Neue Parteipräsidentin

«Die EVP bringt Pole zusammen»

Die Aargauer Nationalrätin Lilian Studer ist die neue Präsidentin der EVP. Wie sie die Evangelische Volkspartei positionieren will, was ihr in der Politik Halt gibt und wo sich ihre skandinavischen Wurzeln zeigen, erzählt sie im Interview.

Will für Werte wie Solidarität, Nachhaltigkeit und Menschenwürde in der Politik einstehen: Die neue EVP-Präsidentin Lilian Studer. (Bild: zVg)

Frau Studer, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt. Was bedeutet die Wahl für Sie?
Ich weiss, dass jetzt einiges an Arbeit auf mich zukommt. Aber die nehme ich gerne in Angriff. Denn die EVP hat mir die Möglichkeit geboten, mich für die Gesellschaft einzusetzen, also politisch aktiv zu sein. Jetzt kann und möchte ich der Partei etwas zurückgeben.

Sie sind seit 2019 für die EVP im Nationalrat. Wie macht sich das «Evangelisch» in Ihrer politischen Arbeit bemerkbar?
In der Art und Weise, wie ich mit politischen Themen umgehe. Mir sind Werte wie Solidarität, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Menschenwürde sehr wichtig. Sie sind für mich nicht nur in der Politik eine Orientierung, sondern auch in meinem Privatleben. Zudem gibt mir der Glaube halt.

In Ihrer Antrittsrede nannten Sie unter anderem den Klimaschutz als eine der grossen Herausforderungen. Ausserdem haben Sie sich stark für das gescheiterte CO2-Gesetz engagiert. Wie schafft es die Schweiz, ihre Klimaziele zu erreichen?
Wir müssen uns anschauen, warum das CO2-Gesetz gescheitert ist, und daraus unsere Lehren ziehen. Jetzt sind die Parteien gefordert, nach Lösungen zu suchen. Gerade von der SVP, die gegen das CO2-Gesetz war, erwarte ich konstruktive Vorschläge, wie die Schweiz die Klimaziele dennoch erreichen kann. In einem ersten Schritt wird sicher das jetzige CO2-Gesetz verlängert, welches einiges erreicht hat, aber bei Weitem nicht genügt. Dann wird man im Parlament schauen, welche Massnahmen ergriffen werden können.

Welche politischen Themen sind Ihnen sonst noch wichtig?
Die Sanierung der Sozialwerke, die Zukunft mit der EU nach dem Scheitern des Rahmenabkommens, die Aufarbeitung der Covid-Krise, die Digitalisierung. All das wird im Parlament für genug Arbeit sorgen.

«Für mich gilt es bei der ‹Ehe für alle›, die Parole der Delegiertenversammlung zu respektieren.»

Wie kann sich die EVP in diese Themen einbringen?
Indem wir die Pole zusammenbringen. Die EVP ist eine sehr konsensorientierte Partei. Doch nicht nur das. Sie ist auch stark beim Besetzen von Nischenthemen, die von den grossen Parteien nicht so beachtet werden. Der Menschenhandel, zum Beispiel, die Ausbeutung am Arbeitsplatz. 

Ein zentrales Thema wird die «Ehe für alle» sein, über die im September abgestimmt wird. Die EVP hat an ihrer Delegiertenversammlung die Nein-Parole beschlossen. Sie selbst haben eine andere Haltung. Wie gehen Sie mit dieser Diskrepanz um?
Ja, ich empfinde bei diesem Thema anders als eine Mehrheit der Partei. Doch für mich gilt es, die Parole der Delegiertenversammlung zu respektieren. Schlussendlich wird es immer wieder solche Momente geben. Das ist normal in der Demokratie.

Zur Person

Lilian Studer ist seit Mai 2021 die neue Präsidentin der Evangelischen Volkspartei EVP. Die 43-jährige Aargauerin sitzt seit Dezember 2019 im Nationalrat. Studer ist schweizerisch-norwegische Doppelbürgerin und Geschäftsführerin des Blauen Kreuzes AG/LU. (bat)

In der EVP gibt es einen wertkonservativen Flügel, aber auch einen progressiven. Zu welchem zählen Sie sich?
Ich ordne mich nicht gerne in ein Kästli ein. Ich bin eine Mittepolitikerin, die Gutes bewahren möchte, aber auch offen ist für neues. Ich bin, vielleicht wegen meinen skandinavischen Wurzeln, in Gleichstellungsthemen sehr progressiv. In Skandinavien ist es zum Beispiel selbstverständlicher, dass Frauen in Führungspositionen sind. Bei diesem Thema hat die Schweiz noch einiges aufzuholen.

Sie sind Geschäftsführerin des Blauen Kreuzes Aargau/Luzern. Wie beschreiben Sie Ihren Führungsstil?
Als sehr kooperativ. Ich möchte die Mitarbeitenden fördern, mit ihnen Lösungen erarbeiten. Das Miteinander ist mir, wie auch in der Politik, wichtig. Natürlich muss man als Geschäftsführerin am Schluss oft die Entscheidung allein treffen. Aber bis dahin will ich möglichst viele Menschen in den Lösungsprozess miteinbeziehen.

Was hat Sie eigentlich in die Politik geführt?
Mir waren Menschen schon immer wichtig. Deshalb habe ich mich in jungen Jahren in freiwilligen-Einsätzen in Zentral- und Südamerika für diverse Organisationen und eine vor Ort ansässige Kirche engagiert. Besonders die Zeit in Venezuela, mit den vielen politischen Unruhen, hat mich geprägt. Ich wusste, dass ich zurück in der Schweiz etwas bewegen will.

Sie spielen im FC Helvetia, dem Frauenfussballteam des Nationalrats. Wer wird in diesem Jahr Europameister?
Italien spielt sehr leidenschaftlich. Toll fände ich ein Team, an das man nicht als erstes denken würde, wie Dänemark oder eben auch die Schweiz. 

Und wie weit kommt die Schweiz?
Nach den zwei letzten guten Partien wäre es schon sensationell, die Schweizer Nationalmannschaft im Final-Spiel zu sehen.