Fornerods Briefe aus Beirut

Von der einst blühenden jüdischen Gemeinde bleiben noch eine Synagoge und ein Friedhof

Der Pfarrer Serge Fornerod hat sich für ein Semester an einer Hochschule in Beirut eingeschrieben. Für ref.ch berichtet er alle zwei Wochen aus dem Libanon. Im zweiten Teil geht er den Spuren der jüdischen Gemeinschaft in Beirut nach.
Die Geschichte der Juden im Libanon geht zurück bis ins 15. Jahrhundert. Heute lebt noch eine Handvoll jüdische Menschen in Beirut. Der jüdische Friedhof der Stadt wurde während des Bürgerkriegs und durch die grosse Explosion im Hafen 2020 beschädigt. (Bild: Serge Fornerod)

Bei einem Gespräch neulich erfuhr ich eher beiläufig, dass es in Beirut einen jüdischen Friedhof gibt und zudem eine sehr kleine Gemeinschaft, die weiterhin sehr diskret besteht. Noch überraschender ist jedoch, dass es auch eine Synagoge gibt, die vor Kurzem vollständig renoviert wurde. Das war eine kleine Recherche wert.

Die Juden des Libanon

Die meisten libanesischen Juden waren Sepharden, die ab dem 15. Jahrhundert mit dem Schiff aus Spanien und Portugal kamen, um vor der Inquisition zu fliehen. Andere, Mizrachim, kamen hinzu, insbesondere im 20. Jahrhundert aus den benachbarten arabischen Ländern Syrien, Irak, Iran und Türkei, vor allem wegen der Auswirkungen der Konflikte mit dem Staat Israel in ihren Ländern, sowie aus Griechenland, Italien und Ägypten.

Die jüdische Gemeinschaft zählte zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu fünftausend Menschen, hauptsächlich in Beirut, und nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu vierundzwanzigtausend im ganzen Land. Auch in Saida und Tripoli sowie in einigen Dörfern gab es Gemeinschaften. Die Gemeinschaft in Beirut wuchs nach 1948 nochmals auf ungefähr zehntausend Menschen an, vor allem dank Kaufleuten.

Das jüdische Viertel im Stadtzentrum wurde in diesem Jahrzehnt zu einem Zufluchtsort für Juden aus benachbarten arabischen Ländern, die dort Repressionen ausgesetzt waren. Dieses Detail liefert wertvolle Informationen über das blühende Geschäftsleben der Stadt, aber auch über die Toleranz, die in Beirut herrschte. Die ersten Angriffe auf die jüdische Gemeinschaft stammen allerdings ebenfalls aus der Zeit des Konflikts von 1948.

Danach folgten im Zuge der verschiedenen Kriege, die das Land erlebte, mehrere Auswanderungswellen: 1958, 1967 und 1975–1990, wobei es insbesondere 1984 zur Geiselnahme von elf jüdischen Persönlichkeiten und zur Ermordung einiger von ihnen kam. Der jüdische Staat ermutigte Jüdinnen und Juden zur Einwanderung und warb mit materiellen Vorteilen. Das zog vor allem Menschen aus bescheideneren Verhältnissen an.

Zu Beginn des libanesischen Bürgerkriegs (1975–1990) zählte die jüdische Gemeinschaft noch fünfzehntausend Menschen. In den 1990er-Jahren schrumpfte sie auf zweitausend Menschen. Heute wird ihre Zahl auf weniger als dreissig Personen geschätzt. Diese Zahl berücksichtigt jedoch diejenigen nicht, die eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen, insbesondere eine amerikanische oder europäische. Neben Israel gingen viele nach Syrien, nach Aleppo und Damaskus. Andere gingen in die USA.

Ein Gesprächspartner erzählte mir, er sei in den 1960er-Jahren in einem vierstöckigen Haus aufgewachsen, das vollständig von Juden bewohnt gewesen sei; der Hausherr lebte im obersten Stock. Mein Bekannter war mit einem Sohn des Hausherrn im gleichen Alter befreundet und der einzige Nichtjude, der zu dessen Geburtstag eingeladen wurde. Der Vater meines Gesprächspartners war Schneider und half häufig bei kleinen Änderungen aus, ohne dafür Geld zu verlangen. Als die Familie wuchs und ihre Wohnung zu klein wurde, durfte sie eine der Wohnungen im Gebäude beziehen.

Der Mann erinnert sich daran, dass der Nachbar ihnen eines Tages riet, am folgenden Tag das Haus nicht zu verlassen. Es war der Tag, an dem der Bürgerkrieg ausbrach. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr Juden aus dem Viertel wanderten aus. Eines Abends liess der Hausherr den Vater des Kindes zu sich kommen. Das Gespräch dauerte zehn Minuten. Als der Vater zurückkam, sagte er nichts. Doch am nächsten Morgen waren Hunderte Juden aus dem Viertel auf einen Schlag verschwunden. Sie kehrten nie zurück und liessen nie wieder etwas von sich hören. Niemand wusste, wie und wohin sie gegangen waren.

Der jüdische Friedhof

Der jüdische Friedhof in Beirut ist nicht zugänglich. Im Bürgerkrieg wurde er beschädigt und vermint. Vom Dach der ehemaligen Hütte des Wächters des deutschen Friedhofs kann man die Anlage mit 3500 jüdischen Gräbern sehen. (Bild: Serge Fornerod)

Der jüdische Friedhof liegt an der ehemaligen «Grünen Linie», die während des Bürgerkriegs West-Beirut von Ost-Beirut trennte. Er befand sich damit in unmittelbarer Nähe der Kampfgebiete, unter denen er stark gelitten hat. Nach dem Krieg musste der Friedhof von Minen geräumt werden.

Tag und Nacht ist er durch ein solides, verschlossenes Tor gesichert. Hinter den hohen Mauern befinden sich mehr als 3500 Gräber, darunter diejenigen einiger bekannter Persönlichkeiten wie Rabbiner oder Angehörige der Familie Safra. Der Friedhof wurde 1829 gegründet.

Er grenzt an den deutsch-französischen Friedhof – den Ort, an dem sich die französischsprachige Gemeinde der Stadt derzeit provisorisch versammelt. Wenn man auf das Dach der ehemaligen Hütte des Friedhofswächters steigt, kann man auf den jüdischen Friedhof hinübersehen. Ansonsten ist er vollständig unzugänglich.

In den vergangenen zwanzig Jahren kam es gelegentlich zu Plünderungen und Vandalismus, und die Schäden aus dem Bürgerkrieg machen Teile des Friedhofs gefährlich. Der Friedhof wurde dem Verfall überlassen. Ab 1999 begann die verbliebene Gemeinschaft mit Restaurierungsarbeiten. 2019 verursachte ein heftiger Sturm neue Schäden, ebenso wie die Explosion im Hafen im Jahr 2020.

Die Synagoge

Einige Hundert Meter vom Meer entfernt befindet sich im heutigen Stadtzentrum von Beirut die Synagoge Magen Abraham. Sie ist vollständig restauriert, bleibt jedoch unzugänglich, geschlossen und ohne Besucher. Sie liegt in der Nähe des Parlaments und der Wohnungen hochrangiger Führungspersönlichkeiten, wird stark überwacht und ist faktisch isoliert inmitten von Strassen, die stets menschenleer sind.

Die letzte verbliebene Synagoge Beiruts liegt im heutigen Stadtzentrum. Sie wurde 2014 nach einer jahrelangen Restaurierung neu eröffnet. Die islamistische Hisbollah toleriert das Gebäude trotz ihrer Feindschaft mit dem Staat Israel. (Bild: Wikicommons/ Omarali85)

Die Synagoge wurde 2010 restauriert und 2014 wiedereröffnet, auf Initiative der jüdischen Gemeinschaft, jedoch mit Zustimmung aller politischen Parteien des Landes, einschliesslich der Hisbollah. Diese erklärte, sie unterscheide zwischen der jüdischen Religion, «einer göttlichen Religion», und dem Staat Israel.

An den Kosten der Restaurierung beteilgte sich jedoch keine der Parteien. Die Finanzierung erfolgte privat und blieb geheim. Möglicherweise stammte ein Teil der Mittel von einem der Unternehmen Rafiq Hariris. Hariri unterstützte den Wiederaufbau Beiruts in den 1980er-Jahren finanziell. Zweimal war er Ministerpräsident – von 1992 bis 1998 und von 2000 bis 2004 – und starb wenige Monate nach seinem Rücktritt bei einem Bombenanschlag gegen seine Person.

Auch die Synagoge wurde durch die Explosion im Hafen im Jahr 2020 beschädigt. Sie ist die einzige der 17 Synagogen des Viertels, die die verschiedenen politischen Krisen des vergangenen Jahrhunderts überstanden hat.

Serge Fornerod führt während seines Aufenthalts in Beirut auch einen Blog auf seiner privaten Website.

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