«Das Leben von Jesus ist Drama pur»

«Ben Hur», «Die letzte Versuchung Christi» oder «Maria Magdalena»: Die Religionswissenschaftlerin und Filmexpertin Natalie Fritz hat dutzende von Jesusfilmen analysiert. Sie erklärt, warum das Genre so beliebt ist und wie es kommt, dass ein männlich wirkender Jesus-Darsteller provokativ wirkt.

Jesus von Nazareth im Film «Die letzte Versuchung Christi». (Bild: Printscreen)

Osterzeit ist Jesusfilmzeit. Was interessiert Menschen an Filmen über Jesus, Natalie Fritz?
Die Geschichte natürlich. Das Leben von Jesus lässt sich filmisch fantastisch umsetzen. Da ist diese Retterfigur, es gibt Freundschaft, Feindschaft, das Martyrium und am Schluss die Erlösung. Nach all dem Drama also sogar ein Happy End.

Jesusfilme leben von der Passion. Dagegen gibt es viel weniger Filme, die sich um die Geburt Jesu drehen. Ist diese schlicht zu langweilig?
So würde ich es nicht sehen. Man denke nur an Herodes. Die Flucht und die Suche nach einer Bleibe sind im Grunde hochaktuelle Themen. Doch das wird eher ausgeblendet. Man erzählt die Geburt von Jesus als ein Wunder. Filmisch wurde das meist kindergerecht umgesetzt, so wie im Krippenspiel. Die Geschichte von Jesus erreicht erst mit der Kreuzigung den Höhepunkt. Das ist Drama pur. Und ja: Das Blut, der Schweiss und die Tränen haben definitiv mehr filmisches Potenzial.

Sind Sie selber ein Fan dieses Genres?
Sehr. Ich liebte es schon als Kind, Jesusfilme im Fernsehen zu schauen. Ich bin nicht besonders religiös aufgewachsen, aber mir gefiel die Geschichte dieses Erlösers. Ich habe vor Rührung geweint.

Was interessiert Sie als Wissenschaftlerin an Jesusfilmen?
Sie sind ein Spiegel der Gesellschaft. In ihnen werden Fragen von Moral, Menschsein oder das Verhältnis von Religion und Politik verhandelt. Sie verraten viel über die Zeit und das Publikum, für das sie gemacht wurden.

Was lesen Sie aus diesen Filmen heraus?
Das ist sehr unterschiedlich. Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini etwa kritisierte in seinem Film «La Ricotta» die Klassengesellschaft der 1960er Jahre. Er zeigte das Martyrium eines Laiendarstellers aus der Unterschicht, der auf dem Set eines Jesusfilms tatsächlich am Kreuz stirbt. Pasolini transferierte die Figur in seine Gegenwart, um Kritik zu üben. Andere Jesusfilme haben eher eine erzieherische Funktion, etwa solche für ein evangelikales Publikum. Oder es gibt Hollywood-Produktionen, die die Geschichte aus kommerziellen Gründen adaptieren.

Es gibt Konventionen, wie Jesus aussieht und wirkt. Wer ihn anders darstellt, markiert damit einen Bruch.

Wie gehen Sie eigentlich grundsätzlich bei der Analyse von Filmen vor?
Der Anfang ist sehr einfach: Ich schaue mir als erstes möglichst viele Filme zu einem Thema an. Dann entscheide ich mich je nach Frage, die ich beantworten möchte, welche Filme ich genauer analysiere. Im Grunde arbeite ich nicht anders als Literaturwissenschaftlerinnen oder Theologen. Ich betreibe Exegese, denn für mich ist ein Film wie ein Text. Ich deute die Handlung, die Bildsprache sowie die Geräuschebene und beschreibe beispielsweise, wie Jesus ins Bild gerückt wird.

Gibt es eine spezielle Kameraeinstellung, die typisch für Jesusaufnahmen ist?
Typisch ist eine Kameraführung, die Jesus von unten nach oben filmt. Das verleiht der Figur Erhabenheit. Oft wird Jesus speziell ausgeleuchtet, das wirkt dann irgendwie überirdisch. Es gibt Konventionen, wie Jesus aussieht. Klassisch ist Franco Zeffirellis wunderschöner «Jesus von Nazareth» aus dem Jahr 1977.

Der hat helle Haare und blaue Augen. Ist das Hollywood?
Nein, diese Art der Darstellung ist viel älter. Im 15. Jahrhundert waren Adaptionen nach dem Vorbild des Schweisstuches von Veronika populär. Grundsätzlich wirkt Jesus geschlechtslos und sehr erhaben. Wer Jesus anders darstellt, markiert damit einen Bruch.

Scorseses Film zeigt Jesus als gewöhnlichen Menschen. Und genau das ist vielleicht das Problem.

Was meinen Sie damit?
Nehmen Sie den Film «Die letzte Versuchung Christi» des amerikanischen Regisseurs Martin Scorsese von 1988. Darin wird Jesus vom sehr männlichen Willem Dafoe gespielt. Das ist ein ungewohnter Blick. Tatsächlich spielt Dafoe einen Jesus, der eine Sexualität hat und der mit seiner Bestimmung hadert.

Der Film wurde kontrovers diskutiert.
Genau. Religiöse Menschen schrien «Blasphemie». Dabei macht Scorsese schon im Vorspann klar, dass er sich in dem Film nicht auf die Evangelien, sondern einen Roman bezieht. Mir gefällt der Film, denn er zeigt die sehr menschlichen Wünsche, Zweifel und Ängste dieser Jesusfigur. Er zeigt Jesus als gewöhnlichen Menschen. Und genau das ist vielleicht das Problem.

So wie «Life of Brian» der britischen Komikertruppe Monty Python.
Genau genommen ist «Life of Brian» kein Film über das Leben von Jesus, sondern über Brian. Doch auch hier sorgte 1979 für Aufruhr, dass die Pythons sich anscheinend nicht an die Konventionen des Jesusfilms hielten. Brian ist ein Jedermann. Das fängt schon beim Namen an. Er ist ein Tollpatsch und Muttersöhnchen, das unfreiwillig in diese Heldenrolle rutscht. Er ist das Gegenteil eines überirdischen Erlösertypen.

Ein Physiologe stellte fest, dass niemand so viel Blut, Tränen und Schweiss vergiessen kann,
wie der Jesus in Gibsons Film. Er wäre schon lange vor der Kreuzigung tot gewesen.

Martin Scorsese, Mel Gibson oder Pier Paolo Pasolini: Es fällt auf, dass die meisten Regisseure von Jesusfilmen einen katholischen Hintergrund haben. Gibt es eine reformierte Jesusfilm-Tradition?

Schwer zu sagen. Aber ich finde es nicht sinnvoll, von einem katholischen Jesusfilm zu sprechen, nur weil der Regisseur einen solchen Hintergrund hat. In der Umsetzung spielen vor allem Genrefragen eine Rolle. Etwa: Ist das europäisches Autorenkino? Welches Publikum will ein australischer «Ultrakatholik» wie Mel Gibson, der 2004 den bluttriefenden «The Passion of the Christ» realisierte, erreichen?

«The Passion of the Christ» war auch unter Fans von Splatterfilmen ein Hit.
Ein Physiologe stellte fest, dass niemand so viel Blut, Tränen und Schweiss vergiessen kann, wie der Jesus in Gibsons Film, der von den Römern schon vor der Hinrichtung gepeinigt wird. Er wäre schon lange vor der Kreuzigung tot gewesen.

Wie viele Jesusfilme haben Sie schon gesehen?
Keine Ahnung. Ich habe nie gezählt. Dutzende.

Welche sind Ihre liebsten?
Mir gefallen Martin Scorseses «Letze Versuchung Christi» oder auch «Jesus von Montreal» von Denys Arcand aus dem Jahr 1989. Die Filme verhandeln auf je ihre Weise Fragen des Menschseins. Ansonsten mag ich auch Jesusfiguren im sozialkritischen Autorenkino. Ein Film, der mir jüngst gefiel, war «I, Daniel Blake» von Ken Loach. Der arbeitslose Protagonist erlebt sein Martyrium in der britischen Gesellschaft. Allerdings ohne Erlösung am Ende. Und mein liebster Film über Brian ist «Life of Brian».