Wilfried Bührer

«Wir sollten nicht den Hintersten und Letzten bei Laune halten wollen»

Zwanzig Jahre hat Wilfried Bührer die Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau präsidiert. Nun geht er in den Ruhestand. Im Interview blickt er zurück auf die Höhepunkte seiner Karriere – und erklärt, warum er sich von der reformierten Kirche ein klareres Profil wünscht.

Nach dreissig Jahren im Thurgauer Kirchenrat tritt Wilfried Bührer altershalber zurück. (Bild: Donato Caspari/CH Media)

Herr Bührer, Sie sind vor dreissig Jahren in den Thurgauer Kirchenrat gewählt worden, die letzten zwanzig Jahre waren Sie dessen Präsident. Machen wir ein kleines Gedankenspiel: Wo wären Sie heute, wenn Sie sich damals für einen anderen Weg entschieden hätten?
Im Gemeindepfarramt, ganz klar. Ich habe auch während meiner Zeit in der Kirchenleitung immer pfarramtliche Aufgaben übernommen, gerade dieses Jahr war ich zum Beispiel in einem Konfirmandenlager. Mir gefällt die Vielfalt des Berufs, die Begegnung mit Menschen in verschiedensten Lebenslagen. Ohne diesen Ausgleich wäre ich wahrscheinlich nicht so lange in der Kirchenleitung geblieben.

Die letzten dreissig Jahre gingen mit einem massiven Bedeutungsverlust der Kirche einher. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe dafür?
Da sind gewisse Entwicklungen und Megatrends zu nennen wie der demografische Wandel, die – auch religiöse – Bevölkerungsdurchmischung oder die Individualisierung. Die spirituellen Bedürfnisse der Menschen sind zwar nicht einfach weg, aber sie können heute auf ganz unterschiedliche Art und Weise befriedigt werden. Die Kirche ist hier nur noch ein Player unter vielen. Allerdings wehre ich mich dagegen, das nur negativ zu deuten.

Wie meinen Sie das?
Ein Beispiel: Früher hatte ich einmal in einem einzigen Sommer knapp dreissig Trauungen. Heute sind es nicht einmal mehr zehn. Aber dafür lerne ich die Paare besser kennen, die Vorbereitungen sind intensiver. Auch im Konfirmationsunterricht haben wir mehr Zeit, um auf die einzelnen Jugendlichen einzugehen, die vielleicht sogar ein bisschen motivierter sind als früher.

« Wir stehen vor der Grundsatzfrage, ob wir uns an die modernen Lebenshaltungen mit ihren inhaltlichen Positionen anpassen oder eher Stabilität und Sicherheit vermitteln wollen. »

Welchen Anteil hat die Kirche an ihrem eigenen Bedeutungsverlust? Hat sie es verpasst, auf diese Entwicklungen einzugehen?
Das ist eine berechtigte Frage. Dennoch glaube ich, dass wir den Fehler nicht nur bei uns selber suchen sollten. Ich vergleiche die Kirche gerne mit der Landwirtschaft: Jemand, der heute Bauer ist, hat es um einiges schwerer als sein Vater oder Grossvater, die ebenfalls Bauern waren – obwohl er den Job ebenso gut macht wie sie. Einfach weil die Rahmenbedingungen sich so stark verändert haben. Als reformierte Kirche stehen wir vor der Grundsatzfrage, wie wir uns gegenüber dem gesellschaftlichen Wandel verhalten sollen, ob wir uns an die modernen Lebenshaltungen mit ihren inhaltlichen Positionen anpassen oder eher Stabilität und Sicherheit vermitteln wollen. Ob wir etwas bieten wollen, das nicht alle zehn Jahre wieder anders ist.

Im Jahresbericht der Landeskirche schreiben Sie, dass die Kirche angesichts der Situation nicht nur Fragen stellen soll, sondern Antworten geben muss – etwa darauf, wofür sie steht. Wofür stehen Sie?
Für den Glauben an Jesus Christus. Die Bibel ist dafür meine Hauptquelle, wenn auch nicht in einem Wort-für-Wort-Verständnis. In diesem Artikel ging es mir aber weniger um einzelne Personen, als um die Kirche als gesamte Institution. Es allen recht machen zu wollen, zu sagen, alles hat Platz unter demselben Dach – das ist nicht zukunftsträchtig.

Genau das ist aber ein Credo der Schweizer Reformierten: Vieles, auch Gegensätzliches, muss Platz haben.
Wenn jemand, der heute ohne oder nur mit sehr losem Kontakt zur Kirche aufwächst, sich voll guten Willens über die Kirche informieren oder gar in sie eintreten möchte, muss diese doch sagen können, wofür sie steht – da braucht es ein erkennbares Profil. Wichtiger, als den Hintersten und Letzten bei Laune halten zu wollen, scheint mir inhaltliche Aufbauarbeit. Wir könnten uns an der Natur orientieren: Die lässt auch immer mal wieder ein Blatt fallen, damit genug Luft und Licht für neue Triebe vorhanden ist.

Gilt das auch, wenn es Ihr eigenes Blatt ist, das fällt?
Das ist das Gute an der reformierten Kirche: Es geht nie nur um den Einzelnen. Unsere Behörden entscheiden als Kollektive. Ich habe kein Problem damit, wenn gewisse Inhalte, die mir wichtig sind, in den Hintergrund geraten.

Ganz konkret: Sie selbst beschreiben sich als wertkonservativ, bei der «Ehe für alle» etwa haben Sie sich zurückhaltend geäussert. Ist das der richtige Weg für eine immer kleiner werdende Kirche im 21. Jahrhundert?
Es ist interessant, dass solche Fragen immer an der «Ehe für alle» aufgezogen werden. Dabei ist diese in der kirchlichen Praxis doch eher nebensächlich – wenn auf 200 Trauungen zwei von gleichgeschlechtlichen Paaren kommen, ist es wahrscheinlich viel. Aber nochmals: Ich habe keine Mühe damit, wenn eine andere Meinung als meine mehrheitsfähig ist. Problematisch finde ich, wenn die Stellungnahmen der Kirche schön parallel zur Volksmeinung formuliert werden. Das konnte man beim Kirchenbund respektive heute der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) schon bei den Fragen um die Abtreibung und jetzt wieder bei der «Ehe für alle» sehr gut beobachten: Bei der Einführung der eingetragenen Partnerschaft hiess es noch, der Unterschied zur Trauung müsse bleiben; fünfzehn Jahre später ist die Haltung eine andere, und das theologisch unterfüttert. Für mich ist das ein Nachsprechen von Volkes Meinung. Kurzfristig mag man dadurch Akzeptanz gewinnen, langfristig verliert man Glaubwürdigkeit.

« Wir müssen uns überlegen, wer die Kirche in Zukunft tragen wird. Das wird nicht die Gesamtgesellschaft sein. Deshalb ist für mich die Investition in den inneren Aufbau so wichtig. »

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass sich theologische Positionen niemals verändern sollen.
Natürlich können sich Haltungen verändern, aber der Parallelismus stört mich. Als Kirche sollten wir auch mal zu früh sein, oder eben auf Dinge beharren, selbst wenn der Mainstream etwas anderes fordert. Es braucht dieses Korrektiv durch die Kirche. Und wenn wir schon über den richtigen Weg in die Zukunft sprechen, dann müssen wir uns auch überlegen, wer die Kirche in Zukunft tragen wird. Das wird nicht die Gesamtgesellschaft sein. Deshalb ist für mich die Investition in den inneren Aufbau, etwa in die kirchliche Jugendarbeit, so wichtig. Denn wer in jungen Jahren schöne Erlebnisse hat, ein Gefühl von Heimat spürt, der wird später womöglich eher bereit sein, ein Amt zu übernehmen.

Schauen wir auf Ihre Karriere zurück: Was waren Ihre Highlights im Kirchenrat?
Als gelungen möchte ich den Kirchensonntag herausstreichen. Alle vier Jahre veranstalten wir einen zentralen Gottesdienst irgendwo auf Kantonsgebiet, bei dem bis zu 2500 Personen zusammenkommen. Da wird Kantonalkirche sicht- und spürbar. Sehr gut gefallen hat mir auch die Arbeit in der Kartause Ittingen, einem Begegnungs- und Bildungszentrum inklusive Hotelbetrieb. Die Landeskirche übernimmt in dieser Stiftung eine prominente Rolle, ich selbst bin Stiftungsratsmitglied. Ausserdem möchte ich zwei Publikationen herausstreichen, die in meine Zeit als Kirchenratspräsident fallen: Die eine ist ein Zusatzliederbuch zum Kirchengesangsbuch, die andere ein Buch zu Fragen des Lebensendes.

Es fällt auf, dass Sie vor allem Inhaltliches nennen, aber keine politischen Meilensteine.
Ich fände es falsch, wenn eine evangelische Kirchenleitung sich nicht mit Inhaltlichem beschäftigen würde – schliesslich kennen wir ja kein Bischofsamt zusätzlich zur Landeskirchenleitung. Natürlich sind wir auch absorbiert von Fragen der Organisation oder von politischen Stellungnahmen. Auf nationaler Ebene kam die Mitarbeit als Synodaler der EKS dazu. Dort habe ich versucht, die Sichtweise der ländlichen Regionen einzubringen.

Was ist Ihnen in Ihrer Zeit im Kirchenrat nicht gelungen?
Ich war während sechs Jahren Präsident der Ausbildungskommission des Konkordats. Da ist es uns – auch bezogen auf unsere Kantonalkirche – nicht gelungen, genügend Nachwuchs für das Pfarramt zu generieren. Bedauert habe ich auch jeden Konflikt in einer unserer Kirchgemeinden. Klar, Konflikte gehören zum Leben, und wenn immer alles nur deshalb friedlich ist, weil schon gar kein Leben mehr vorhanden ist, dann ist es auch nicht gut. Dennoch: Wenn Menschen sich enttäuscht oder frustriert von der Kirche abgewandt haben, war mir das nie egal.

« Langweilig wird mir im Ruhestand bestimmt nicht, aber Respekt vor diesem Übergang habe ich dennoch. »

Im Rennen um Ihre Nachfolge zeigte sich auch der Kampf zweier Flügel: Die liberale Christina Aus der Au gegen den konservativen Paul Wellauer. Ist die Thurgauer Kirche gespalten?
Nein. Mal abgesehen von der Frage, ob die genannten Etiketten zutreffen: Hier hilft uns die Kleinräumigkeit des Kantons. Die Kirche ist buchstäblich im Dorf, die Menschen kennen sich zu gut, um sich auseinanderdividieren zu lassen. Und die Synode hat ja schliesslich beide in den Kirchenrat gewählt! Natürlich gibt es unterschiedlich geprägte Gemeinden oder sogar Regionen; das war aber schon so, als ich angefangen habe als Pfarrer zu arbeiten. Was interessant ist: Wir haben eine Motion auf dem Tisch, die verlangt, dass Menschen ihre Gemeinde frei wählen können. Jemand, der liberal tickt, könnte dann eine passende Gemeinde suchen, wenn seine eigene Wohngemeinde eher evangelikal ist – und umgekehrt.

Schauen wir zehn Jahre in die Zukunft: Was wünschen Sie sich für die reformierte Kirche?
Lebendige Gemeinden. Die vielleicht kleiner sind als jetzt, aber in denen man sich mit Freude engagieren kann. Und in denen man gerne den Gottesdienst besucht.

Und wie geht es für Sie persönlich weiter?
Ich werde weiterhin einige pfarramtliche Aufgaben übernehmen, hier und da eine Stellvertretung machen. Daneben freue ich mich auf mehr Zeit mit meinen Enkeln, mit dem grössten ist zum Beispiel eine Städtereise nach Paris geplant. Ich mache viel Musik und singe in einem Chor. Langweilig wird mir also nicht, aber Respekt vor diesem Übergang habe ich dennoch.

Fällt es Ihnen schwer loszulassen?
Sagen wir es so: Als junger Pfarrer habe ich öfters Seniorenferien organisiert. Bei diesen Menschen, die mehrheitlich in bäuerlichen Verhältnissen gelebt haben, war das Thema Loslassen zentral. Leider weiss ich nicht mehr, was ich zu ihnen gesagt habe – aber Ratschläge zu geben war auf jeden Fall einfacher als es jetzt selber umsetzen zu müssen.