150-Jahr-Jubiläum Paula Modersohn-Becker
Zu mutig für ihre Zeit
Zu ihren Lebzeiten verkaufte sie nur eine Handvoll Bilder, heute zählt sie zu den bedeutendsten Künstlerinnen der Moderne. Paula Modersohn-Becker (1876–1907) entwickelte eine Bildsprache, die viele ihrer Zeitgenossen irritierte. In ihren Gemälden von Landschaften, Bäuerinnen und Kindern reduzierte sie Körper und Gesichter auf einfachste Formen. Immer wieder malte sie sich selbst und schuf mit dem «Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag« den ersten weiblichen Selbstakt der Kunstgeschichte.
An ihrem 150. Geburtstag ist die Faszination für die revolutionäre Künstlerin ungebrochen. Biografien, Dokumentationen, Spielfilme und mehrere Austellungen feiern die Malerin, die einen grossen Teil ihres Lebens in der Künstlerkolonie Worpswede in der Nähe von Bremen verbrachte, wo sie im Alter von 31 Jahren – unmittelbar nach Geburt ihrer Tochter – auch starb.
«Mann kann nicht aufhören zu schauen», beschreibt Claudia Buhlmann ihre Begeisterung für das Werk von Modersohn-Becker. Die Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Münchenbuchsee hat sich immer wieder mit der Künstlerin befasst und auch schon Gottesdienste zu Modersohn-Becker gestaltet. Vor einigen Jahren besuchte sie die Künstlerkolonie Worpswede. «Es war bewegend, durch die Zimmer zu gehen, in denen sie gelebt hat und wo sie auf so tragische Weise gestorben ist», sagt Buhlmann.
In der ländlichen Umgebung von Worpswede fand Modersohn-Becker die Motive für ihre Malerei: die Moorlandschaft mit ihren Birkenwäldern, die sie in erdigen-naturhaften Farben darstellte, und immer wieder die einfache Landbevölkerung. «Es ist eindrücklich, wie lebensnah sie die Bäuerinnen, Kinder und alten Frauen aus dem Armenhaus darstellt. Das ist weit entfernt von der damals in der Malerei gängigen Dorfidylle», sagt Buhlmann.
In der von Männern dominierten Künstlerkolonie blieb Modersohn-Becker lange unterschätzt. Ihr Ehemann Otto Modersohn förderte sie zwar und finanzierte ihr mehrere Aufenthalte in Paris. In seinem Tagebuch kommentierte er ihre Kunst aber kritisch. Sie male «Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins», notierte er einmal abfällig. Für Buhlmann macht gerade das den Reiz ihrer Malerei aus. «Ihre Bilder sind nicht geschmeidig. Man steht nicht davor und sagt: Oh, wie schön!»
Einen regelrechten Tabubruch stellten insbesondere ihre Akt-Selbstbildnisse dar. Sich selbst nackt auf der Leinwand darzsutellen, hatte zuvor noch keine Künstlerin gewagt. Das bekannteste von Modersohns-Beckers Selbstbildnissen zeigt sie scheinbar schwanger und mit einer Bernsteinkette um den Hals, auf einem weiteren ist sie bis zur Hüfte unbekleidet zu sehen und hält zwei Blüten in der Hand. Entstanden sind die Werke um 1906, als Modersohn-Becker sich vorübergehend von ihrem Mann trennte und in Paris ihre Selbständigkeit als Künstlerin suchte – in einer Zeit, in der Frauen noch nicht einmal an staatlichen Kunstakademien studieren durften, ein äusserst mutiger Schritt.
Diese Kompromisslosigkeit im Leben und Schaffen der Künstlerin findet Claudia Buhlmann besonders eindrücklich. Als feministische Theologin sieht sie in Modersohn-Becker eine Inspirationsquelle. «Schon ganz früh legte sie diesen unbedingten Willen an den Tag, als Frau und als Künstlerin ihren Weg zu gehen. Sie war eine radikale Selbstsucherin.»
Buhlmann selbst wuchs mit vier Generationen unter einem Dach auf, ihre Grossmutter hatte Jahrgang 1906. «Von ihr kenne ich noch Geschichten aus dieser Zeit und ich weiss, wie schwierig es für Frauen war, sich selbst zu sein».
Der Traum von einem Leben als freie Künstlerin liess sich auch für Modersohn-Becker nicht verwirklichen. 1906 kehrte sie nach Worpswede zurück, weil sie glaubte, nur dort die nötige Ruhe für ihre Arbeit zu finden. Im Jahr darauf wurde sie schwanger und starb kurz nach der Geburt der Tochter an einer Embolie.
Auch 150 Jahre später ist Gleichstellung im Kunstbetrieb keine Selbstverständlichkeit. Künstlerinnen werden im Durchschnitt seltener ausgestellt, verdienen weniger und erzielen bei Auktionen geringere Preise. «Für Frauen bleibt es schwierig, zu sich selbst zu finden, nicht nur wenn sie Familie und Kinder haben. Auch deshalb ist Modersohn-Becker so aktuell», sagt Buhlmann.