Erinnerung an Widerstandskämpfer

Vor 80 Jahren schrieb Bonhoeffer sein bekanntestes Werk

Der Widerstandskämpfer Dietrich Boenhoeffer wurde 1945 von den Nazis ermordet. Wenige Monate zuvor, kurz vor Weihnachten 1944, schrieb er in Gestapohaft sein Gedicht «Von guten Mächten».
Eine Gedenkplatte erinnert an den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer an der St. Matthaeuskirche in Berlin. (Bild: Markus Schreiber/ AP)

Dezember 1944: Der evangelische Theologe und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer ist seit über einem Jahr inhaftiert. In seiner Gefängniszelle im Hauptquartier der Gestapo in der Berliner Prinz-Albrecht-Strasse versucht Bonhoeffer einen Alltag aufrechtzuerhalten: Schlafen, Essen, Lesen, Briefe schreiben, Beten – etwas Turnen und Gehen in der Zelle bei geöffnetem Fenster. Die Mahlzeiten sind spärlich.

Bonhoeffer ist ein persönlicher Gefangener des NS-Diktators Adolf Hitler. Der Theologe, damals 38 Jahre alt, ist Teil eines Widerstandsnetzwerks, das für mehrere gescheiterte Attentatsversuche auf Hitler verantwortlich ist. Am 19. Dezember, kurz vor Weihnachten, darf Bonhoeffer mit Genehmigung der Gefängnis-Zensur einen Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer schreiben: Ein Blatt Papier – Vorder- und Rückseite sind eng beschrieben. Auf der Rückseite findet sich das siebenstrophige Gedicht, das mit den Worten «Von guten Mächten treu und still umgeben» beginnt.

Später wurde es dutzendfach vertont – bis heute ist es eines der beliebtesten Kirchenlieder, wie eine Umfrage im Jahr 2021 zeigte. Die Verse finden sich auch oft in Traueranzeigen. Es ist Bonhoeffers Schicksal und sein vor 80 Jahren entstandenes Gedicht, das ihn über die Sphären der Theologie hinaus berühmt gemacht hat.

Entscheid kostet Leben

1906 in Breslau geboren, entwickelt sich Bonhoeffer mit Anfang 20 zum theologischen Überflieger. Er kritisiert das nationalsozialistische Regime von Anfang an für dessen Rassenpolitik, wird Mitglied der Bekennenden Kirche, die sich gegen die Hitler-treuen Deutschen Christen wendet. Die Chance zur Emigration und damit die Rettung seines Lebens bestand 1939: Schon in den USA angekommen, entscheidet er sich schliesslich gegen die Pfarrstelle in New York und reist zurück nach Deutschland.

Vom Kellergefängnis in die US-Bibliothek

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) schrieb sein Gedicht «Von guten Mächten» am 19. Dezember 1944 in einem Brief aus dem Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts in Berlin an seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Sie gab das Original später an die Houghton Library der US-amerikanischen Harvard University. Die Briefe liegen mittlerweile auch als digitales Faksimile vor. (epd)

Dank persönlicher Beziehungen arbeitet Bonhoeffer während des Kriegs bis zu seiner Verhaftung für den militärischen Auslandsgeheimdienst im Oberkommando der Wehrmacht. Das schützt ihn vor dem Militärdienst an der Front. Durch seine Arbeit kommt er mit dem militärischen Widerstand gegen Hitler in Kontakt und schliesst sich den konspirativen Kreisen an. Erst wenige Wochen vor seiner Verhaftung 1943 hatte Bonhoeffer sich mit der 18 Jahre jüngeren Maria von Wedemeyer verlobt. Kurz vor Kriegsende, die Alliierten sind bereits im Anmarsch, wird er am 9. April 1945 auf Hitlers Befehl im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet.

In Gedanken eingebunden

Der Weihnachtsbrief an seine Verlobte ist eines seiner letzten Zeugnisse aus der Haft. In dem Brief offenbart der prominente Häftling, wie intensiv er geistig Anteil nimmt am Familienleben gerade zur Weihnachtszeit: «Es werden sehr stille Tage in unseren Häusern sein. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt», schreibt Bonhoeffer und weiter: «Es ist ein grosses unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.» Die guten, unsichtbaren Mächte, die spürt Bonhoeffer jeden Tag, wie er schreibt. Diese Mächte verbindet er mit den vielen Menschen, die ihn in seinen Gedanken begleiten. 

Zwei Vertonungen des Gedichtes sind vor allem als evangelisch-reformierte Kirchenlieder bekannt: Die Vertonung von Otto Abel aus dem Jahr 1959 steht im Reformierten Gesangbuch unter der Nummer 353, beliebter ist die Version von Siegfried Fietz aus dem Jahr 1970. Laut der Frankfurter Kirchenmusikerin und Chorleiterin Elisabeth Schwarz-Gangel empfinden viele Menschen die Fietz-Melodie als berührender. «Der Satz von Otto Abel gleicht mehr einem klassischen Choral, während Fietz' Vertonung poppiger klingt.» (epd/ jow)

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