Wenn Jesus Popsongs singt
Am 13. April, kurz vor Ostern, steht bei einem grossen deutschen Privatsender die Passionsgeschichte auf dem Programm. RTL zeigt dann «Die Passion», ein «spektakuläres Musik-Live-Event», wie es in der Ankündigung heisst. Thomas Gottschalk fungiert als Erzähler, bekannte deutsche Schauspieler und Sängerinnen sollen mit dabei sein, aufgeführt wird in der Stadt Essen.
In den Niederlanden ist «The Passion» schon seit zwölf Jahren ein Publikumsmagnet. Jeweils am Gründonnerstag wird auf einem zentralen Platz in einer niederländischen Stadt die Passionsgeschichte als Musical gezeigt, in einer modernen Sprache, untermalt von Popsongs, mit Referenzen zu aktuellen politischen Themen. Jesus etwa trägt auch mal einen orangen Overall, wie die Gefangenen in Guantanamo. Währenddessen wird ein leuchtendes, riesiges Kreuz von Freiwilligen durch die Stadt auf den Platz getragen. Das Spektakel wird im Fernsehen gezeigt, vor Ort sind bis zu 20'000 Menschen anwesend und singen begeistert mit, wie Pfarrerin Ella de Groot erzählt.
«Wie wenn ‹Scharlachrot› gespielt würde»
Die Niederländerin lebt in der Schweiz und kennt «The Passion» gut. Sie glaubt, dass gerade die zeitgenössische Musik zum Erfolg des Musicals beigetragen hat. Sie bringe die Zuschauer dazu, sich zu beteiligen. Damit werde die Geschichte lebendig, man selbst werde Teil davon. «Alle kennen diese Lieder. Es wäre, wie wenn in der Schweiz ‹Scharlachrot› von Patent Ochsner gespielt würde», vergleicht de Groot.
Erstmals wurde «The Passion» in Manchester, England, von der BBC aufgeführt. Die Idee wurde in den Niederlanden aufgenommen, wo «The Passion» erstmals 2011 inszeniert wurde. Seither findet es am Gründonnerstag statt und wird immer in einer anderen Stadt aufgeführt. Unterstützt wird es von der Bibelgesellschaft, der protestantischen und der römisch-katholischen Kirche in den Niederlanden und den Fernsehgesellschaften.
Ausserdem hätten bei «The Passion» alle Menschen die Möglichkeit, sich in der Geschichte wiederzuerkennen. «Die Passionsgeschichte ist voller Emotionen, die bis heute nichts an Aktualität eingebüsst haben: Verrat, Verleugnung und Liebe.» Gerade weil sie offen für Interpretationen blieben, könne das Inszenieren der biblischen Erzählungen die Menschen ermutigen und trösten, ist Ella de Groot überzeugt.
Das zeige sich auch in den Interviews mit Beteiligten. Einmal habe ein Mann gesagt, dass er das Kreuz für sein Kind tragen wolle, das auf der Intensivstation liege. Eine Frau gab an, dass sie dies für ihre verstorbene Schwester tun wolle. De Groot sieht diese Zeugnisse als Beweis, dass diese Menschen ihre eigene Geschichte durch die biblische Erzählung deuten. Die moderne Sprache und die Musik in «The Passion» erleichterten das noch zusätzlich. «Wenn Jesus und Maria zusammen ein emotionales Liebeslied singen, versteht das jeder», sagt die Pfarrerin.
Bibelgeschichten müssen nicht trocken sein
Zum Erfolg trägt bei, dass «The Passion» auch eine kommerzielle Produktion ist: Sie muss sich ganz einfach verkaufen. Auch der Tourismus ist daran beteiligt, es wurde schon zum Shopping in der durchführenden Stadt aufgerufen. Darüber rümpfen einige die Nase. Andere empfinden es als Sakrileg, dass Jesus profane Liebeslieder in den Mund gelegt werden. Ella de Groot versteht das nicht. «Auch mir gefällt nicht alles. Aber warum müssen biblische Geschichten nur trocken, ernsthaft, altmodisch und getrennt von Aktualität und Alltag bleiben? Wenn wir nichts wagen, verlieren wir unser Kulturgut.»
Ella de Groot ist überzeugt, dass «The Passion» auch in der Schweiz gelingen könnte. Denn die Niederländer seien nicht «frommer» als die Schweizer, die Jugend habe hier wie dort wenig Ahnung von Ostern. «Aber auch Schweizerinnen sind fähig, die heiligen Momente in ihrem Leben zu spüren.» Sie habe auch schon Ideen für die Besetzung, erzählt die Pfarrerin schmunzelnd. Tagesschaumoderator Florian Inhauser müsste der Erzähler sein, als Maria könnte sie sich Sophie Hunger vorstellen.
Zur Person: Ella de Groot stammt ursprünglich aus den Niederlanden. Seit über 30 Jahren lebt sie in der Schweiz. Zuletzt war sie während 16 Jahren Pfarrerin in Muri-Gümligen, Bern. Ende 2021 ging de Groot in Pension.