Kirchenfinanzen
Wie eine Kirchgemeinde betrogen wurde und wieder auf die Beine kommen will
Der Finanzverwalter der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Aetingen-Mühledorf in der Nähe Solothurns schickte 2024 der Kirchgemeindepräsidentin eine Whatsapp-Nachricht. Darin gestand er ihr, dass er innert vier Jahren die Kirchgemeinde um rund 200'000 Franken betrogen hatte.
Aetingen-Mühledorf ist eine kleine Kirchgemeinde mit nur 1050 Mitgliedern, wie die «Solothurner Zeitung» schreibt. Das Geld ist ohnehin knapp. Erst ab 2000 Mitgliedern wäre die Kirchgemeinde selbsttragend, das hat sie ausgerechnet. Der Betrug führte dazu, dass die Kirchgemeinde im Frühling 2024 zahlungsunfähig wurde. Sie konnte die Gehälter ihrer Angestellten nicht mehr bezahlen.
Rote Zahlen in der Jahresrechnung
Seither sind zwei Jahre vergangen, doch der finanzielle Verlust hat einen Schaden angerichtet, den man in der Kirchgemeinde nach wie vor spürt. Ende Juni fand die Kirchgemeindeversammlung statt. Der Bericht des Kirchgemeinderats zur Jahresrechnung 2025 widmet sich zur Hälfte den Folgen des Betrugs.
Gegen den Finanzverwalter sei ein Strafverfahren eingeleitet worden, heisst es dort. Im März habe eine Anhörung des Beschuldigten stattgefunden im Beisein von Vertreterinnen des Kirchgemeinderats. «Die Schadensumme wurde vollständig akzeptiert», schreibt der Rat, aber: «Aus dem Konkursverfahren wird ein mutmasslicher Totalverlust erwartet.» Die Kirchgemeinde wird die 200'000 Franken also nicht mehr zurückbekommen.
Das ist nicht überraschend, aber keine gute Nachricht. Der Kirchgemeinderat schreibt nämlich, die finanzielle Lage, speziell die Liquidität der Kirchgemeinde, sei weiterhin angespannt. Die Rechnung 2025 schliesst mit rund 80'000 Franken im Minus.
Friedhofsland verkaufen und liquide bleiben
Um die Liquidität wenigstens für das laufende Jahr zu sichern, verkauft die Kirchgemeinde ihr Friedhofsland an die politische Gemeinde Buchegg, zu der sowohl Aetingen als auch Mühledorf gehören. Der Verkauf wurde im vergangenen Dezember beschlossen, zu einem Preis von 80'000 Franken.
Der Kirchgemeinderat sucht nach weiteren Möglichkeiten, die Kasse zu entlasten. Man strebe eine breitere Zusammenarbeit mit den umliegenden Kirchgemeinden an, heisst es im Bericht zur Jahresrechnung. Die Präsidentin sagte der «Solothurner Zeitung», man habe alle Kirchgemeinden der Region eingeladen, um über eine Kooperation zu sprechen. Doch nur eine Gemeinde, Oberwil BE, äusserte überhaupt Interesse.
Landeskirche unterstützt
In dieser diffizilen Lage kann die Kirchgemeinde auf Unterstützung zählen. Beispielsweise kann sie nicht mehr das ursprüngliche Pensum der Pfarrerin finanzieren. Weil es deshalb reduziert werden musste, übernimmt Regionalpfarrerin Dietlind Mus gewisse Aufgaben.
Aetingen-Mühledorf gehört zum Gebiet der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso). Von ihnen wird die Kirchgemeinde seit dem Schock 2024 auf verschiedenen Ebenen unterstützt, wie Markus Dütschler, Kommunikationsverantwortlicher bei Refbejuso, auf Anfrage sagt. Refbejuso habe unter anderem die Kirchgemeinde bezüglich Organisationsentwicklung beraten.
Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf dem Finanziellen. Dütschler erklärt, Refbejuso habe der klammen Kirchgemeinde ein Darlehen angeboten. Diese habe sich schliesslich entschieden, ein Darlehen der Bezirkssynode Solothurn anzunehmen.
Wird Aetingen-Mühledorf über kurz oder lang wegen ihrer geringen Mitgliederzahl mit einer anderen Kirchgemeinde fusionieren müssen, um den Betrieb aufrecht erhalten zu können? Refbejuso-Sprecher Dütschler relativiert: «Eine generelle Mitgliederzahl für ein Funktionieren einer Kirchgemeinde lässt sich nicht beziffern.»
Doch für die betreffende Kirchgemeinde komme erschwerend hinzu, dass sie ihre Pfarrerin selbst anstellen und entlöhnen müsse. So ist es im Kanton Solothurn üblich. Im Kanton Bern sind die Pfarrpersonen grossmehrheitlich bei Refbejuso angestellt und nicht von den einzelnen Kirchgemeinden. «Sie werden auch von Refbejuso besoldet aus den Geldern, die vom Kanton für die Pfarrlöhne zugesprochen werden», erklärt Dütschler.
Kooperieren, auslagern oder fusionieren?
Kleinere Kirchgemeinden müssten mit ihren Finanzen besonders haushälterisch umgehen, sagt er. Wenn sie dauerhaft Schwierigkeiten haben, Behördenmitglieder zu finden und die Finanzen zu sichern, wird ihnen geraten Kooperationen einzugehen oder eine Fusion einzuleiten.
«Eine Fusion kann hilfreich sein», sagt Dütschler, «aber es sind auch regionale Kirchgemeindeverbände denkbar.» Im Berner Jura bestünden bereits einige davon. Auch das Auslagern gewisser Administrativer Aufgaben in eine andere Kirchgemeinde sei möglich. Anfang des Jahres haben Vertreter von Refbejuso diese Optionen mit der Kirchgemeinde Aetingen-Mühledorf besprochen.