«Ich definiere mich als Brückenbauer»
Herr Rudin, Sie kandidieren im Oktober für den Nationalrat und im November für den EKS-Rat. Wollen Sie Ihre Wahlplakate recyceln?
Von mir wird es gar keine Wahlplakate geben. Ich kandidiere auf einer Nebenliste der grünliberalen Partei (GLP) des Kantons Luzern, um unseren Sitz zu halten.
Angenommen, Sie könnten wählen. Wären Sie lieber Nationalrat oder EKS-Rat?
Ich wäre lieber EKS-Rat.
Das müssen Sie ja sagen. Aber Hand aufs Herz: Weshalb reizt Sie ein unbekanntes Mandat mehr als eines auf dem nationalen Politparkett?
Das hat zwei Gründe. Ich bin reformiert aufgewachsen. Mein Grossvater war Sigrist, mein Vater war im Kirchgemeinderat und meine Mutter hat kirchlichen Unterricht gegeben. Ich habe in der reformierten Kirche in Lyss eine philosophische Gruppe gegründet. Da ist also viel Verbundenheit und Tradition dabei. Ausserdem habe ich das Gefühl, dass ich im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit einen Beitrag für die Kirche leisten kann – vielleicht auch aus einer Aussenperspektive. Mir macht es Spass, auf demokratischem Weg Lösungen zu finden.
Sie sind zwar schon lange politisch aktiv, aber erst seit zwei Jahren Mitglied der Synode der Reformierten Kirche des Kantons Luzern. Wie sind Sie darauf gekommen, gleich für den EKS-Rat zu kandidieren?
Die Präsidentin der Synode der Reformierten Kirche des Kantons Luzern, Beatrice Barnikol, ist auf mich zugekommen. Sie meinte, dass sie mir dieses Amt zutrauen würde. Und wenn die höchste Reformierte des Kantons Luzern mich fragt, ist das sicher prüfenswert… (lacht).
In Ihrem Unterstützungskomitee für den EKS-Rat fungieren neben Beatrice Barnikol auch Nationalräte wie Andri Silberschmidt oder Nik Gugger. Gewählt werden sie aber nicht von der Bundesversammlung, sondern der EKS-Synode. Wie unterscheidet sich der Politiker Rudin vom EKS-Rat Rudin?
Ich würde mich nicht als Politiker bezeichnen, das greift zu kurz. Vielmehr definiere ich mich als Brückenbauer – sei es beim Verein Swiss Diversity, der grössten Plattform für Diversität und Inklusion in der Schweiz, oder als ehemaliger Co-Präsident von Pink Cross. Nur überparteilich konnten wir Erfolge erzielen.
Die Liste Ihrer beruflichen, politischen und gesellschaftlichen Engagements ist schon sehr lange. Hätten Sie überhaupt Zeit für das Amt als EKS-Rat?
Bei mir hat alles mit Wirtschaft, Gesellschaft und Kommunikation zu tun. Diese Bereiche überschneiden sich. Daher ist vieles gleichzeitig möglich. Zudem bin ich schon seit Jahren engagiert und viel unterwegs. Das macht mir Spass.
Welche Aufgaben sollte der EKS-Rat aus Ihrer Sicht erfüllen?
Aus einer Aussenseiterperspektive fände ich es vermessen, mit einem fünfseitigen Plan anzutreten und zu sagen, man muss alles anders machen. Das ist nicht meine Art und Weise. Und es wäre ungerecht gegenüber allen, die schon lange dabei sind. Ich möchte gerne einen Beitrag leisten, um die Strategie im Team weiterzuentwickeln und zu vertiefen.
Soll heissen?
Die Kirche wirkt befriedend und hat eine grosse soziale Verantwortung. Gleichzeitig verliert sie viele Mitglieder. Wir befinden uns in einer kritischen Phase. Ich möchte dabei helfen, breitere Netzwerke zu erschliessen und dadurch in der Gesellschaft mehr zu bewegen. Ich verfüge über gute Beziehungen zur Wirtschaft und habe Zugang zum Bundeshaus. Als Unternehmer berate ich viele internationale Firmen, KMUs und NGOs.
Nach Ihrer Wahl in die Luzerner Synode haben Sie in einem Interview mit dem «Kirchenboten» argumentiert, dass die Kirche sich verstärkt politisch äussern müsse. Doch gerade von Wirtschaftskreisen wird diese Haltung stark kritisiert. Ist das nicht ein Widerspruch?
Das ist ein Spannungsfeld. Umso besser ist es zu wissen, wie beide Seiten denken. Ich betone immer, dass man als Unternehmen auch eine soziale Verantwortung hat. Es gibt nicht die Wirtschaft und die Gesellschaft. Beide gehören zusammen. Hinzu kommt, dass in der Schweiz nach wie vor Menschen aus verschiedensten Gründen diskriminiert werden. Ich sehe nicht ein, weshalb sich die Kirche nicht für die Schwächsten und Verletzlichsten einsetzen sollte.
Wo ziehen Sie die rote Linie bei den Themen, zu denen sich die Kirche äussern sollte?
Ob man sich zu einer Unternehmensteuerreform II oder einer zweiten Gotthardröhre äussern muss? Bei Pink Cross haben wir zum Beispiel lange darüber diskutiert, ob wir eine Parole zur Pflegeinitiative fassen sollten. So etwas darf man nicht leichtfüssig machen. Dennoch ist es mir lieber, man ist einmal zu mutig als zu fade.
Lilian Bachmann, die Ende Jahr aus der Exekutive zurücktritt, ist ebenfalls in der Luzerner Kirche aktiv. Wie haben Sie auf ihre Ankündigung reagiert, sich aus dem EKS-Rat zurückzuziehen?
Mit Bedauern. Ich schätze sie persönlich und die Zusammenarbeit mit ihr in der Luzerner Synode sehr.
Michel Rudin ist in Lyss im Kanton Bern aufgewachsen und hat Geschichte und Philosophie studiert. Danach hat er Weiterbildungen in den Bereichen Business Administration, Recht, Kommunikation und Compliance absolviert. Mittlerweile ist der 38-jährige Partner bei Agon Public Affairs. Das Unternehmen entwickelt unter anderem Kommunikations- und Medienstrategien sowie politische Kampagnen. Rudin war bis 2022 Co-Präsident von Pink Cross und hat 2018 den Verein Swiss Diversity gegründet. Für die Grünliberale Partei (GLP) sass Rudin im Grossen Gemeinderat von Lyss und im Grossen Rat von Bern. Aktuell ist er Präsident der GLP des Kantons Luzern und Mitglied des nationalen Vorstands. Seit 2021 ist der zudem Synodaler der Reformierten Kirche des Kantons Luzern. (pef)
Mit was für einem Aufwand rechnen Sie im Falle einer Wahl für das Amt als EKS-Rat?
Das Pensum beträgt sicher 30 Prozent oder mehr. Ich bin mir das von meinen Engagements bei Pink Cross oder im Grossen Rat gewohnt. Zudem habe ich das mit meinen beruflichen Partnern abgesprochen. Beim Job habe ich einen gewissen Spielraum.
Auf der Karriereplattform Linkedin schreiben Sie: «Es darf auch mal hektisch sein – mich bringt man nicht so schnell aus der Ruhe.» Der Kirchenbetrieb ist das Gegenteil von hektisch. Würden Sie damit klarkommen?
Ja. Ob im Stadtparlament, im Grossen Rat oder als Präsident von Pink Cross, alles braucht Zeit. Als ich das laufende «Ehe für alle»-Projekt übernommen habe, hat es weitere acht Jahre gedauert, bis wir darüber abgestimmt haben. Solange es kleine Fortschritte gibt, komme ich damit klar.