Pilotprojekt für Obdachlose

«Wohnen ist ein Menschenrecht»

Bedingungslos ein Dach über dem Kopf erhalten: «Housing First» hat das Potenzial, die Obdachlosigkeit in Europa zu beenden. Das sagt Thomas Frommherz von der Heilsarmee Basel.

Für jeden ein Zuhause: Rund 5700 Menschen leben in der Cité du Lignon im Genfer Vorort Vernier. (Stephan Torre / Keystone)
Zur Person

Thomas Frommherz ist bei der Heilsarmee Basel zuständig für die Wohnbegleitung sowie «Housing First». Das Pilotprojekt in Basel läuft seit Mitte 2020.

Thomas Frommherz, in Basel erhalten Obdachlose bedingungslos eine Wohnung. Warum?
Wer auf der Strasse lebt, ist jeden Tag damit beschäftigt, wo er essen, duschen oder schlafen kann. Diese Menschen können sich nicht um Dinge kümmern wie Gesundheit, Sucht oder Job. Gesund werden kann nur, wer eine Wohnung hat. Jedem steht ein Dach über dem Kopf zu, das er sich nicht erst verdienen muss. Wohnen ist ein Menschenrecht.

Seit drei Jahren läuft das Projekt. Wie zufrieden sind Sie bisher?
Bezogen auf die Teilnehmenden ist es eine echte Erfolgsgeschichte. Im Moment sind 23 Personen im Projekt. Manche brauchen täglich Unterstützung, andere nur alle paar Wochen. Ein Problem ist, dass es schwierig ist, Wohnraum zu finden. Zudem muss ich ehrlich sagen, dass wir mit Anfragen nicht überrannt werden. Es ist schwierig, die sogenannten «rough sleepers» zu erreichen, also jene Obdachlosen, die permanent draussen leben und übernachten. 

Woran liegt das?
Einerseits spielt Scham eine Rolle. Andererseits gibt es Vorbehalte gegenüber uns als Heilsarmee. Es schreckt ab, dass wir ein christlicher Verein sind. Wobei niemand Mitglied bei uns werden muss, um Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der Weg würde wohl über eine Zusammenarbeit mit der aufsuchenden Gassenarbeit führen. Das haben wir noch nicht geschafft.

«Für Menschen ohne Obdach wünschte ich mir eine ähnliche Solidaritätswelle wie für ukrainische Geflüchtete.»
Thomas Frommherz, Heilsarmee Basel

Sie erwähnten, es sei schwierig, Wohnungen zu finden. Weshalb?
Vermieter können ihre Mietenden auswählen. Obdachlose ziehen meist den Kürzeren. Vermieter befürchten, dass diese unordentlich oder dreckig seien, und dass bald die ganze Gasse da ist, wenn sie einen aufnehmen. Bislang haben sich solche Befürchtungen mit einer einzigen Ausnahme allerdings nicht bewahrheitet. Eine Erkenntnis nach drei Jahren ist, dass es ein Coaching für Nachbarn und Vermieter braucht.

Neue Strategie gegen Obdachlosigkeit

Das Konzept «Housing First» stammt aus den USA. In Europa gilt Finnland als einer der Wegbereiter. Obdachlose bekommen eine Wohnung mit eigenem Mietvertrag – und zwar bedingungslos, ohne sich dafür (wie sonst üblich) qualifizieren zu müssen. Vor allem in der Anfangszeit werden sie durch Sozialarbeitende betreut. In Finnland konnte damit die Obdachlosigkeit verringert werden.

In Basel startete Mitte 2020 ein Pilotprojekt, das noch bis Herbst 2024 läuft. Derzeit lotet die Regierung aus, wie es weitergehen soll. Ein Massnahmenpaket «Housing first plus», das unter anderem 40 Wohnstudios in einem Haus der Stadt vorsieht, hat die Basler Regierung dem Kantonsparlament vorgelegt.

«Housing First» könnte sich auch in anderen Kantonen als Strategie gegen Obdachlosigkeit durchsetzen: In Solothurn und Freiburg sowie in der Stadt Lausanne laufen ähnliche Projekte wie in Basel. In Zürich soll dieses Jahr ein Pilotprojekt starten. Und auch in Graubünden und Luzern wird auf politischer Ebene über «Housing First» diskutiert. (eba)

Gibt es auch positive Beispiele?
Ja. Einige Wohngenossenschaften stellen uns Wohnungen zur Verfügung. Auch einige private Vermieter haben sich gemeldet. Es sind aber insgesamt leider noch zu wenige. Ich wünschte mir für Menschen ohne Obdach eine ähnliche Solidaritätswelle, wie es sie für ukrainische Geflüchtete gab. Da tauchten wie aus dem Nichts 60 Wohnungen in Basel auf.

In der Schweiz sind rund 2200 Menschen obdachlos. Weitere 8000 sind von Wohnungsnot bedroht, wie eine Studie jüngst zeigte.  Sollte man sie Ihrer Meinung nach alle möglichst schnell nach dem Ansatz «Housing First» einquartieren?
Ja, auch wenn man sagen muss, dass die Gegebenheiten in jeder Stadt andere sind. Unsere Erfahrungen zeigen: «Housing first» wirkt. Und um es beim Namen zu nennen: Es spart uns als Gesellschaft auch Kosten. Zum Vergleich: Ein Tag Aufenthalt in einer Psychiatrie ist etwa gleich teuer wie die Monatsmiete für eine eigene Wohnung.

Der Hamburger Dominik Bloh hat ein Buch geschrieben über seine Zeit als Obdachloser. Im Gespräch mit dem Strassenmagazin «Surprise» sagte er, dass «Housing First» die Obdachlosigkeit in Europa beenden werde. Sind Sie auch so optimistisch?
Prinzipiell ja. Wenn es gelingt, Politik und Gesellschaft mit ins Boot zu holen. Die EU hat ja offiziell ausgerufen, dass sie die Obdachlosigkeit bis 2030 beenden will. Auch wir von der Heilsarmee haben schon eine Kampagne gemacht mit dem Titel «Der letzte Obdachlose der Schweiz.» Man muss aber auch ehrlich sagen: Housing First ist nicht das eine Mittel gegen Obdachlosigkeit. Aber es ist eines, das mit vergleichsweise geringem Aufwand grosse Erfolge erzielt.

«‹Housing first› ist nicht die einzige Lösung, um Obdachlosigkeit zu beenden. Aber eine effiziente.»
Thomas Frommherz, Heilsarmee Basel

Gegen «Housing first» spricht, dass Sans-Papiers nicht geholfen wird. Sie machen 60 Prozent aller Obdachloser aus. Denn wer keine Aufenthaltspapiere besitzt, der darf auch keinen Mietvertrag abschliessen. Und dies ist eine Voraussetzung für «Housing First».
Es stimmt, in Basel ist es eine Bedingung, dass Obdachlose seit mindestens zwei Jahren im Kanton gemeldet sein müssen, ehe sie bei «Housing first» mitmachen dürfen. Es ist an der Politik, auch Sans-Papiers zu unterstützen. Lausanne beispielsweise macht das. Wie gesagt, «Housing First» ist nicht die eine einzige Lösung, um Obdachlosigkeit zu beenden. Aber eine effiziente.