Er wollte Hugenotten helfen – und landete auf einer Galeere
Normalerweise handeln Geschichten über Hugenotten von der Flucht. Die französischen Protestanten verliessen ihre Heimat im 17. Jahrhunderts in Scharen, weil sie dort aufgrund ihrer Religion verfolgt wurden. Einen ganz anderen Blickwinkel nimmt eine Reportage aus dem bref Magazin ein: Nicht die französischen Flüchtlinge stehen im Zentrum, sondern ein armer 16-jähriger Waisenbub aus dem Zürcher Oberland, der in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft den umgekehrten Weg antritt und nach Frankreich wandert – nur um dort die schlimmste aller Strafen zu erhalten.
Worum geht es?
Jakob Maler war ein armer Waisenbub, der 1670 in Grüningen im Zürcher Oberland aufwuchs. Im Alter von neun Jahren schickten ihn seine Eltern in die Stadt Zürich, wo er in einem Gasthof Arbeit gegen Kost und Logis fand. Wenig später nahm ihn ein Bündner Soldat mit, der in Richtung Frankreich unterwegs war. Dieser liess den Jungen aber auf einem Schloss im Burgund zurück. Dort blieb Jakob sechs Jahre, ehe die protestantischen Bewohner im Jahr 1686 gezwungen wurden, zum Katholizismus überzutreten. Jakob weigerte sich und flüchtete zurück in die Eidgenossenschaft. Im zürcherischen Eglisau arbeitete er fortan als Dolmetscher für die Tausenden von Hugenotten, die aus Frankreich in Richtung der deutschen Fürstentümer flüchteten. Eines Tages kam ein reicher französischer Graf auf ihn zu und machte ihm ein Angebot: Sollte Jakob es schaffen, seine in Frankreich zurückgebliebene Frau herzuholen, so werde er ihn als Kind adoptieren. Jakob schlug ein, nähte sich zwei Briefe des Grafs in seine Kleider und lief zu Fuss zurück nach Frankreich. Doch das Abenteuer ging schief: Wächter fanden die Briefe und Jakob wurde zu einer lebenslangen Strafe als Rudersklave auf einer französischen Kriegsgaleere verurteilt.
Warum ist das wichtig?
Die Flucht der Hugenotten in die Schweiz beschäftigt Historiker. Die französischen Protestanten belebten die hiesige Wirtschaft und Kultur nachhaltig. Erst kürzlich wurde ein vom Europarat finanzierter kultureller Wanderweg vollendet, der entlang der Fluchtroute der Hugenotten quer durch Europa führt (ref.ch berichtete).
Das Beispiel von Jakob Maler zeigt, wie damals auch hierzulande Protestanten Opfer der religiösen Verfolgung durch Louis XIV wurden. Der französische König hatte im Jahr 1685, als Reaktion auf die Reformationsbewegungen, die Ausübung des protestantischen Glaubens unter Strafe gestellt. Jakobs Schicksal gibt eine Vorstellung davon, wie es war, in dieser Zeit in Armut aufzuwachsen.
Jakobs Augenzeugenbericht ist aussergewöhnlich, weil er einer von wenigen war, welche die Torturen überlebten, vorzeitig freikamen und danach überhaupt in der Lage waren, ihre Erlebnisse aufzuschreiben. Insofern ist seine Schrift auch ein Stück Zeitgeschichte. Jakob schildert detailreich Seeschlachten, mit denen die Franzosen ihre aggressive Expansionspolitik vorantrieben.
Wie ging es mit Jakob weiter?
Insgesamt 14 Jahre verbrachte Jakob auf der Galeere mit dem Namen «La Souveraine» – angekettet und mit einem Seil um den Hals, unter schlimmsten Qualen und hygienischen Bedingungen. Viele mit ähnlichem Schicksal konvertierten, um freizukommen. Andere starben an Krankheiten, Überlastung oder verdursteten. Jakob aber blieb stur und ertrug auch die zahlreichen Peitschenhiebe, die er als Strafe erhielt. Als einer von wenigen der insgesamt 1550 zur Galeerenstrafe verurteilten Protestanten – darunter einige Dutzend Eidgenossen – überlebte er all die Jahre, ohne zu konvertieren.
Dass Jakob im Jahr 1700 freikam und seine Erlebnisse aufschreiben konnte, hatte er einigen Zufällen sowie dem damaligen Zürcher Bürgermeister Heinrich Escher zu verdanken, der hartnäckig bei König Louis XIV intervenierte. Nach seiner Freilassung machte sich Jakob zu Fuss auf zurück in sein Heimatland. Dass Jakob in der Lage war, seine Geschichte aufzuschreiben, deutet darauf hin, dass er der Armut entkommen konnte. Überliefert ist, dass er eine Unterstützung vom Almosenamt erhielt. Möglich ist zudem, dass ihm eine reiche Tante, die in Hottingen lebte, etwas vererbte.
Was davon ist wahr?
Alles, soweit man den detailgetreuen Schilderungen von Jakob Maler glauben darf. Dieser schrieb seine Erlebnisse im Jahr 1704 auf, also vier Jahre nach seiner Freilassung. Das Original seiner Schrift ist zwar verschollen. Es existieren jedoch Abschriften, welche von Historikern geprüft und für echt befunden wurden. Hauptquelle der historischen Reportage im bref Magazin ist eine Arbeit eines Historikers von Anfang des 20. Jahrhunderts, welche auch Jakobs Originaltext enthält – geschrieben in altdeutscher Schrift. In den letzten Jahren geriet Jakobs Geschichte in Vergessenheit. Vor rund 20 Jahren erschien ein halbfiktionaler Roman, der auf Jakob Malers Geschichte beruht.