen sind dementsprechend lange, etwa eine Stunde. Mich interessieren Meditation und Stille jedoch nicht besonders, deshalb drifte ich schnell ab. Hingegen steige ich bei der praktischen Übung wieder ein. Und wer sich für das Thema allgemein begeistert, der wird hier genug Stoff bekommen – und genau für solche Nischen sind Podcasts ja da.

Konvers
«Konvers» ist ein klassisches Talk-Format. Sibylle Forrer und Stephan Jütte besprechen hier, was sie beschäftigt, Persönliches wie Politisches. Die Pfarrerin und der Theologe vertreten ihre Meinung, zum Beispiel zum Thema Sterbehilfe. Ich höre den beiden gerne zu, ihr Gespräch wirkt natürlich und intim – auf eine angenehme Art. Die religiöse Perspektive fliesst mit ein, ohne dass aus dem Dialog ein Theologen-Fachsimpeln wird. Das ist eine Stärke des RefLab. Einmal im Monat ist zudem eine interessante Persönlichkeit zu Gast, zum Beispiel die Ideenmaschinen-Erfinderin Nadja Schnetzler. In diesem Gespräch wurden so viele spannende Themen angesprochen, von der Ideenmaschine bis hin zur Polyamorie, da hätte ich gerne zu allem noch mehr gewusst. Hier wurde mir fast zu viel in die kurze Zeit gepackt. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau.

Stammtisch
Dies ist das zweite Talk-Format des Reflab. Hier werden aktuelle Themen aufgenommen, also natürlich auch Corona. Die Gespräche sind locker und leicht zu hören, die Gesprächspartner haben viel zu erzählen. Aber auch hier stelle ich mir die Frage: Warum soll ich gerade das hören? Denn Talk-Formate gibt’s viele, beim «Stammtisch» wird mir nicht immer ganz klar, welchen Mehrwert mir da das RefLab bieten kann.

Mir 2 zäme
Auch einen Paarpodcast hat das Reflab im Angebot: Mirja Zimmermann ist Pfarrerin, ihr Mann Lukas vorwiegend Hausmann. Dieses Familienmodell ist in der Schweiz unüblich. Leider finde ich die Gesprächsthemen der beiden dann aber doch ziemlich normal: Wie man damit umgeht, wenn der andere direkt aus der Saftflasche trinkt, wie man die Beziehung im Alltag nicht vergisst. Ich nehme dem Paar zwar alles ab, etwa dass es ihnen hilft, das «Füfi auch mal gerade sein zu lassen». Gleichzeitig ist das Ganze aber auch sehr harmonisch und wirkt dadurch schweizerisch-brav. Mich hätte eher interessiert, was es heisst, ein ungewöhnliches Familienmodell zu leben. Oder wie das Leben im Pfarrhaus so ist. Da läge noch mehr drin.

More Tea, Vicar?
Hier führen die Pfarrerin Carla Maurer und Laurin Reding durch die Sendung, ganz in Englisch und direkt aus London. Dieser Podcast klingt wohltuend anders, die beiden sind nämlich draussen unterwegs und besuchen verschiedene Orte in Englands Hauptstadt. So bekomme ich historische Begebenheiten mit, zum Beispiel zur kolonialen Vergangenheit Grossbritanniens. Aber bevor ich es richtig gemerkt habe, lande ich in einer theologischen Debatte, etwa wie sich die beiden Gott vorstellen. Oder es gibt Tipps, wo man in London Schweizer Käse kaufen kann. Für mich eine schräge Mischung, die gut funktioniert. Eine Überraschung zum Schluss: Ein Orgelstück. Die Kompositionen sind aussergewöhnlich, auf mich wirkt der Sound aber doch sehr kirchlich. Das liegt durchaus drin – ich kann ja auch ausschalten.

Popcorn Culture
Ich war skeptisch: Noch ein Serienpodcast, dieser mit dem Fokus auf religiöse Aspekte. Aber ich war positiv überrascht und dachte plötzlich anders über meine Abendunterhaltung. Bei «Game of Thrones» reflektiert Macher Manuel Schmid mit einem Gast das Unsicherheitsgefühl in unserer Gesellschaft. Beim «Punisher» wird der Sinn von Gewalt und gewaltlosem Widerstand erkundet. Spannende Nebengleise, die schlussendlich einen tieferen Sinn einer Serie offenbaren. Was mir aber auffiel: Ich hörte nur Männer miteinander sprechen. Sind Serien wirklich nur ein Männerphänomen?

Fazit

Das Motto «Less noise. More conversation.» wird definitiv eingehalten. Da wird viel geredet, meistens sehr flüssig und easy. Den Ton trifft das RefLab. Und es bietet einige Highlights: Nämlich da, wo die Macher eine Nische füllen, wo es um religiöse Aspekte bei Serien geht oder um religiöse Körperpraxis. Da, wo einfach viel geredet wird oder Themen behandelt werden, die schon andernorts oft besprochen werden, da stellt sich bei mir ab und zu die Frage, warum ich nun genau dem RefLab zuhören soll. Aber es ist ein mutiger erster Schritt, gleich so viele neue Podcasts aus dem Boden zu stampfen. Da darf man ja durchaus noch etwas nachjustieren.