«Eine Gedenkstätte macht uns für jede Form von Ausgrenzung sensibler»

Mit seiner Forderung nach einer nationalen Holocaust-Gedenkstätte löste der reformierte Pfarrer Simon Gebs im «Wort zum Sonntag» ein grosses Echo aus. Im Interview erklärt er, warum es so wichtig ist, an den schmalen Grat zwischen Zivilisation und Barbarei zu erinnern.

Erhielt auch kritische Reaktionen auf sein Plädoyer für eine Holocaust-Gedenkstätte: «Wort zum Sonntag»-Sprecher Simon Gebs. (Bild: SRF/Merly Knörle)

Herr Gebs, was für Reaktionen haben Sie auf Ihr letztes «Wort zum Sonntag» erhalten?
Unerwartet viele, an die 100 Mails, Briefe und auch Anrufe, was mich angesichts des Themas nicht überrascht hat. Erstaunt war ich jedoch über die Emotionalität und hin und wieder auch über die Tonalität. Einerseits drückten viele ihre Wertschätzung für dieses «Wort zum Sonntag» aus, andererseits gab es viel Kritik.

Was genau bemängelten die kritischen Stimmen?
Grob gesagt gab es drei Argumentationsschienen. Erstens sei genug über Ausschwitz und das Schicksal der Juden berichtet worden, man müsse nun vorwärts schauen. Zweitens wurde die thematische Einseitigkeit kritisiert. Es gäbe neben der jüdischen Leidensgeschichte auch diejenige der Sklaven, der Ureinwohner Amerikas, der Armenier und Ruander. Ein dritter Strang betonte, dass «Auschwitz nicht in der Schweiz läge».

Und warum braucht die Schweiz trotzdem eine Holocaust-Gedenkstätte?
Weil sie einen unübersehbaren Ort wider das Vergessen darstellen würde. Eine nationale, öffentlich verantwortete Holocaust-Gedenkstätte wäre eine Chance, uns deutlich vor Augen zu führen, wie dünn die Schicht zwischen Zivilisation und Barbarei ist. Ebenso wäre es eine Form des Erinnerns an die Opfer des Nazi-Regimes, die uns, so meine ich, sensibler machen würde für jede Form von Ausgrenzung und Abwertung.

In der Schweiz existieren bereits mehrere Erinnerungsorte, zum Beispiel die Gedenkstätte in Riehen oder das Mahnmal auf dem Friedhof Endingen-Lengnau. Warum noch eine weitere Gedenkstätte?
Mich beeindruckt die auf private Initiative entstandene Gedenkstätte in Riehen. Analog etwa zum Museum des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Genf bräuchte es meines Erachtens aber zusätzlich einen öffentlich verantworteten Ort des Erinnerns an zentraler Lage, mit nationaler Ausstrahlung.

Die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft Bern und die Auslandschweizer-Organisation fordern schon länger eine nationale Gedenkstätte. Sie sind sich aber uneinig, ob diese die Schweizer Opfer des Nationalsozialismus oder die Schweizer Flüchtlingspolitik ins Zentrum stellen soll. Was ist in Ihren Augen dringlicher?
Ich kann nicht wirklich nachvollziehen, warum hier um ein Entweder-Oder gerungen wird. Für mich ist das schlicht unnötig. Ich unterstütze auf jeden Fall die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft Schweiz, die zu Recht den Fokus auf die Holocaust-Opfer betont. Ich meine auch, in einer nationalen Gedenkstätte müsste es doch Raum genug geben, den Schweizer NS-Opfern und den an den Grenzen zurückgewiesenen Juden zu gedenken, die damalige Rückweisungspolitik des Bundesrats zu thematisieren und all den Vielen zu danken, die sich für die Rettung von Verfolgten eingesetzt haben.

Gibt es einen Ort, der sich als Gedenkstätte besonders eignen würde?
Soweit wage ich mich nicht hinaus. Dafür gibt es andere, die sich schon länger mit diesem Thema beschäftigen und diesbezüglich auch kompetenter sind. Mir scheint einfach wichtig, dass dieser Ort zentral liegt, wohl am besten in einer der grösseren Städte.

Haben Sie eine Vorstellung, wie ein solcher Ort aussehen könnte?
Rein optisch oder architektonisch habe ich keine Vorstellung. Funktional gesehen müsste er meines Erachtens eine Atmosphäre der Nachdenklichkeit und, für mich mit Blick auf Schulklassen ganz wichtig, erlebnispädagogisch überzeugend sein.

Wie soll die Idee nun umgesetzt werden?
Zur Zeit gibt es Bestrebungen, Schweizer Nazi-Opfern ein staatliches Denkmal zu setzen. Die Beschränkung darauf wäre bedenklich. Ich hoffe, dass die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft mit ihrem Sowohl-als-Auch-Ansatz Gehör finden wird. Es wird wohl zuerst eine politische Debatte geführt werden müssen, damit der präzise Auftrag formuliert werden kann.

Werden Sie sich selbst weiter für die Idee einsetzen?
Als Ortspfarrer in einem Vollzeit-Pensum sowie mit mehreren Zusatzaufgaben wie etwa in der Notfallseelsorge wird mir operativ die Kapazität leider fehlen. Ideell werde ich aber das Anliegen auf jeden Fall unterstützen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.