Konzil von Nicäa
«Die Verfolgten wurden selbst zu Verfolgern»
Herr Fornerod, das Konzil von Nicäa jährt sich zum 1700. Mal. Was genau wird da eigentlich gefeiert?
Es heisst, in Nicäa habe erstmals die ganze Kirche zusammengefunden und ein gemeinsames Glaubensbekenntnis formuliert. Aber das ist nur halb richtig. Tatsächlich feiern wir heute vor allem ein beschönigtes Kirchenbild.
Inwiefern?
Erstens versammelte sich damals keineswegs die «ganze Kirche». Anwesend waren fast ausschliesslich Bischöfe aus dem Osten des Reiches, das heisst maximal 15 Prozent aller Bischöfe. Das Konzil war also gar nicht so ökumenisch. Und zweitens wurde das Glaubensbekenntnis, wie wir es heute kennen, erst rund 60 Jahre später in Konstantinopel vollendet. In Nicäa entstand lediglich eine erste Fassung.
Worum ging es dabei?
Im Kern ging es um eine ziemlich abstrakte Frage. Nämlich darum, ob Jesus schon seit Ewigkeit Gott war oder es erst durch seine Menschwerdung und Auferstehung wurde. Im Zentrum stand also die Frage, ob Gott und Jesus wesensgleich waren.
Warum war diese Frage so brisant?
Damals hatten die Anhänger des Priesters Arius einen grossen Einfluss. Arius sah Jesus als Geschöpf Gottes an, er bestritt seine Wesensgleichheit. Kaiser Konstantin fürchtete, dass der Arianismus zu einer Spaltung im Reich führen könnte. Er sah darin eine Bedrohung der politischen Stabilität, denn mittlerweile machten die Christen schätzungsweise sieben bis zehn Prozent der Bevölkerung aus. Sie waren also ein ernstzunehmender gesellschaftlicher Faktor.
Das Konzil von Nicäa fand im Jahr 325 n. Chr. in der Stadt Nicäa (heute İznik in der Türkei) statt und war das erste ökumenische Konzil der christlichen Kirche. Es wurde von Kaiser Konstantin dem Grossen einberufen, um die Einheit des Christentums im Römischen Reich zu sichern und den Streit um den Arianismus beizulegen. Rund 300 Bischöfe aus dem gesamten Reich nahmen teil.
Das Konzil verurteilte die arianische Lehre und verabschiedete das sogenannte Nicänische Glaubensbekenntnis, das die Wesensgleichheit von Gott, Vater und Sohn betont. Zudem wurde der Termin für das Osterfest festgelegt. Das Konzil gilt als Meilenstein auf dem Weg zur Erhebung des Christentums zur Staatsreligion. (no)
Die Bischöfe sollten also in Nicäa auf eine gemeinsame Linie gebracht werden?
Genau. Und Konstantin setzte durch, dass die Lehre des Arius verworfen wurde. Stattdessen wurde festgelegt: Jesus ist wesensgleich mit Gott. Das Wort dafür lautete «homoousios«, es stammte nicht aus der Bibel, sondern aus der griechischen Philosophie. Für die gläubigen Christen in den Gemeinden waren das jedoch theologische Spitzfindigkeiten. Sie interessierten sich vor allem für den gelebten Glauben. Das ist heute nicht anders. Auch daher scheint mir das Feiern von Nicäa etwas übertrieben.
Politisch hatte das Konzil dann aber weitreichende Folgen für das Christentum.
Indem Konstantin in Glaubensfragen eingriff, machte er die Kirche zu einem Teil der staatlichen Ordnung. Dieser Prozess hatte schon vorher begonnen. Er war ein wichtiger Schritt hin zur Staatsreligion, zu der das Christentum ein paar Jahrzehnte später endgültig wurde. Viele Bischöfe bejubelten deshalb das Konzil, schliesslich war das Christentum noch vor kurzem stark verfolgt worden. Sie glaubten, jetzt komme Christus zurück und es beginne das ewige Reich Gottes. Sie täuschten sich, denn mit der Förderung kam auch die Abhängigkeit.
Können Sie das ausführen?
Die neue Nähe zum Staat hatte für die Bischöfe vordergründig Vorteile: Sie wurden zu Beamten, die vom Staat mit Geld, Grundbesitz und Weizen versorgt wurden. In dieser Zeit entstanden auch die ersten grossen Kirchenbauten. Gleichzeitig erwartete man von den Bischöfen Loyalität. Beispielsweise sollten sie Hand reichen bei der Verfolgung der Arianer, deren Lehre auf dem Konzil zur Häresie erklärt wurde. Die Verfolgten wurden also selbst zu Verfolgern.
Serge Fornerod war rund 20 Jahre lang für die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) tätig. Zuletzt war er stellvertretender Geschäftsleiter und Leiter der Abteilung Aussenbeziehungen und Werke. In dieser Funktion vertrat er die EKS in internationalen Gremien wie dem Ökumenischen Rat der Kirchen und der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. Heute ist er pensioniert.
Fornerod hat sich intensiv mit dem Konzil von Nicäa auseinandergesetzt und auf der Seite der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK.ch) einen längeren Kommentar dazu verfasst. (no)
Der Theologe Reinhold Bernhard meinte in einem Interview, das Christentum sei durch seine Staatsnähe korrumpiert worden. Würden Sie dem zustimmen?
Ja, denn die Bischöfe konnten nicht mehr eigenständig über ihre Agenda bestimmen. Christsein war nicht mehr in erster Linie ein Glaube, sondern ein Kult. Und Bischof zu werden, war nicht mehr potentiell gefährlich, sondern eine Karrieremöglichkeit. Diese Abhängigkeit sieht man bis heute, auch bei uns in der Schweiz. Die öffentlich-rechtliche Anerkennung hat ihren Preis, weil sie mit Auflagen verbunden ist. Es ist der Staat, der mitentscheidet, wie die Kirche ihren Auftrag umsetzen soll. Unsere Kirchen sollten das Jubiläum zum Anlass nehmen, darüber etwas mehr nachzudenken.
Ja, und nicht nur in dieser Hinsicht. Nicäa steht für die Inkulturation des Christentums in die griechisch-römische Kultur. Das bedeutet: Das Christentum passte sich den Denkweisen dieser Kultur an – und entfernte sich dabei von seinen jüdischen Wurzeln. Diese Entfremdung mündete schrittweise in antijüdische Haltungen. Bereits im 4. Jahrhundert kam es zu ersten Judenverfolgungen. Auch das gehört zum dunklen Erbe von Nicäa.
Welche Lehren ziehen Sie daraus?
Nicäa war geprägt von der Ausgrenzung von Andersdenkenden und vom Zwang zur doktrinalen Harmonie, was die Kirchen über Jahrhunderte spaltete. Die Ökumene kann heute daraus lernen, diesen Fehler nicht noch einmal zu machen und anderen Glaubensformen mehr Wertschätzung entgegenzubringen. Als Christinnen und Christen müssen wir lernen, transkultureller zu denken.
Was heisst das?
Heute ist das Christentum eine globale Religion mit vielfältigen Ausdrucksformen. In Lateinamerika, Afrika oder Asien haben sich ganz eigene, kulturell geprägte Glaubensformen entwickelt. Wir im Westen repräsentieren nur eine dieser Ausprägungen – und inzwischen sogar die kleinste. Umso wichtiger wäre es, einander mit Neugier und Offenheit zu begegnen – statt nur auf dogmatische Unterschiede und eurozentrische kulturelle Traditionen fixiert zu bleiben.
Gerade bei gesellschaftspolitischen Themen wie Homosexualität oder Abtreibung scheinen diese Unterschiede aber oft unüberwindbar.
Natürlich darf man solche Differenzen nicht einfach übergehen. Wer den kulturellen Kontext kennt, versteht aber auch die Haltung besser. Es reicht nicht zu sagen: «Weil du anders denkst, gibt es nichts Gemeinsames zwischen uns.» Das Christentum lebt vielmehr davon, dass wir miteinander im Gespräch bleiben.