«Ich erhoffe mir eine EKS, die den Zusammenhalt stärkt»
Herr Schubert, weshalb braucht es einen Neuenburger EKS-Rat?
Für die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Neuenburg (EREN) ist es extrem spannend, im EKS-Rat vertreten zu sein. Wir sind eine kleine Kirche, die besonders stark von der Säkularisierung betroffen ist – auch, was die Beziehungen zum Staat betrifft. Die Herausforderungen und Chancen, die sich daraus ergeben, sind auch für die anderen Kantonalkirchen von Interesse.
Inwiefern ist die EREN stärker von der Säkularisierung betroffen als andere?
In Neuenburg haben wir keine Kirchensteuer, sondern freiwillige Mitgliederbeiträge. Deshalb stehen wir unter einem starken finanziellen Druck. Ausserdem müssen wir in einer Gesellschaft und einem Staat bestehen, für die unsere Rolle nicht selbstverständlich ist und die uns immer wieder als Relikt betrachten. Wir haben gelernt, auch bei Gegenwind Kirche zu sein.
Welche Vision schwebt Ihnen für die Rolle der EKS vor?
Die Handlungsfelder Kommunikation, Bildung und Wahrung der Schöpfung scheinen mir die wichtigsten Aufgaben zu sein. Zudem hat die Legislatur schon begonnen und ich warte gespannt auf die Ziele des Rats. Persönlich erhoffe ich mir in Zukunft eine EKS, die den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl der Kantonalkirchen stärkt. Schliesslich kann uns die Situation der anderen Kirchen nicht gleichgültig sein. Ich frage mich zum Beispiel, wie die EKS reagieren würde, falls eine Kantonalkirche Konkurs ginge.
Denken Sie dabei an Ihre Kirche?
Nicht nur. Die Bevölkerung in Neuenburg ist noch etwas traditioneller eingestellt als in rein urbanen Kantonen und leistet eher Freiwilligenarbeit. Zudem verfügt unsere Kirche über Immobilien, die uns eine Rendite bescheren. Wir könnten theoretisch noch für eine lange Zeit Gebäude verkaufen, um uns über Wasser zu halten – auch wenn das natürlich nicht zufriedenstellend ist.
Bräuchte es also einen direkteren Finanzausgleich zwischen den Kantonalkirchen?
Ich sage nicht, dass es im Moment eine Regel oder einen Mechanismus braucht. Aber während manche Kantonalkirchen jährlich neue Stellen schaffen, haben andere finanzielle Sorgen. Wie soll eine Dachorganisation damit umgehen? Auf der Ebene der Pfarrpersonen funktioniert der Solidaritätsfonds ziemlich gut. Vielleicht könnte man über die EKS Stellen für gewisse Kantonalkirchen schaffen – aber dabei handelt es sich vorerst um Wunschdenken.
Die Deutschschweizer Kantonalkirchen dürften insgesamt skeptisch sein, der EKS mehr Kompetenzen und Gelder zu übertragen...
Die Deutschschweizer Kirchen befinden sich noch in einer vergleichsweise komfortablen Situation. Das bedeutet aber nicht, dass sie in Zukunft nicht mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie wir. In der Romandie gelingt es uns, mit wenigen Mitteln das Kirchenleben aufrechtzuerhalten und innovativ zu sein. Dabei machen wir auch Fehler. Diese Erfahrungen möchten wir gerne innerhalb der EKS teilen. Zudem sollten wir Reformen umsetzen, solange wir noch die Ressourcen dazu haben.
Innerhalb weniger Monate haben zwei EKS-Rätinnen ihren Rücktritt per Ende Jahr bekannt gegeben. Claudia Haslebacher zieht sich nach zwei Jahren in der Exekutive aus persönlichen Gründen zurück. Lilian Bachmann wurde letztes Jahr in den Rat gewählt. Sie nennt als Grund für ihren Rücktritt unterschiedliche Auffassungen über die künftige strategische Ausrichtung der EKS. Die beiden frei werdenden Sitze sollen an der Herbstsynode der EKS im November neu besetzt werden. Kandidaturen können noch bis am Tag der Synode eingereicht werden. (pef)
Das setzt ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl voraus. Wie würden Sie dieses fördern?
Bisher herrscht teilweise noch eine Mentalität wie vor 1848: Die Zusammenarbeit zwischen den Kantonalkirchen ist wenig ausgeprägt. Dabei können wir nur davon profitieren, uns als Einheit zu verstehen und stärker zusammenzuarbeiten. Man könnte zum Beispiel ermöglichen, dass ein Teil des Vikariates in einer anderen Sprachregionen absolviert wird. Ich habe mein Vikariat im Rahmen des Konkordats in Merlach im Kanton Freiburg absolviert, einer zweisprachigen Gemeinde. Die Realität dort – 20 Zugminuten entfernt von Neuenburg – war eine völlig andere. Das war eine bereichernde Erfahrung.
Sie wurden vor wenigen Tagen als Ratsmitglied der EREN bestätigt. Zudem arbeiten Sie als Pfarrer. Verfügen Sie über genügend Ressourcen für das Amt als EKS-Rat?
Ich habe auch noch kleine Kinder! Bis jetzt habe ich aber noch nie bereut, für ein Amt zugesagt zu haben. Wahrscheinlich würde ich etwas Zeit benötigen, bis sich alles eingependelt hat. Kompliziert wird es, wenn im selben Zeitraum die Synoden der EREN und der EKS stattfinden – kurz nach Ostern oder vor Weihnachten.
Eine solche Mehrfachbelastung hat schon viele Personen krank gemacht, in manchen Exekutiven kam es deswegen zu Rücktritten. Wie gehen Sie damit um?
Ich arbeite sehr gerne im Team und vermeide es, mich in Dinge einzumischen, die nicht in meinen Aufgabenbereich fallen. Dadurch ist es mir bis jetzt gelungen, die mentale Belastung in Grenzen zu halten. In der EREN verfügen wir zudem über solide Strukturen, auf die man sich verlassen kann. Mir scheint, das ist auch bei der EKS der Fall. Aber klar gibt es auch Momente, in denen man die Nase voll hat.
Zwei Ratsmitglieder haben nach kurzer Zeit ihren Rücktritt eingereicht. Bereitet Ihnen das keine Sorgen?
Natürlich tut es das. Man fragt sich, worauf man sich da einlässt. Allerdings gibt es kaum eine kirchliche Exekutive, in der es keine ähnliche Vorgeschichte gibt. Insofern gehört diese Sorge ein bisschen dazu. Es ist gut, dass sich die Menschen heute nicht mehr aus Imagegründen verpflichtet fühlen, vier Jahre im Amt durchzuhalten – auch wenn ständige Wahlen für eine Organisation belastend sind.
Die Frist für neue Kandidaturen war relativ kurz, es könnte sein, dass es zu einer stillen Wahl kommt. Wie stehen Sie dazu?
Es ist natürlich immer schöner, gewählt zu werden, als die einzig verfügbare Person zu sein. Allerdings finden schon im Voraus Sondierungsgespräche statt, die einer Kandidatur eine gewisse Legitimität verleihen. Schon vor einer Weile haben mich mehrere Westschweizer Synodale gefragt, ob ich mich um den nächsten frei werdenden Sitz bewerben möchte. Ich habe zugesagt – auch wenn ich nicht damit gerechnet habe, dass dieser Fall so früh eintritt.
Florian Schubert ist Pfarrer in Neuenburg, Synodalrat der Neuenburger Kantonalkirche und Vize-Präsident der EKS-Synode. Der 38-Jährige stammt ursprünglich aus Basel und ist zweisprachig aufgewachsen. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern. (pef)
Mit Ihnen sässen drei französischsprachige Vertreter im EKS-Rat. Wären das nicht zu viele?
Ja und nein. Klar sind Philippe Kneubühler und Pierre-Philippe Blaser ebenfalls französischsprachig. Aber als Mitglieder der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und der Evangelisch-reformierten Kirche Freiburg stehen sie den Deutschschweizer Kirchen näher. Ich wäre der einzige Vertreter einer ausschliesslich französischsprachigen Kirche.
Welches Ressort im EKS-Rat würde Sie am meisten interessieren?
Mich reizt besonders das Engagement in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK). Ökumene liegt mir sehr am Herzen.