Wenn die Kirche zum Büro wird

Eine Kirche ist nicht nur ein Raum für Gottesdienste, sondern auch ein Arbeits- und Begegnungsort, findet der Verein St. Peter in Zürich. Deshalb stellt er seine Kirche Firmen als Büro zur Verfügung. Einen Anfang machte eine Zeitungsredaktion.

Langer Tisch statt Einzelpulte: Journalistinnen Journalisten des Tagesanzeigers schrieben ihre Artikel mitten in der Kirche St. Peter in Zürich. (Bild: zVg)

Gespräche im Flüsterton, ein schlechtes Gewissen beim Fluchen, Redaktionssitzung im Kirchenturm. Die Journalisten des Zürich Ressorts des Tagesanzeigers verlegten Mitte Juli ihren Arbeitsplatz für drei Tage in die Kirche St. Peter in der Stadt Zürich. «Werktags in der Kirche – Serie in sieben Folgen» nennt sich das Experiment, bei dem der reguläre Arbeitsplatz für ein bis drei Tage gegen den barocken Kirchenraum getauscht wird. «Dass am Sonntag in der Kirche Gottesdienst gefeiert wird, ist bekannt. Wir wollen aber zeigen, dass die Kirche auch unter der Woche ein Begegnungsort ist», sagt Annina Hess-Cabalzar, Initiantin des Projekts vom Verein St. Peter.

Dabei soll unter anderem den Fragen nachgegangen werden, welchen Einfluss ein Kirchenraum auf das Arbeitsklima hat oder ob durch dieses Experiment neue Bedeutungen für die kirchlichen Räume entdeckt werden können. «Wir wollen die Kirche mit der Umgebung vernetzen», sagt Hess-Cabalzar. Deshalb sei sie auch während des Experiments für Besucher offen. Daneben finde der normale Kirchenalltag statt – inklusive Probe der Organistin.

Schwierigkeiten mit der Konzentration

Die Redaktion des Tagesanzeigers lud auch ihre Leserinnen ein, sie in der Kirche zu besuchen. Dies wurde rege genutzt. «Das Experiment war eine gute Gelegenheit, unsere Arbeit zu zeigen», sagt Redaktorin Susanne Anderegg. Ausserdem sei es spannend gewesen, mal das Büro zu verlassen und den Alltag in einem anderen Stadtteil zu verbringen.

Die Journalisten arbeiteten mit Laptops vor Ort. Nicht immer fiel es ihnen leicht, sich zu konzentrieren. «Der Kirchenraum war wegen seines Halls ziemlich laut», sagt Anderegg. Trotzdem hätten es die Kollegen geschätzt, dass alle zusammen an einem grossen langen Tisch arbeiten konnten. «So hat man sich untereinander vermehrt austauschen können.»

Über ihre Erfahrungen am ersten Tag hat die Tagi-Redaktion in einem Ticker auf tageszeiger.ch berichtet. «Wenn man in einem Kirchenschiff arbeitet, wird einem erst so richtig bewusst, wie oft ein Schimpfwort über die Lippen kommt», heisst es dort unter anderem. Es sei ganz heilsam, sich auch mal wieder über die gesprochene Sprache klar zu werden. Und wenn so ein Fluchwort in der Kirche widerhallt, melde sich das schlechte Gewissen sehr viel schneller als in der Redaktionsstube.

Mittlerweile ist die Redaktion wieder in ihrer gewohnten Umgebung an der Werdstrasse. «Es war ein spannendes Experiment, das aber keine grossen Spuren in unserem Team hinterliess», sagt Anderegg. Möglich sei, dass man wieder einmal das Büro nach draussen verlege. «Es muss aber keine Kirche sein.»

Bankgeschäfte im St. Peter?

Laut Hess-Cabalzar werden nach dem Tagesanzeiger weitere sechs Arbeitsbereiche in die Kirche St. Peter eingeladen. Zurzeit sei man im Gespräch mit einer psychiatrischen Klinik, mit einer Computerfirma sowie mit einer Bank. «Es wäre sicher spannend zu sehen, ob der Kirchenraum einen Einfluss auf die Werthaltung der Bankmitarbeiter hat», sagt Hess-Cabalzar. Aber auch Schneiderateliers oder Pediküre-Salons, als eine Erinnerung an die Fusswaschung, könnten infrage kommen. Nicht jeder kann jedoch beim Projekt mitmachen. «Menschen und Firmen, die die Menschenrechte verletzen, werden mit klaren Angaben von Gründen nicht akzeptiert», sagt Hess-Cabalzar.

Das Projekt soll spätestens in einem Jahr abgeschlossen sein. Dann möchte man schauen, ob und welche Spuren es bei den einzelnen Teilnehmern hinterlassen hat.

Hinweis: Interessenten für das Projekt können sich bei Annina Hess Cabalzar unter: annina.hess@verein-stpeter.ch / 079 279 81 21 melden. Weitere Informationen gibt es unter: www.verein-stpeter.ch