Antisemitismus

«30 bis 40 Prozent der Bevölkerung glauben an Verschwörungstheorien»

Einfache Erklärungen für komplexe Situationen sind seit der Antike bekannt. Je unsicherer die Lage, desto verbreiteter die Verschwörungstheorien, sagt die Historikerin Stefanie Mahrer. Und Religion habe eine unrühmliche Rolle gespielt.

Die Geschichtsprofessorin Stefanie Mahrer sagt, Verschwörungstheorien gebe es seit der Antike - und sie würden auch nicht wieder verschwinden. (Bild: Frederike Asael)

Frau Mahrer, leben wir in einem Zeitalter der Verschwörungstheorien?
Wenn ich es historisch betrachte, dann nicht. Verschwörungstheorien sind seit der Antike belegt. Für den Zeitraum seit der Französischen Revolution gehen wir von einem gleichbleibenden Anteil der Gesellschaft aus, der mehr oder minder stark für Verschwörungstheorien empfänglich ist.

Wie gross ist dieser Anteil?
Er beträgt 30 bis 40 Prozent. In der Forschung beobachten wir, dass Verschwörungstheorien in Zeiten sehr grosser Unsicherheit an die Oberfläche geschwemmt werden. In einer solchen Zeit leben wir jetzt. Es überrascht mich nicht, dass die Theorien Konjunktur haben.

Was haben Verschwörungstheorien an sich, dass sie Menschen derart mitreissen?
Sie machen das Unerklärliche erklärbar, teilen die Welt in Gut und Böse ein, lassen den Zufall verschwinden und stellen Verbindungen her, durch die plötzlich alles einen Sinn ergibt. Verschwörungstheorien dienen der Reduktion des Komplexen, das macht sie so attraktiv.

« Social Media hat im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien eine enorme Kraft. »
Stefanie Mahrer, Historikerin

In den sozialen Netzwerken kursieren Verschwörungstheorien unablässig. Wie schätzen Sie diesen neuen Resonanzraum ein?
Social Media hat in diesem Zusammenhang eine enorme Kraft, das ist neu. Als Beispiel: Bis zum Zweiten Weltkrieg gehörten Verschwörungstheorien zum Alltag, sie waren legitimes Wissen. Nach Kriegsende und nach dem Holocaust verschwanden sie im Untergrund der Gesellschaft. Durch die sozialen Netzwerke stellen wir eine Umkehr fest: Diese Ansichten werden wieder öffentlich geteilt. Wir sehen Politiker, wie sie sich thematisch auf diese Erzählungen beziehen und sie so legitimieren. Durch die Algorithmen der Plattformen findet dann nicht nur eine unkontrollierbare Verbreitung, sondern auch eine Radikalisierung statt.

Gibt es ein Szenario, in dem Verschwörungstheorien verschwinden?
Nein, das werden sie nicht. Sie sind schon zu lange da. Sie gehören zur Menschheitsgeschichte und wer darin verstrickt ist, kann sich nur schwer davon lösen.

Was kann man gegen diese Theorien tun?
Die etablierten Medien tragen eine grosse Verantwortung. Sie müssen am Thema dranbleiben, aufdecken und aufklären. Ebenso stehen die Schulen in der Pflicht: Sie müssen den Kindern und Jugendlichen Medienkompetenz vermitteln und ihnen beibringen, kritisch mit Informationen und Quellen umzugehen. Verschwörungstheorien untergraben staatliche Institutionen, spalten die Gesellschaft und führen mitunter zu Radikalisierung und Gewalt. Sie sind eine Gefahr für demokratische Gesellschaften. Dabei darf man nicht ausser Acht lassen, dass gemäss Studien ein Grossteil der Jugendlichen seine Informationen auf TikTok bezieht.

Gerade wurde bekannt, dass sich zwei Jugendliche aus Schaffhausen und einer aus dem Thurgau auf diese Weise radikalisierten und einen Sprengstoffanschlag geplant haben sollen. Wie werten Sie das?
Man muss auch den Mordversuch auf einen Juden in Zürich im März berücksichtigen, bei dem die Situation ähnlich zu sein scheint. Diese Entwicklung muss man sehr ernst nehmen. Der virtuelle Raum ist schlecht überwacht: Man weiss nicht, welche Informationen die Jugendlichen auf TikTok erhalten haben. Man muss aber auch beachten, dass es verschiedene antisemitische Verschwörungstheorien gibt, je nachdem ob es sich um ein rechtsradikales, linksradikales oder islamistisches Milieu handelt.

« Im Mittelalter begegnen uns Verschwörungstheorien oft als Lösung für theologische Probleme. »
Stefanie Mahrer, Historikerin

Gibt es eine Evolution der Verschwörungstheorien?
Ja, das lässt sich nachzeichnen. Wie gesagt reichen die Wurzeln sicher bis in die Antike zurück, aber im Mittelalter begegnen uns Verschwörungstheorien oft als Lösung für theologische Probleme.

Welcher Art?
Etwas vereinfacht gesagt, boten Verschwörungstheorien eine Antwort auf die Frage, wie es sein kann, dass guten Menschen etwas Böses zustösst, obwohl Gott gut ist? Schwierig zu beantworten. Aber in mystisch-religiöser Vorstellung verkörperte der Teufel das Böse. In seinem Auftrag sollen etwa Hexen oder Juden Unglück über die Menschen gebracht haben. Nach der Aufklärung  waren diese Erklärungen nicht mehr haltbar. Deshalb wurden die Theorien an einen weltlichen Kontext adaptiert. An die Stelle von Teufel und Hexen traten nun Menschen mit angeblich dunklen Absichten. In der Umbruchzeit der Französischen Revolution verfestigten sich die Grundzüge der Verschwörungstheorien, die bis heute Bestand haben. Sie werden einfach immer an die aktuellen Ereignisse angepasst.

Expertin für moderne Geschichte

Stefanie Mahrer ist Geschichtsprofessorin an der Universität Bern. Ihr Fachgebiet ist die moderne europäische, schweizer und jüdische Geschichte. Sie forscht im Bereich Zwangsmigration seit dem Zweiten Weltkrieg sowie historische und kulturelle Netzwerke. Besonderes Augenmerk legt sie dabei auf Verschwörungstheorien. (dst)

Wie geht man als Leiterin einer kirchlichen Jugendgruppe oder als Eltern mit Kindern um, die solche Ideen wiedergeben?
Ich bin Historikerin und keine Jugendarbeiterin. Aber es gilt der Grundsatz: Nicht die Konfrontation wählen, weil das die Haltung der betreffenden Person verstärkt. Denn das bestätigt, was auch zur Verschwörungstheorie gehört: Alle anderen werden sie ablehnen. Experten raten, dass man zuhört, nachfragt, Interesse zeigt und dafür sorgt, dass die Beziehung nicht abbricht. Wie schnell das passieren kann, haben wir während der Pandemie gesehen: Die unterschiedlichen Meinungen zu Massnahmen und Impfen haben viele Familien zerrissen. Es darf nicht passieren, dass man nicht mehr miteinander spricht.