Verfassungsrevision

Basler Kirche will ihre Gemeinden umkrempeln

Die Evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt verfügt über immer weniger Steuereinnahmen. Um die Kirche fit für die Zukunft zu machen, hat die Exekutive deshalb eine Totalrevision der Verfassung angeregt. Diskutiert werden soll unter anderem auch die Neuorganisation der Kirchgemeinden.

Bieten in Basel-Stadt (im Bild) bald nur noch zwei Standorte die kirchliche Grundversorgung an? Über diese Frage debattieren die Baselstädtischen Reformierten in den kommenden Monaten. (Bild: Keystone / Georgios Kefalas)

Die Basler Kirche ist in Not. Seit Jahren kämpft sie mit Mitgliederschwund und sinkenden Steuereinnahmen. Für die kommenden zehn Jahre rechnet der Kirchenrat mit einem Rückgang der Steuermittel um jährlich 600'000 Franken. Aus diesem Grund hat er nun eine Totalrevision der Kirchenverfassung angestossen. Sie soll die Kirche fit für die Zukunft machen. Zu den geplanten Reformen gehören etwa die Verkleinerung des Kirchenrats und der Synode.

Handlungsbedarf sieht die Exekutive aber auch bei den Kirchgemeinden. Denn diesen macht die finanzielle Situation besonders zu schaffen. Weil die Steuermittel fehlen, müssen bereits heute viele Gemeinden auf eigenes Vermögen zurückgreifen, um ihre Leistungspflichten zu erfüllen. Dabei könnten die ersten Kirchgemeinden schon in wenigen Jahren an ihr Limit stossen: So rechnet der Kirchenrat damit, dass einige Gemeinden ab 2027 nicht mehr in der Lage sind, die Steuerausfälle zu kompensieren.

Abgespeckte Kirchgemeinden

Bisher hat die Kirche auf das Problem mit Fusionen reagiert. Doch nun will man weitergehen. «Bald werden wir sogar die Grundversorgung nicht mehr aus Steuermitteln finanzieren können, wenn wir sie weiter von 15 Standorten aus anbieten», sagt Kirchenratspräsident Lukas Kundert. Gleichzeitig stehe viel Geld aus Drittmitteln für Gemeinschaftsarbeit zur Verfügung. «Deshalb wollen wir in unserer Verfassung die Voraussetzung dafür schaffen, dass Gemeinden nicht mehr das gesamte Leistungsspektrum abdecken müssen und sich zu sogenannten Personalgemeinden weiterentwickeln können.»

Typisch für Personalgemeinden ist, dass sich in ihnen Menschen unabhängig von ihrem Wohnort treffen. Faktisch gibt es bereits solche Gemeinden in Basel-Stadt – zum Beispiel die Offene Kirche Elisabethen. Sie verfügen über ein spezifisches Profil, das eine ganz bestimmte Zielgruppe anspricht. Bislang seien Personalgemeinden allerdings nur als kantonalkirchliche Projekte möglich gewesen, sagt Kundert. Das soll sich nun ändern. «Mit der Verfassungsrevision wollen wir erreichen, dass sie den Status von regulären Gemeinden erhalten und auch über eigene Organe wie einen Kirchenvorstand und eine Kirchgemeindeversammlung verfügen.»

Nur noch zwei Standorte

Was das für das kirchliche Angebot bedeutet, hat der Kirchenrat in seinem «Ratschlag betreffend Totalrevision der Kirchenverfassung» skizziert. Demnach könnte es in Basel-Stadt künftig vielleicht nur noch zwei Standorte geben, die mit regelmässigen Predigtgottesdiensten, Abendmahlsfeiern und Kasualiendienst die Grundversorgung für die Kirchenmitglieder sicherstellen. Alle anderen Kirchgemeinden könnten auf eigenen Wunsch zu Personalgemeinden mit reduziertem Leistungsangebot werden. «Diesen Standorten ermöglichen wir so, dass sie ihre Drittmittel, die sie bereits jetzt erfolgreich einwerben, ganz für ihre Spezialitäten einsetzen können», sagt Kundert.

Nebst den geschrumpften Beiträgen aus Steuermitteln habe man in den vergangenen 15 Jahren in Basel-Stadt eine erfolgreiche Drittfinanzierungsstrategie aufgebaut, so der Kirchenratspräsident. «Aufgrund der engen Mitgliederbindung sind Personalgemeinden stark darin, Drittmittel zu generieren. Das wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.»

Weggemeinschaft statt Versorgungskirche

Als vielversprechend bezeichnet diesen Ansatz Ralph Kunz vom Zürcher Zentrum für Kirchenentwicklung. Ähnliche Versuche wie in Basel habe es schon in städtischen Regionen in Deutschland und Holland gegeben. Dort sei man von der klassischen Versorgungskirche, die alle Funktionen einer öffentlich-rechtlichen Institution erfüllen muss, abgekommen. «Die Gemeinde wird zu einer Art von Weggemeinschaft in der städtischen Diaspora. Dieses Prinzip hat in meinen Augen auch in Basel Zukunft», sagt Kunz.

Dass das Basler Modell auch in anderen Kantonalkirchen Schule machen könnte, hält er zurzeit eher für unwahrscheinlich. «Als ausgeprägte Stadtkirche war man in Basel immer viel stärker an der säkularen Front exponiert. Wo andere Verhältnisse herrschen, kann dieses Modell nicht einfach tel quel übernommen werden.»

In Stein gemeisselt ist der Vorschlag des Kirchenrates allerdings ohnehin noch nicht. Sollte die Synode heute Mittwoch, 24. März, einer Totalrevision der Kirchenverfassung zustimmen, käme der Entscheid im Sommer vors Volk. Parallel läuft bereits ein Organisationsentwicklungsprozess, der die Fragen der künftigen Organisation mit den Gemeinden klärt. Ab Sommer würde dann eine Kommission den Verfassungsentwurf ausarbeiten und der Synode unterbreiten. Wird der Entwurf vom Kirchenparlament genehmigt, muss noch einmal das Stimmvolk darüber befinden.