Strafvollzug

Als er im Todestrakt «Guten Morgen» sagte, bekam er grossen Ärger

Daniel Gwynn ist heute ein freier Mann. Fast 30 Jahre lang hatte er in einem US-Gefängnis auf die Exekution gewartet, bis er für unschuldig erklärt wurde. Nun malt er Bilder, die von Gott und dem Leben hinter Gittern erzählen.
Während seiner Zeit im Gefängnis brachte sich Daniel Gwynn das Malen bei. Seine Kunst dreht sich um den Strafvollzug und das Leben hinter Gittern. (Bild: zvg)

Auf dem Computerbildschirm erscheint der Blick in ein dunkles Zimmer. Man sieht eine Stuhllehne, aber kein Gegenüber. Aus dem Off ruft jemand: «Ich bin hier» und Momente später setzt sich Daniel Gwynn vor seinen Rechner. Zum Zeitpunkt des Gesprächs befindet er sich noch in den USA. Doch ab heute tritt er in Zusammenarbeit mit Amnesty International in verschiedenen Schweizer Städten auf, um seine Geschichte zu erzählen.

Gwynn wuchs bei seinen Grosseltern in einem Problemviertel von Philadelphia auf, nahm als Jugendlicher Drogen, wurde für eine Brandstiftung verurteilt, bei der eine Frau ums Leben kam. Fast 30 Jahre lang sass er in der Todeszelle, bevor 2023 seine Todesstrafe aufgehoben und er 2024 freigelassen wurde: Es hatte sich herausgestellt, dass er fälschlicherweise festgenommen und bestraft worden war.

Der heute 56-Jährige beschrieb sein Leben im Todestrakt einmal so: «Seit 23 Jahren sitze ich hier, gefangen in einer Kiste, wo die Tage einfach so vergehen. Die Wände schieben sich zusammen wie in einer Müllpresse, die alle Hoffnung, Träume und alles Leben zermalmt.»

Daniel Gwynn, was bedeutet das Wort Freiheit für Sie?
Dass ich eine Wahl haben kann. Als ich eingesperrt war, war es vorgegeben, was ich essen, anziehen und tun würde. Doch Freiheit bedeutet für mich noch mehr. Vor der Haft war ich geprägt vom Trauma meiner Kindheit. Mein Vater hatte uns verlassen, ich wuchs bei meinen Grosseltern auf. Mein Schulweg führte an Dealern und Drogensüchtigen vorbei. Später kam ich selbst mit Drogen in Kontakt. Jetzt fühle ich mich wie neugeboren und bin nicht mehr beeinflusst von diesen Erlebnissen. Ich bin Teil des Lebens um mich herum und geniesse es.

Wie konnten Sie es Jahrzehnte lang im Gefängnis aushalten, wenn die Todesstrafe jederzeit vollstreckt werden könnte, und im Wissen darum, dass Sie nicht getan haben, wofür Sie bestraft werden?
Als ich vor Gericht stand, dachte ich nur: «Was ist hier eigentlich los?» Als ich dann verurteilt war und exekutiert werden sollte, fragte ich Gott: «Was geschieht jetzt mit mir?» Er antwortete: «Ich passe auf dich auf.» Im Gefängnis lebte ich nach dem Motto: Lass los und lass dich von Gott führen.

Was hat Ihnen das gebracht?
Ich war gelassen und fand zur Malerei und zum Lernen. Ich versuchte, die anderen Insassen mir gegenüber gnädig zu stimmen, um mich selbst zu schützen. Das Leben im Todestrakt ist hart. In meiner ersten Zeit wünschte ich einem Mitinsassen einmal «Guten Morgen» und er wollte mir förmlich den Kopf abreissen. Er schrie mich an, was gut sei an diesem Morgen, wenn man ihn und uns alle hier drin töten wolle. Zum Glück kümmerten sich ein paar Leute um mich. Sie sagten, ich gehöre nicht an jenen Ort und solle niemals mehr jemandem einen guten Morgen wünschen. Dann nahmen sie mich in ihre Gruppe auf und beschützten mich. So konnte ich mich in meine Kunst und meine Verbindung zu Gott vertiefen.

Daniel Gwynn zeigt einen Menschen inmitten von Löwen – doch diesmal nicht in einer Grube wie im alten Testament, sondern in einem Kerker. (Bild: Daniel Gwynn/ zvg)

Wie hat Sie diese Verbindung beeinflusst?
Sie machte mich zu einem erwachsenen Mann und einem Künstler. Ich habe mir das Malen selbst beigebracht und ich scheine die Fähigkeit zu haben, Menschen mit meinen Bildern zu bewegen. Meine Motive haben den Bezug zum Gefängnis und zum Strafvollzug. Manchmal weinen Menschen in meinen Ausstellungen, weil sie ein Bild so berührt.

Ihre Bilder wurden bereits während Ihrer Zeit im Gefängnis ausgestellt und verkauft.
Ich verdiente Geld damit. Das gab ich den Häftlingen, die schlechter dran waren als ich: Alte Insassen und Behinderte. Viele Gefangene und Vollzugsbeamte um mich herum verstanden das nicht. Ich versuchte, ein guter Mensch zu sein. Ich erwarte keinen Dank, sondern hoffe, dass die Leute die Freundlichkeit weitergeben.

Manche Ihrer Bilder orientieren sich an Geschichten aus der Bibel. Mehrfach haben Sie das Motiv von Daniel in der Löwengrube verwendet. Andere zeigen im weitesten Sinn Gefängnisszenen.
In der Regel habe ich ein Gefühl in mir, das ich in einem Bild ausdrücken will. Wenn ich etwas sehe, das sich dafür als Motiv eignet – zum Beispiel Männer, die Basketball spielen –, male ich das. Manchmal war es aber auch anders. Einmal wurde ich aus meiner Zelle ans Telefon gerufen. Der Anrufer teilte mir mit, dass mein Vater gestorben war. Ich war erschüttert, weil wir uns gerade etwas angenähert hatten. Auf dem Weg zurück brach ich fast zusammen. In der Zelle heulte ich nur noch. Aber durch die Tränen sah ich ein Bild vor mir von einem Mann mit einem leuchtenden Herzen und zerrissenen Ketten. Ich malte es dann so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Sie treten in der Schweiz auf, erzählen von ihrem Leben und sprechen über den Strafvollzug. Wie viel erzählen Sie von Ihren Erfahrungen im Todestrakt?
Es ist manchmal schwierig, die harte Wahrheit zu erzählen. Viele Menschen können damit nicht umgehen. Ich wäge ab und versuche, es einfach zu halten. Meine Botschaft für die Leute ist: Seht euer Leben und eure Freiheit nicht als selbstverständlich an.

Daniel Gwynn tritt am Montag, 22. Juni, in Zürich, am Mittwoch, 24. Juni, in Bern und am Freitag, 26. Juni, in Lausanne auf. Die Tournee organisiert haben ACAT Schweiz, Lifespark und Amnesty International. Nähere Informationen finden Sie hier.

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