Strafvollzug

«Angehörige kommen in Existenzängste»

In Zürcher Gefängnissen soll ein Seelsorger künftig Angehörige von Straftätern begleiten. Die neu geschaffene Stelle ist schweizweit einzigartig. Reformierte und katholische Kirche spannen zusammen, auch jüdische und muslimische Seelsorger sind beteiligt.

Das Bild zeigt einen Häftling auf einem Spaziergang im Hof in der Strafanstalt Thorberg. (Bild: Alessandro Della Valle/ Keystone)

«Die Angehörigen sind erweiterte Opfer einer Straftat. Eine Inhaftierung kann bei ihnen intensive Gefühle auslösen und sie in Sinnkrisen führen», sagt Alfredo Diez. Der Theologe ist seit rund 25 Jahren Gefängnisseelsorger und leitet den Bereich Gefängnisseelsorge bei der reformierten Zürcher Landeskirche. Wird ein Ehemann, eine Ehefrau inhaftiert, hat das soziale, aber auch materielle Folgen für die Menschen, die in Freiheit zurückbleiben. 

«Viele wissen erst einmal gar nicht, wie sie ihren Mann kontaktieren können oder Rechnungen bezahlen sollen, wenn plötzlich der Haupternährer der Familie wegfällt», erläutert Diez im Gespräch mit ref.ch. «Angehörige kommen in Existenzängste und isolieren sich aus Schamgefühl. Diese unglaubliche seelische Not muss man begleiten.»

Kinder basteln im Gefängnis

Hier setzt eine Stelle an, die ein schweizweites Novum ist: Ab dem 1. Januar 2023 soll eine Fachperson Angehörige von Straftätern seelsorglich begleiten. Für die interreligiöse Teilzeitstelle sind vorerst rund 60'000 Franken budgetiert, sie wird getragen von der reformierten Zürcher Landeskirche, der katholischen Kirche Zürich sowie den Zürcher Vereinen für jüdische und muslimische Seelsorger.

«Für die Angehörigen ist es einfacher, auf uns zuzugehen.»
Alfredo Diez, Leiter Gefangenenseelsorge
Hilfe für Angehörige

Verschiedene Organisationen und Vereine unterstützen Angehörige von Straftätern. In der Westschweiz ist die Begleitung Angehöriger etabliert. Eine Vorreiterrolle übernimmt die Stiftung «Repr», die unter anderem ein Beratungstelefon für Kinder anbietet. In der Deutschschweiz vermittelt der Verein «Angehoerigenarbeit» Informationen, sensibilisiert und vernetzt. Die Organisation ist auch in der Forschung aktiv und sammelt Daten der Betroffenen, sie setzt sich besonders für Kinder ein. (jow)

Nach Auffassung von Alfredo Diez muss die Person nicht zwingend Pfarrer sein. Es eigneten sich auch Sozialdiakoninnen, Sozialarbeiter oder Familientherapeutinnen. Eine interreligiöse Steuergruppe definiert das exakte Stellenprofil. 

Die Fachperson soll sich austauschen mit anderen Organisationen wie Ehebegleitungs- oder Rechtsberatungsstellen. Neben den seelsorglichen Gesprächen ist auch vorgesehen, kirchliche Angebote innerhalb der Gefängnismauern zu etablieren, an denen Angehörige teilnehmen können.

Denkbar ist beispielsweise einen Bastelnachmittag mit Kindern. Das Angebot sei bewusst niederschwellig, sagt Diez. «Für die Angehörigen ist es einfacher, auf uns zuzugehen, als sich bei einem Amt oder einer Organisation zu melden, die einen staatlichen Leistungsauftrag hat.» 

Verletzlichkeit nicht ausnützen

Auch im Gefängnis gilt das Seelsorgegeheimnis. Alles, was einer Seelsorgerin anvertraut wird, bleibt vertraulich. «Wir haben dadurch eine einzigartige Rolle. Wir sind zwar im Gefängnis drin, aber nicht Teil des Systems», betont Diez.

«Es geht nicht darum, Gefangene zu missionieren»
Alfredo Diez, Leiter Gefangenenseelsorge Zürcher Landeskirche
Zur Person

Alfredo Diez hat auf zweitem Bildungsweg Theologie studiert. Der 55-Jährige ist schweizerisch-spanischer Doppelbürger und arbeitet seit 1997 als Gefängnisseelsorger. Seit 2007 leitet Diez den Bereich Gefangenenseelsorge bei der reformierten Landeskirche Zürich. Darüber hinaus präsidiert er den Verein für Gefangenenseelsorge Schweiz und arbeitet als Gemeindepfarrer der Kirchgemeinschaft «Iglesia Evangélica Hispana» in Winterthur. Diez ist verheiratet und lebt in Seuzach bei Winterthur. (jow)

Die Arbeit von Seelsorgern sei uferlos, sie könnten immer nur einen Teil abdecken. Ein Gefängnisseelsorger dürfe die vulnerable Situation, in der sich ein Straftäter befinde, niemals ausnutzen. «Es geht nicht darum, Gefangene zu missionieren und ihnen unseren Glauben aufzuschwätzen», betont Alfredo Diez. 

Im Gegensatz zu anderen Fachpersonen ist der entscheidende Unterschied bei Seelsorgern, dass Aussagen der Gefangenen nicht vollzugsrelevant sind – also keine Auswirkungen auf das Strafverfahren haben. «Bei uns haben Straftäter einen Schonraum, in dem sie Dampf ablassen können.» Diez betont, wie wichtig Gottesdienste hinter Gefängnismauern seien. Weihnachtsfeiern zum Beispiel hätten hohen Stellenwert und seien sehr gut besucht.  

Seelsorger können sich in einer Justizvollzugsanstalt nicht immer frei bewegen. Das erschwert die Arbeit: In einigen Gefängnissen müssen sich Insassen für Gespräche erst anmelden. «Das ist problematisch, denn oft haben jene Menschen ein Gespräch am nötigsten, die am wenigsten danach fragen.»