Essay

Rot wie Menstruationsblut

Bilder von blutenden Wunden sind allgegenwärtig, sie hängen auch in Kirchen. Blut an sich ist für uns offensichtlich kein Tabu. Fliesst es aus der Vagina einer Frau, hingegen schon. Das ist diskriminierend und potenziell gesundheitsgefährdend. Die Religion trägt ihren Teil dazu bei. Höchste Zeit für ein Umdenken.

Menstruation wird noch immer stark tabuisiert. (Bild: Keystone/ WestEnd61 Gemma Ferrando)

Kiran Gandhi hatte ihre Menstruation, als sie 2015 den London Marathon lief. Aussergewöhnlich dabei: Tampon oder Binde benutzte sie keine. Das Blut lief Gandhi gut sichtbar, dunkelrot bis schwarz, in die Hose hinein und an den Beinen herunter. Das war keine geplante Aktion. Die Läuferin hatte ihre Periode am Abend zuvor bekommen und spontan beschlossen, dass es zu unbequem sei, während 42,2 Kilometern ständig an einen Tampon denken zu müssen. Diese Entscheidung stiess auf heftige Kritik. Ihr Auftritt sei eklig, unhygienisch oder vulgär, schimpften Kommentatoren in den sozialen Medien.

Dabei ist sichtbares Blut nicht das Problem an und für sich. Selbst in vielen Kirchen ist rotes, leuchtendes Blut zu sehen, in fast allen katholischen Kirchen hängt irgendwo ein blutender Jesus am Kreuz. Auch in der Liturgie fliesst immer mal wieder Blut, in der katholischen noch häufiger als in der reformierten.

Allerdings geht es meist um das Blut Jesu. Es ist das Blut eines Mannes, das aus einer Wunde austritt. Eine Frau dagegen, die aus ihrer Vagina blutet, ist nie zu sehen. Zwar ist die Menstruation heute weniger Tabu als auch schon, doch ein alltägliches Gesprächsthema wie das Wetter ist sie noch immer nicht. Oder haben Sie schon im Büro lässig einen Tampon auf dem Arbeitstisch liegenlassen, sich eine Wärmeflasche auf den Bauch gelegt und gesagt: Ich bin heute etwas erschöpft, ich habe gerade meine Periode? Eben.

«Vorher ist man komisch darauf, die Brüste sind komisch drauf, die Haut ist komisch drauf, und dann kriegt man Bauchweh und blutet suspektes Zeug aus der Vagina.»
Michèle Roten

Die Autorin Michèle Roten findet in ihrem Buch «Wie mit (m)einem Körper leben» zwar deutliche Worten für die Menstruation, sie spricht von einem «tiefroten Geschlüdder». Aber eine «absurde Idee» findet sie die Menstruation dennoch: «Vorher ist man komisch darauf, die Brüste sind komisch drauf, die Haut ist komisch drauf, und dann kriegt man Bauchweh und blutet suspektes Zeug aus der Vagina.» Fordern Politikerinnen, die Schweiz solle Tampons und Binden gratis abgeben, finden sie kaum Unterstützung. Die Frauen sollen sich selber darum kümmern, die Blutung soll ihre Privatsache sein.

Denn die Menstruation ist irgendwie «grusig».  Sie soll unsichtbar sein und unbemerkt bleiben. Sie ist mit Scham verbunden, obwohl sie weltweit etwa die Hälfte der Menschheit betrifft. Eigentlich merkwürdig, denn die Menstruation ist geradezu essenziell: Ohne sie wäre keine Fortpflanzung möglich.

Vielschichtiges Tabu

Woher kommt dieses Tabu? Macht uns das Blut Angst, weil es uns zeigt, dass im Innern unseres Körpers etwas abläuft, was wir nicht genau verstehen? Ekeln wir uns davor? Hängt es mit Sauberkeits- und Hygienevorstellungen zu zusammen? Ist es die Verbindung zu Sex und Fortpflanzung, die uns unangenehm ist? Oder ist die Periode eine Sünde gegenüber Gott, weil sie anzeigt, dass kein Leben geschaffen wurde? Ist das Patriarchat schuld – weil Männer nicht menstruieren, finden sie den Prozess einfach abnormal? Eine abschliessende Antwort ist schwer zu geben – oft ist es eine Mischung aus all diesen Aspekten.

Im Fokus: «Color»

In einer Serie beleuchtet die ref.ch-Redaktion das Thema «Color». Am Mittwoch, 10. November 2021, erscheinen als nächste Beiträge eine Rezension des Buches «Kackbraun: Christentum von Rechts» sowie der dritte Teil eines Videointerviews mit einer lesbischen Pfarrerin. (red)

Das Menstruationstabu spielt auch in der Religion eine Rolle. Oft werden menstruierende Frauen als unrein betrachtet. Deshalb haben viele Religionsgemeinschaften Regeln geschaffen, wie mit der Menstruation umzugehen sei. So steht etwa in der Bibel, dass Frauen während ihrer Periode für sieben Tage unrein sind und danach noch sieben Tage ohne Blutung sein müssen, bis sie wieder rein sind. Wer mit einer menstruierenden Frau Geschlechtsverkehr hat oder sie auch nur berührt, wird selbst unrein für eine bestimmte Zeit. In vielen Kirchen gelten diese Regeln nicht mehr, da Jesus im Neuen Testament eine Frau heilt und berührt, die ihre Periode hat.

Im Judentum dagegen halten sich streng Gläubige bis heute an diese Gebote. Und in vielen orthodoxen Kirchen gilt nach wie vor ein Kommunionsverbot für menstruierende Frauen. Gläubige Muslime dürfen während ihrer Periode den Gebetsraum nicht betreten und den Koran nicht berühren. Hinduistinnen ist der Tempelbesuch nicht erlaubt. In Nepal müssen sich Frauen sogar in eine spezielle Hütte zurückziehen, während sie bluten.

Ausgeschlossen vom Alltag

Das kann einerseits positiv gedeutet werden. Durch den Ausschluss werden die Frauen von religiösen und häuslichen Pflichten entbunden. Stellen wir uns vor, Menstruierende würden hierzulande während ihrer Periode einfach ein paar Tage von ihrer Arbeit entbunden. Für einige wäre es wohl eine immense Erleichterung, sich zurückzuziehen und dem Körper etwas Ruhe zu gönnen. Acht Stunden mit Schmerzen im Büro sitzen? Sorry, ich habe meine Periode. Abwaschen? Kann nicht, ich menstruiere gerade.

Aber weil diese Auszeit in vielen Religionen ein Gebot ist und nicht etwa eine Empfehlung, wird sie zur Ausgrenzung. Frauen werden ausgeschlossen vom Alltag. Das muss nicht immer religiöse Gründe haben. Anna Dahlqvist beschreibt in ihrem Buch «It’s Only Blood» wie junge Frauen in Uganda nicht mehr in die Schule gehen, weil sie sich davor fürchten, man könnte einen Blutfleck auf ihrer Kleidung entdecken. Sie haben meist keine Binden oder andere Periodenutensilien zur Verfügung, sondern benutzen Stofffetzen oder Papier, um das Blut zu verstecken. Die Frauen in den Menstruationshütten in Nepal sind ungeschützt vor Kälte und Übergriffen. Diese Ausgrenzungen, wie etwa das Verpassen von Schulunterricht, haben Auswirkungen auf Bildung und unter dem Strich auf die Karrieren von Frauen. Damit wird die Benachteiligung von Frauen gegenüber Männern zusätzlich verstärkt.

«Ein bisschen Schmerz gehört dazu.»

Das Tabu der Menstruation kann aber noch einschneidendere Folgen haben. So zeigt die Journalistin Caroline Criado-Perez in ihrem Buch «Unsichtbare Frauen», wie die Periode in der Wissenschaft und Forschung lange ausgeblendet wurde. Demzufolge wurden Medikamente lange nicht an Frauen getestet: Zu kompliziert schienen die Untersuchungen wegen des Zyklus mit ständigen hormonellen Schwankungen. Dadurch wurden einige Medikamente an Frauen nur unzureichend getestet, und vielleicht auch einige Heilmittel nicht entdeckt. Schliesslich war Viagra zunächst als Herzmedikament getestet worden – erst die Nebenwirkungen brachten die Wissenschaftler auf den heutigen Verwendungszweck.

Extreme Periodenschmerzen wurden lange nicht genau untersucht – «ein bisschen Schmerz gehört halt dazu», hiess es lakonisch. Bei vielen Frauen wurden deshalb Krankheiten wie Endometriose, einer schmerzhaften Erkrankung bei der Gebärmutter, viel zu spät erkannt. Zehn Jahre dauere es im Durchschnitt bis zu einer Diagnose. Diese Beispiele zeigen: Das Menstruationstabu ist nicht diskriminierend, sondern auch potenziell gesundheitsgefährdend.

Vorbilder in der Bibel

Es braucht dringend ein Umdenken von der ganzen Gesellschaft, von Männern und Frauen. Dank des Einsatzes von Influencerinnen, Sportlerinnen, Aktivistinnen und Politikerinnen ist schon einiges geschehen, um Menstruation zur natürlichsten Sache der Welt zu machen. Einen Beitrag dazu leisten könnte auch die Kirche. Bereits in der Bibel gibt es Beispiele für einen normalen Umgang mit der Menstruation, wie die Theologin Tarja Philip in einer Analyse über die Menstruation zeigt.

Im Buch Genesis versteckt Rachel einen gestohlenen Hausgott, indem sie sich draufsetzt. Als ihr Vater diesen sucht, sagt sie, sie könne nicht aufstehen, denn sie habe – etwas anders ausgedrückt- ihre Periode. Ausserdem muss sie nicht aufstehen, was sie aus Ehrerbietung dem Vater gegenüber eigentlich müsste, von dieser Pflicht ist sie entbunden. Der Vater zieht wieder ab. Theologin Philip interpretiert, Rachel erwähne ihre Menstruation ihrem Vater gegenüber frei, offen und ohne Scham. Scheinbar ist dies innerhalb der Familie kein aussergewöhnliches Thema.

Menstruation sichtbar machen

Szenen wie diese wären auch heute dringend nötig: Ein normalisierter Umgang mit dem Thema ist angezeigt. Man erwähnt die Periode, weil sie zum Alltag gehört. Warum gehört dazu nicht auch die Möglichkeit eines arbeitsfreien Tages? Ein Blick in die (Religions-)Geschichte zeigt ja, dass es solche Schutzräume braucht. Und weil keine Frau zu Hause bleiben muss, wird auch niemand ausgeschlossen. Zudem würde dieser Tag die Menstruation jeden Monat erneut sichtbar machen – ohne dass alle Frauen blutbefleckt einen Marathon rennen müssen wie die Läuferin Kiran Gandhi.