Marc Chagall
Meister des himmlischen Blaus
Leuchtendes Rot, tiefes Blau und dieses strahlende Grün – Marc Chagall hat 1970 für das Fraumünster in Zürich fünf Fenster mit biblischen Motiven geschaffen, die auch 55 Jahre später noch eine grosse Anziehungskraft ausüben. Seit rund acht Jahren muss Eintritt bezahlen, wer die «Chagall-Fenster» sehen möchte.
Tausende Touristen lassen sich diesen Anblick nicht entgehen. Allein im Jahr 2023 wurden an der Kasse rund 153'000 Eintritte gezählt. Die Glasmalereien zählen zum Spätwerk Chagalls: Am 28. März 1985 starb der Künstler im Alter von 97 Jahren.
Bescheidene Herkunft
Ob Jakobs-, Christus- oder Gesetzesfenster: Die Beliebtheit der Motive Chagalls auf Postkarten, Lesezeichen und Plakaten hält auch 40 Jahre nach dem Tod des Künstlers an. Alles ist in leuchtenden Farben figürlich zu erkennen, aber wie in der Schwebe, in eine Traumwelt enthoben.
Chagall selbst lebte in starkem Kontrast zu einer Traumwelt, er durchlitt die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Auch davon gibt sein Werk Zeugnis. Im jüdischen Schtetl der heute belarussischen Stadt Witebsk 1887 als Moische Schagal geboren, wächst er in einer
gläubigen Familie mit acht Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf.
Schon als Jugendlicher nimmt Chagall Malunterricht und studiert Kunst in der damaligen russischen Hauptstadt St. Petersburg. Während eines Paris-Aufenthalts 1911 bis 1914 saugt er die künstlerischen Aufbrüche der französischen Avantgarde auf.
Doch von einem Heimatbesuch kann er nicht wieder nach Paris zurückkehren: Der Erste Weltkrieg ist ausgebrochen. Das Glück erlebt Chagall im Privaten, 1915 heiratet er seine grosse Liebe Bella Rosenfeld (1895-1944). Nach der Oktoberrevolution wird er Kommissar der Künste, verlässt aber infolge von Konflikten 1922 das Land und zieht mit seiner Familie erst nach Berlin und dann nach Paris.
Einsame Rückkehr
Künstlerisch verbindet er in unverwechselbarer Weise Impulse aus der Avantgarde-Kunstströmung Fauvismus zu Beginn des 20. Jahrhundert, die sich durch expressive Farben auszeichnet, und aus der Formensprache des Kubismus mit Motiven seiner Heimat in Witebsk.
In Deutschland werden Chagalls Werke nach der Machtübernahme Hitlers 1933 diffamiert, zerstört oder ins Ausland verkauft. Als die Deutschen in Frankreich einmarschieren, gelingt Marc und Bella Chagall 1941 die Flucht in die USA. Bella stirbt dort infolge einer Infektion, Marc kehrt 1948 nach Frankreich zurück.
Die Schrecken der Zeit spiegeln sich etwa in Chagalls Werk «Der Engelsturz», das er in drei Fassungen 1923, 1933 und 1947 schuf: Aus dem schwarzen Nachthimmel stürzt kopfüber ein roter weiblicher Engel, den Mund aufgerissen. Ein Mann schützt eine Thorarolle, eine Kuh blickt angstvoll nach oben, eine Mutter birgt ein Kind in den Armen, fast unscheinbar am Rand steht ein Gekreuzigter.
Der jüdische Maler entdeckt in ihm, dem zentralen Gegenstand christlicher Verehrung, das Sinnbild für die verfolgten und ermordeten Juden schlechthin. Chagall schuf ab den späten 1930er Jahren zahlreiche Bilder des Gekreuzigten.
Glasfenster von Chagall sind in Sakralbauten in mehreren Ländern zu sehen, etwa in der Kathedrale Notre Dame in Reims, in der Pfarrei St. Stephan in Mainz oder in der Synagoge des Hadassah-Krankenhauses in Jerusalem. Marc Chagall starb 1985 im südfranzösischen Saint-Paul-de-Vence bei Nizza. In Nizza bewahrt das Nationalmuseum Marc Chagall das Andenken an den Maler, der jüdischen Glauben mit Offenheit und der Kunst der Moderne verband. (dst)