«Alkohol wird unterschätzt»
Frau Studer, die EVP möchte nicht, dass die Migros Alkohol verkauft. Warum?
Auch Menschen mit einem Alkoholproblem müssen einkaufen gehen. Es ist wichtig, dass sie einen Ort finden, an dem sie nicht mit Alkohol konfrontiert werden. Die Migros war bis jetzt ein solcher Ort. Und ich hoffe sehr, es bleibt auch so. Denn jeder Besuch birgt ansonsten die Gefahr, rückfällig zu werden.
Lilian Studer ist seit Mai 2021 die neue Präsidentin der Evangelischen Volkspartei EVP. Die 43-jährige Aargauerin sitzt seit Dezember 2019 im Nationalrat. Studer ist schweizerisch-norwegische Doppelbürgerin, sie war von 2014 bis 2021 Geschäftsführerin des kantonalen Blauen Kreuzes Aargau/ Luzern. (bat)
Bis jetzt kam das Thema kaum politisch aufs Tapet. Die Migros ist eine Genossenschaft und liegt nicht im direkten Einflussbereich der Politik. Warum mischt sich die EVP ein?
Der EVP waren gesellschaftspolitische Themen schon immer wichtig. Und wir setzen uns für Menschen ein, die am Rand der Gesellschaft stehen. Dazu gehören auch Alkoholkranke. Somit war es uns wichtig, eine Empfehlung abzugeben.
Die EVP hat auch einen religiösen Bezug. Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie den Spruch gehört: Jesus hat auch Wasser zu Wein verwandelt?
Sehr oft.
Und was antworten Sie darauf?
Dass wir nicht grundsätzlich gegen den Alkoholkonsum sind. Doch ich denke, auch Jesus war für einen vernünftigen Umgang mit Alkohol und hat sich besonders um die gekümmert, die Probleme im Leben hatten. Ausserdem kann Alkohol nicht nur getrunken werden, sondern auch sonst nützlich sein. Man kann mit ihm auch desinfizieren, wie wir ja spätestens seit zwei Jahren nur zu gut wissen.
Als Nationalrätin sind Sie oft in Bern unterwegs. Man hört immer wieder von der «Cüpli-Kultur» im Bundeshaus. Finden Sie diese problematisch?
Es gibt schon viele Apéros im Politbetrieb, bei denen Alkohol ausgeschenkt wird, das ist wahr. Und mit Guy Parmelin haben wir einen Weinbauer im Bundesrat. Alkohol ist hier aber nicht mehr oder weniger präsent als sonst in der Gesellschaft.
Insgesamt 2.3 Millionen Migros-Genossenschafterinnen und -Genossenschafter können bis am 4. Juni 2022 mitentscheiden, ob die Migros künftig Alkohol in ihr Sortiment aufnehmen soll oder nicht. Bei einer mehrheitlichen Zustimmung plant der orange Riese, ab 2023 Bier, Wein und Spirituosen zu verkaufen. (bat)
Nur wenige Menschen trinken keinen Alkohol und sind abstinent. Werden die Risiken des Alkoholkonsums von der Bevölkerung unterschätzt?
Ja, davon bin ich überzeugt. Ich habe in meiner Arbeit beim Blauen Kreuz gesehen, was Alkohol anrichten kann. Besonders weh tut es, wenn Kinder deshalb in Mitleidenschaft gezogen werden. Ausserdem ist Alkohol in unserer Gesellschaft extrem etabliert. Es gilt als selbstverständlich, eine Flasche Wein als Geschenk mitzubringen oder nach Feierabend etwas zu trinken.
Bevor Sie Parteipräsidentin der EVP wurden, waren sie sieben Jahre lang Geschäftsführerin des Blauen Kreuzes Aargau/Luzern, das sich für alkoholabhängige Menschen einsetzt. Welche Verbindung gibt es zwischen der EVP und dem Blauen Kreuz?
Nicht nur ich, sondern auch andere ehemalige EVP-Nationalräte hatten Verbindungen zum Blauen Kreuz. Das Blaue Kreuz selbst hat einen reformierten Bezug. Gegründet wurde es vom Schweizer Pfarrer Louis-Lucien Rochat 1877 in Genf. Hintergrund war das damals akute Alkoholproblem bei Beginn der Industrialisierung und dessen Auswirkungen. Rochat wollte Hoffnung geben und war überzeugt, dass die Menschen mit Gottes Hilfe aus der Sucht herauskommen.
Was hat Sie zum Blauen Kreuz geführt?
Familiär bedingt kam ich somit schon früh mit dem Thema in Kontakt. Meine Grossmutter war schon beim Blauen Kreuz, da sie miterleben musste, was Alkohol in der Verwandtschaft anrichten kann. Mehrere ihrer Onkel waren abhängig. Ein Onkel hat es mithilfe des Blauen Kreuzes geschafft, abstinent zu werden und war dann sehr beim Blauen Kreuz engagiert.
Was ist Ihnen bei der Alkoholprävention besonders wichtig?
Der Jugendschutz. Es ist immens wichtig, dass der Jugendschutz konsequent umgesetzt wird. Die Organe von Jugendlichen sind noch im Wachstum, Alkohol ist für sie äusserst schädlich.
Trinken Sie selbst Alkohol?
Sehr selten mal ein Glas zum Anstossen.