Holocaust-Mahnmal

«Damit den Worten nicht wieder Taten folgen»

Mit einem Denkmal soll in der Schweiz an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden. Damit wollen die Initianten auch der Verbreitung von Hass in der Gegenwart entgegen wirken. Nun hat der Ständerat eine entsprechende Motion überwiesen.

Die Initianten des Holocaust-Memorials haben am 25. Mai in Bern dem Bundesrat ihr Konzept übergeben. Auf den Bildern sind Personen zu sehen, die von den Nazis getötet wurden. (Keystone / Peter Schneider)

Anstoss zur Idee eines Schweizer Holocaust-Memorials gab ein Bericht des Magazins «Beobachter». Remo Gysin, Präsident der Auslandschweizer-Organisation, las darin aufmerksam die Geschichte von Schweizer Opfern des Nationalsozialismus. «Das hat mich berührt und aufgewühlt», erzählt Gysin. Die Gräueltaten in den Konzentrationslagern, die unglaublichen Leidensgeschichten, das alles liess Gysin nicht mehr los.

Auch auf seinen Velotouren durch Deutschland begegnete ihm die düstere Geschichte des Zweiten Weltkriegs immer wieder. Er kam an den Konzentrationslagern Buchenwald vorbei, an Mauthausen, wo Millionen Menschen hingerichtet wurden. Dass unter ihnen auch viele Schweizerinnen waren, die zum Beispiel durch Heirat die Schweizer Staatsangehörigkeit und somit den Schutz ihres Heimatlandes verloren hatten, wusste Gysin bis zum «Beobachter»-Bericht nicht. Er fand, dass an sie kaum erinnert wird. Und so nahm der Gedanke eines Denkmals Anfang 2018 Gestalt an. 

Seither hat sich die Idee weiterentwickelt. Nun soll das Mahnmal nicht mehr nur der Schweizer Opfer gedenken, sondern an alle Menschen erinnern, die durch das Nazi-Regime getötet wurden. Ausserdem sollen auch die Geschichten von Menschen, die mit Mut Verfolgte vor dem sicheren Tod bewahrt haben, erzählt werden. Unterdessen unterstützen 150 namhafte Erstunterzeichnende und 50 Organisationen Gysins Idee. Unter ihnen sind die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz, der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) sowie Vertreter der Wissenschaft (Universität Basel, Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich), die zusammen mit Vertretern der Auslandschweizer-Organisation das dem Bundesrat überreichte Konzept zum Memorial geschaffen haben. 

Laut Gysin soll das Denkmal nicht nur auf die Vergangenheit fokussieren, sondern auch Gegenwart und Zukunft einbeziehen. «Heute haben Antisemitismus und Diskriminierung wieder zugenommen. Es gilt aufzuzeigen und zu diskutieren, wohin das führen kann.» 

Als Kind in die Schweiz gerettet

Eine, die nur zu genau weiss, welche Konsequenzen Antisemitismus haben kann, ist Vera Rottenberg Liatowitsch. Sie ist eine der Schweizerinnen, die den Holocaust überlebt haben, und unterstützt die Idee des Mahnmals. Als jüdisches Kind kam sie 1944 im von den Nationalsozialisten besetzten Budapest zur Welt. Mit Hilfe des Schweizer Gesandtschaftssekretärs Harald Feller gelang ihrer Mutter zusammen mit ihr und ihrer Schwester die Flucht in die Schweiz. Ihr Vater Willi Rottenberg wurde in ein Arbeitslager gezwungen, das er mit Glück überlebte. Erst Jahre später bekam auch er in der Schweiz eine Arbeits- und Niederlassungsbewilligung.

Erinnern, vermitteln, vernetzen

Über 1000 Menschen mit Bezug zur Schweiz erlebten den Schrecken der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Über 200 von ihnen wurden dort getötet, wie neueste Forschungen aufzeigen. Das Mahnmal soll erinnern, vermitteln und vernetzen.

Ein Gedenkort im öffentlichen Raum, in Form einer künstlerischen Intervention in Bern, soll die Opfer des Nationalsozialismus und ihre Schicksale würdigen. Ergänzt wird er mit einem Vermittlungsort, der mit Dauer- und Wechselausstellungen Wissen vermittelt. Dabei richtet sich der Blick nicht starr auf die Vergangenheit, sondern auf Themen wie den Umgang mit Minderheiten, Menschenrechte oder Presse- und Meinungsfreiheit.

Ein virtueller Vernetzungsort mit einer Opfer-Datenbank soll zudem bereits bestehende Gedenkorte miteinander verbinden. Unter den unterstützenden Organisationen sind auch die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz, die Evangelisch-Jüdische Gesprächskommission EJGK und das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz. (bat)

«Ein solches Memorial ist wichtig, damit aus Worten nicht wieder Taten werden», sagt Vera Rottenberg, die als eine der ersten Frauen in der Schweiz zur Bundesrichterin gewählt wurde. «Wenn heute Menschen locker mit Judensternen an Corona-Demonstrationen herumlaufen, zeugt das von gigantischer Geschichtsignoranz.» Genau deshalb brauche es einen Ort, an dem in einer Gesamtschau gezeigt werde, welche Folgen antisemitisches Gedankengut haben könne. «Und der schliesslich zur ethischen und politischen Meinungsbildung beiträgt.»

Zeitzeugen sterben aus

Es sind unter anderem Zeitzeuginnen wie Vera Rottenberg, die auch den Schweizerischen Israeltischen Gemeindebund (SIG) dazu veranlassten, sich für ein Mahnmal einzusetzen. «Denn es gibt immer weniger von ihnen, die ihre Geschichte erzählen können. Mit einem Memorial halten wir die Erinnerung an ihre Geschichte wach», sagt SIG-Präsident Ralph Lewin. Es gäbe zwar einige kleine Holocaust-Gedenktafeln, aber ein offizieller Ort fehle bislang. Nun sei es höchste Zeit, dass sich das ändere.

Ein Ort der Erinnerung und Vermittlung sei wichtig, da auch in der Schweiz Tausende Schutzsuchende an der Grenze zurückgewiesen worden seien, «weil das Boot angeblich voll war.» Etliche seien ausgeschafft worden. «Und es gab auch Schweizer Opfer des Nationalsozialismus», sagt Lewin. «Sie wurden verfolgt, interniert und deportiert, weil sie Juden oder Sinti und Roma, behindert oder homosexuell waren oder weil sie die ‹falsche› politische Gesinnung hatten.»

Die Vermittlungsarbeit soll dazu beitragen, dass sich Hass, Rassismus und Antisemitismus in der Gesellschaft nicht ausbreiten können. Deshalb komme die Idee bei der jüdischen Gemeinschaft gut an. «Wir hoffen, dass die Sache nun durchs Parlament kommt – und so auch die Politik das Projekt unterstützt», sagt Lewin. Denn wenn die Politik hinter der Idee des Memorials stünde, werde es einfacher, es zu realisieren.

Späte Erinnerungskultur

Auf politischer Ebene setzen sich Ständerat Daniel Jositsch (SP) und Nationalrat Alfred Heer (SVP) für ein Memorial ein. Sie haben je eine entsprechende Motion eingereicht. Jene von Jositsch wurde am 8. Juni einstimmig vom Ständerat überwiesen. «Meine Generation hat sich noch intensiv mit der Geschichte des Holocaust befasst. Für die Jüngeren ist dieses historische Ereignis so weit weg wie für uns die Russische Revolution», sagt Jositsch. Ein Denkmal soll ihnen die Geschichte näherbringen.

Aber auch die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg soll beleuchtet werden. «Sie hat nicht die beste, aber auch nicht die schlechteste Rolle gespielt», sagt Jositsch. So habe sie sich nicht als Täterin schuldig gemacht, aber eben auch nicht als Retterin einen Verdienst erworben. Dass sich das Land erst jetzt um ein offizielles Memorial kümmert, verwundert Jositsch nicht. «Es ist in der Schweiz Tradition, dass historische Ereignisse erst nach einer gewissen Zeit gewürdigt werden. Das ist auch gut so.» Denn so könne man mit der nötigen Distanz die historische Bedeutung einordnen.