Wahlen in den EKS-Rat

«In Flüchtlingsfragen muss die Kirche mitreden»

Nach elf Jahren im Appenzeller Kirchenrat wagt Thomas Gugger den Schritt auf das nationale Parkett und bewirbt sich um einen Sitz im EKS-Rat. Der Finanzexperte plädiert für einen effizienteren Umgang mit den Ressourcen.

Thomas Gugger will mit seiner Erfahrung im Finanzbereich punkten. (Bild: Robert Stürmer/ zVg)

Herr Gugger, vor zwei Jahren haben Sie sich vergeblich um das Präsidium im Appenzeller Kirchenrat beworben. Jetzt versuchen Sie es auf der nationalen Ebene. Wie gross schätzen Sie den Rückhalt für Ihre Kandidatur ein?
Das ist letztlich eine Frage des Netzwerks. In den Deutschschweizer Kirchen kenne ich viele Menschen. Es liegt an mir, bis zur Wahl mit möglichst vielen Synodalen zu sprechen.

Wie verkaufen Sie den Synodalen Ihre Kandidatur?
Ich bringe strategische Erfahrung mit und kann gut mit Finanzen umgehen. Hinzu kommt meine Erfahrung als Kirchenrat der Evangelisch-reformierten Kirche beider Appenzell. Lange habe ich das Ressort Diakonie betreut. Diakonie ist ein zentrales Arbeitsfeld, in dem die Landeskirchen bereits heute sehr viel leisten. Allerdings sollten sie mehr darüber reden.

Was reizt Sie am Amt als EKS-Rat?
Es kommen viele Herausforderungen auf die Landeskirchen zu, bei denen es sinnvoll ist, dass wir uns national koordinieren. Erstens geht es der Kirche wie vielen anderen Unternehmen auch: Ihr fehlen die Fachkräfte. Es gibt beispielsweise sehr wenige Theologie-Studierende. Zweitens werden wir kleiner und müssen zusammenrücken. Drittens stellt sich die Frage, wie lange die Struktur als öffentlich-rechtliche Einrichtung noch Bestand hat. Wir müssen aktiv und vorausschauend Lösungen entwickeln.

«Wenn alle Personen der Babyboomer-Generation sofort zurücktreten, hätten wir einen grossen Wissens- und Erfahrungsverlust.»
Thomas Gugger, Appenzeller Kirchenrat und Kandidat für den EKS-Rat

Wie lauten Ihre Lösungsansätze für diese Herausforderungen?
Wir müssen neue Anreize für die verschiedenen Ausbildungen schaffen. Man könnte sich überlegen, wie die Deutschschweizer Kirchen und die Universitäten im Rahmen des Konkordats enger zusammenarbeiten können.

Sie sind 62 Jahre alt. Bräuchte es nicht auch jüngere Personen in den Kirchenräten und dem EKS-Rat, um dem Nachwuchsmangel entgegenzutreten?
Es ist klar, dass es eine gute Altersdurchmischung braucht. Wenn es Nachwuchskräfte gibt, müssen sie unbedingt gefördert und integriert werden. Die Jungen bringen neue Ideen ein. Gleichzeitig braucht es auch Lebenserfahrung. Wenn alle Personen der Babyboomer-Generation sofort zurücktreten, hätten wir einen grossen Wissens- und Erfahrungsverlust. Für mich ist wichtig, dass wir gemeinsam an der Zukunft zu arbeiten.

Sie haben vorhin von zusammenrücken gesprochen. Was halten Sie zum Beispiel von einer regionalen Landeskirche Ostschweiz?
Über dieses Thema wird immer wieder gesprochen und es gibt viele Gedanken dazu. Wenn wir beispielsweise bei der Ausbildung der Religionslehrkräfte nicht schon heute mit der St. Galler Landeskirche zusammenarbeiten würden, hätten wir vermutlich ein noch grösseres Problem. Ich bin überzeugt, dass eher früher als später drei oder vier Kantone eine grössere kirchliche Einheit bilden werden.

«Ich bin kein Fan davon, dass sich die Kirche zu stark in die Politik einmischt.»
Thomas Gugger, Appenzeller Kirchenrat und Kandidat für den EKS-Rat

Wie politisch soll die EKS sein?
Ich bin kein Fan davon, dass sich die Kirche zu stark in die Politik einmischt. Wenn es jedoch um kirchliche, diakonische oder soziale Themen wie beispielsweise die Sozialhilfe für Flüchtlinge oder die Kirchensteuern für juristische Personen geht, muss sie mitreden.

Beruflich als auch als Kirchenrat befassen Sie sich intensiv mit Finanzen. Laut einer Ecoplan-Studie nehmen die Mitgliederzahlen und die Einnahmen aus den Kirchensteuern vor allem ab 2045 stark ab. Wie beurteilen Sie die finanzielle Situation der Kirchen?
Ich stelle fest, dass es grosse Unterschiede gibt. Manche Landeskirchen müssen schon heute sparen, während es anderen finanziell gut geht. Das macht es schwierig, eine gemeinsame Position zu finden. Manche Landeskirchen müssen sich zudem überlegen, wie sie sich in Zukunft ohne Steuereinnahmen von juristischen Personen auskommen. Ich überlege mir auch, wie sich Hilfswerken wie die mission21 finanzieren, wenn die Einnahmen der Kirchen weiter zurückgehen.

«Für die nachhaltige Finanzierung des kirchlichen Alltags sind allerdings neue Ansätze nötig.»
Thomas Gugger, Appenzeller Kirchenrat und Kandidat für den EKS-Rat

Wie könnte ein Finanzierungsmodell der Zukunft aussehen?
Wir müssen breit denken. Basel-Stadt zeigt, dass Fördervereine eine Möglichkeit sind. Aber das funktioniert nur, weil es dort viele Leute hat, die gerne solche Projekte unterstützen. Wir können auch einen Blick in die Ferne werfen. Die Freikirchen sind als Vereine organisiert und finanzieren sich auf der Basis von freiwilligen Beiträgen. Es dürfte allerdings schwierig werden, unsere «stillen» Mitglieder zu überzeugen, aktiv einem Verein beizutreten.

Klingt nicht sehr optimistisch...
Projekte wird man immer finanzieren können, weil es in der Schweiz viele Stiftungen gibt, die soziale Ziele verfolgen. Für die nachhaltige Finanzierung des kirchlichen Alltags sind allerdings neue Ansätze nötig.

Die Evangelisch-reformierten Kirchen haben im Vergleich zu den Vereinskirchen immerhin einen historischen Vorteil: Sie besitzen mehr Land und Immobilien. Was soll damit geschehen?
Die wichtigsten Gebäude sind immer die Kirchen. Die Herausforderung ist, sie zu unterhalten. Ich bin überzeugt, dass wir sie weiterhin als Treffpunkte brauchen. Wem sie gehören, ist für mich sekundär. Im Kanton Appenzell Ausserrhoden sind sie im Besitz der politischen Gemeinde, die Unterhaltskosten werden geteilt. Die Teilung der Unterhaltskosten für die Kirchen könnte ein Modell sein, dass sich auch andere Landeskirchen überlegen könnten.

Zur Person

Thomas Gugger ist seit elf Jahren Kirchenrat in der Evangelisch-reformierten Kirche beider Appenzell. Zudem ist er Präsident des Stiftungsrats der Pensionskasse Evangelisch-reformierten Kirchen der Ostschweiz. Gemeinsam mit seiner Ehefrau betreibt er eine Treuhandfirma in Appenzell Ausserhoden. Das Ehepaar hat vier erwachsene Töchter. (pef)

Kürzlich hat die Synode Evangelisch-reformierte Kirche beider Appenzell in erster Lesung beschlossen, dass kleine Kirchgemeinden kein Geld aus dem Finanzausgleich mehr erhalten. Wie sollte finanzielle Solidarität zwischen den Landeskirchen aussehen?
Mechanismen gibt es keine, aber protestantische Solidarität schon. Bereits jetzt werden gewisse Projekte von Kirchgemeinden in der Westschweiz und im Tessin finanziell unterstützt. Bisher geschieht das auf freiwilliger Basis.

Können sich kleine Landeskirchen auf die freiwillige Hilfe der grossen verlassen, wenn sie vor dem Konkurs stehen?
Ich hoffe es (lacht). Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass sie an gewisse Bedingungen gebunden sein muss. Die Landeskirchen sollten schauen, wie sie gemeinsam in die Zukunft gehen können.