Bekämpfung der Armut

Armutsbetroffene leiden am stärksten unter dem Wohnungsmangel

Wer wenig Geld hat, wird aus den Zentren verdrängt. Doch dann fangen die Probleme erst an, zeigt Caritas in einem Positionspapier auf.

Menschen mit knappem Budget können sich eine Wohnung im Zentrum einer Schweizer Grossstadt kaum mehr leisten, bezahlbarer Wohnraum ist Mangelware. (Bild: Caritas Schweiz)

Mit einem Positionspapier macht Caritas Schweiz auf die Auswirkungen der Wohnungsnot und der steigenden Mieten für Menschen mit knappem Budget aufmerksam. Für sie blieben oft nur zu kleine, lärmbelastete, mangelhafte und abgelegene Wohnungen übrig, heisst es darin. Und: Wer über Armutspolitik spreche, könne die Wohnraumpolitik nicht mehr ausser Acht lassen. Aline Masé, Leiterin Fachstelle Sozialpolitik bei Caritas, erklärt die Hintergründe.

Frau Masé, von der Wohnungsnot und den steigenden Mieten sind mittlerweile die meisten Menschen in der Schweiz betroffen. Auch gut Verdienende werden aus den Städten gedrängt. Warum sind die Folgen für Menschen mit knappem Budget besonders tiefgreifend?
Wer wenig verdient, gibt anteilsmässig mehr fürs Wohnen aus. Dadurch kann eine Mieterhöhung um 100 Franken bereits existenzbedrohend werden. Wer wenig Geld zu Verfügung hat, hat es auch bei der Suche nach einer Wohnung schwerer: Die Person kann sich nur einen kleinen Teil der wenigen freien Wohnungen leisten.

Abseits der Zentren sind die Mieten häufig moderater. Was bedeutet es für einen von Armut betroffenen oder bedrohten Menschen, wegen zu hohen Mieten den Wohnort wechseln zu müssen?
Wenn jemand aus der Stadt fortziehen muss, steigen die Kosten für die Mobilität. Ausserdem verlieren diese Menschen ihr soziales Netz, das sie sich in ihrem Wohnquartier aufgebaut haben. Für alleinerziehende Mütter kann das beispielsweise heissen, dass die Nachbarn die Kinder nicht mehr betreuen können.

Caritas fordert Lösungen. Welche könnten das Ihrer Ansicht nach sein?
Die eine Lösung gibt es nicht. Es braucht verschiedene Massnahmen. Kurzfristig müssen Haushalte in prekären finanziellen Situationen entlastet werden, beispielsweise mit einkommensabhängigen Mietzinsbeiträgen. Langfristig müssen Bund, Kantone und Gemeinden den Bau von günstigen Wohnungen fördern und Wohnbaugenossenschaften unterstützen.

Gewisse Schweizer Städte und Kantone bieten finanzielle Hilfen oder subventionierte Wohnungen an – Zukunftsmodell oder Tropfen auf den heissen Stein?
Natürlich ist es nur ein Tropfen auf den heissen Stein, aber gleichzeitig ist es das Einzige, was den Menschen sofort hilft.

Caritas-Direktor Peter Lack sagt: «Wohnpolitik ist auch Armutspolitik». Ist die Botschaft schon in der Politik angekommen?
Nein, beide Themen nicht. Wir beobachten, dass die Verantwortung häufig zwischen Bund und Kantonen oder Gemeinden hin und hergeschoben wird.

Die Linderung von Armut ist auch ein Thema der Kirchen. Sollen sich Ihrer Meinung nach die Kirchen dem Thema Wohnen annehmen?
Sie sind Anlaufstellen für Menschen mit Fragen oder in Krisen. Es wäre wünschenswert, wenn die Ansprechpersonen Wissen zur Wohnthematik hätten. Zudem besitzen städtische Kirchen häufig Wohnraum. Wenn sie diesen zur Kostenmiete anbieten würden, könnten vielen Menschen mit knappem Budget profitieren. Ich nehme an, dass die Kirche eine soziale Vermieterin ist und auch einmal die Miete stundet, wenn die Mietenden nicht zahlen können.