«Bonhoeffer stand auf der Seite der Entrechteten»
Der Theologe Dietrich Bonhoeffer gilt als Ikone im Kampf gegen das NS-Regime. Er prangerte die Judenverfolgung an und war an den Attentatsplänen gegen Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 beteiligt. Wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.
Dass ausgerechnet Bonhoeffer von nationalistischen Christen in den USA politisch vereinnahmt wird, sorgt bei Theologinnen und Theologen weltweit für Empörung. In einem offenen Brief wandten sie sich gegen die Instrumentalisierung Bonhoeffers durch die Trump-Kampagne (ref.ch berichtete).
Unterzeichnet wurde das Schreiben, das unter anderem vom ehemaligen
EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm mitinitiiert wurde, inzwischen von knapp 2000 Theologinnen und Theologen aus über 40 Ländern.
Frühe Vereinnahmung
Zu den Mitunterzeichnenden gehört auch die deutsche Theologin Isolde Karle. Sie wurde früh von Bonhoeffer geprägt, wie sie auf Anfrage von ref.ch sagt. «Mich beeindruckte, dass Bonhoeffer mit allen Konsequenzen für seine Überzeugungen eintrat. Theologisch faszinierte mich, wie er vom mitleidenden Gott sprach. Bonhoeffer prägte eine Theologie der Vulnerabilität und der Lebensbejahung».
Dass Trump-Anhänger sich auf Bonhoeffer berufen, bezeichnet Karle als «grotesk». Es gebe keinen grösseren Gegensatz als den zwischen dem Präsidentschaftskandidaten und dem Theologen. «Bonhoeffer stand auf der Seite von Gefährdeten und Entrechteten, während Trump Migranten als Tiere beschimpft».
Bonhoeffer, der in den USA studierte und sich für die schwarze Kirche interessierte, habe zudem zu den international am besten vernetzten Theologen der damaligen Zeit gehört, sagt Karle. «Von einem bornierten Nationalismus wie dem der Rechten in den USA war er meilenweit entfernt.»
«Absurde Analogie»
Ganz neu sei die Vereinnahmung Bonhoeffers durch evangelikale Kreise allerdings nicht, sagt Isolde Karle. «In Deutschland ist das schon früh passiert. Eine Rolle spielte dabei etwa die Verkitschung seines Gedichts ‹Von guten Mächten›.»
Den Brief mitunterzeichnet hat der Basler Theologe Albrecht Grözinger. Bonhoeffer gehöre zu den weltweit populärsten Theologen, sagt er. «Das heisst auch, dass er für die unterschiedlichsten theologischen Positionen ansprechbar ist. Man kann in seine Schriften alles mögliche hineininterpretieren.»
Grözinger stösst sich insbesondere am Bonhoeffer-Bild, das von dem Buchautor und Trump-Unterstützer Eric Metaxas verbreitet wurde. Seine Bonhoeffer-Biographie wurde in den USA millionenfach verkauft und fand auch in Europa Verbreitung. «Besonders absurd ist, dass Metaxas eine Analogie zwischen dem Widerstand gegen das NS-Regime und dem Kampf der Rechten gegen das liberale Amerika zieht», sagt Grözinger.
Zudem würden theologische Begriffe von Bonhoeffer in der Biographie instrumentalisiert. So verwende Metaxas den Begriff der ‹billigen Gnade›, um die Migrationspolitik der demokratischen Regierung zu kritisieren. Es sei laut Metaxas ‹billige Gnade›, dass so viele Migranten ins Land gelassen würden. «Mit Bonhoeffer hat das nichts mehr zu tun», sagt Grözinger.
Falsche Identifikation
Der Theologe Thorsten Dietz, ebenfalls Mitunterzeichner, hat sich eingehend mit der evangelikalen Bewegung auseinandergesetzt. Für die Evangelikalen sei Bonhoeffer interessant, weil er Jesus Christus ins Zentrum seiner Theologie stelle. «Allerdings war Jesus für Bonhoeffer nie nur der Erlöser für das eigene Seelenheil, sondern immer auch der Mensch für andere. Diese soziale und politische Dimension wird von den Evangelikalen oft ignoriert», sagt Dietz.
Insbesondere beim frühen Bonhoeffer gebe es zudem konservative Ansichten, an die rechte Autoren wie Eric Metaxas anknüpfen konnten. In seinen Anfängen sei Bonhoeffer stark von seinem bürgerlichen Umfeld geprägt gewesen, sagt Dietz. «Er hatte zum Beispiel ziemlich antiquierte Vorstellungen von der Rolle der Frau. Auch gibt es frühe Zeugnisse, in denen er einem christlichen Nationalismus das Wort redet.»
In seinem späteren Leben habe Bonhoeffer viele dieser Prägungen aber in Frage gestellt. «Er entwickelte sich zum Anwalt der Verfolgten und Ausgegrenzten. Diesen Teil der Geschichte blenden die rechts-konservativen Interpreten aus», sagt Dietz. Die Biografie von Metaxas hält er für tendenziös. «Darin wird Bonhoeffer zum Evangelikalen stilisiert. Das ist eine krasse historische Verkürzung.»