Missbrauchsstudie Katholische Kirche

«Unsere Arbeit ist längst nicht abgeschlossen»

Die reformierte Zürcher Genderbeauftragte Sabine Scheuter ist bestürzt über das Ausmass von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Auch bei den Reformierten müsse man wachsam bleiben, um Grenzüberschreitungen zu verhindern.

Auch in den reformierten Kirchen gibt es Risikobereiche für sexuelle Übergriffe - zum Beispiel im Religionsunterricht, in der Seelsorge oder in der Jugendarbeit. (Symboldbild: Christian Beutler/ Keystone)

Frau Scheuter, Wissenschaftlerinnen der Universität Zürich haben in ihrer Studie über 1000 Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche dokumentiert (ref.ch berichtete). Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Solche Geschichten erschüttern mich immer von Neuem, auch wenn in den vergangenen Jahren bereits einiges in der katholischen Kirche aufgedeckt worden ist. Erschreckend ist, dass solche Übergriffe auch heute noch passieren und dass selbst in jüngster Zeit noch vieles vertuscht wurde.

Eine vergleichbare Studie für die reformierten Kirchen gibt es nicht. Was würde dabei herauskommen?
Eine solche Studie würde in vieler Hinsicht anders aussehen, es wären deutlich weniger Fälle. Das gilt insbesondere für strafrechtlich relevante Fälle, die schliesslich zu einer Verurteilung führen. Aus der Zürcher Kantonalkirche sind mir ein bis zwei solcher Fälle in den vergangenen zwanzig Jahren bekannt. Festzuhalten ist aber: Ja, es ist auch in der reformierten Kirche zu Grenzverletzungen gekommen. Aber die Dimensionen sind nicht vergleichbar.

« Leichte Fälle von Grenzüberschreitungen wurden auch in der reformierten Kirche lange nicht ernst genug genommen. »
Sabine Scheuter, Genderbeauftragte der Reformierten Kirche Kanton Zürich

Wurden in der reformierten Kirche Fälle vertuscht?
Dafür eignen sich die Strukturen der reformierten Kirche nicht. Sie ist kein in sich geschlossener Machtapparat wie die katholische Kirche. Auch können Beschuldigte nicht einfach in eine andere Gemeinde versetzt werden, weil es dafür keine zentrale Instanz wie bei den Katholiken gibt. Zudem gibt es keine Geheimakten, die noch ausgewertet werden könnten. Leichtere Fälle von Grenzüberschreitungen sind aber auch in den reformierten Kirchen lange nicht ernst genug genommen worden.

Die Studie hat bestimmte soziale Räume in der katholischen Kirche ausgemacht, in denen es gehäuft zu Übergriffen gekommen ist. Dazu gehören zum Beispiel Heime und Schulen. Gibt es solche Risikobereiche auch in den reformierten Kirchen?
Eigene Orden, Heime oder Schulen haben die Reformierten nicht. Wo es aber ein gewisses Risiko von Übergriffen gibt, ist die Gemeindearbeit. Also der ganze Bereich von Seelsorge, Religionsunterricht und Jugendarbeit. Das sind zugleich die Bereiche, in denen es schon zu Vorfällen gekommen ist und wo wir besonders aufmerksam sein müssen.

Zur Person

Die Theologin Sabine Scheuter leitet den Bereich Personalentwicklung und Diversity in der reformierten Zürcher Landeskirche. Sie ist Ansprechperson für Betroffene von Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt. Scheuter ist zudem Präsidentin der Frauen- und Genderkonferenz der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). (no)

Was sind das konkret für Vorfälle?
Mir sind zum Beispiel Fälle bekannt, bei denen Seelsorger ein Abhängigkeitsverhältnis ausgenutzt und Frauen zu sexuellen Handlungen verleitet haben. Das war für die Betroffenen eine schwierige und traumatische Situation. Häufiger hatten wir es auf der Fachstelle mit jungen Freiwilligen zu tun, die zum ersten Mal ein Jugendlager mitgeleitet haben und der Verantwortung nicht gewachsen waren. Es kam zu Übergriffen und Grenzverletzungen gegenüber jüngeren Mädchen. Leider hatten wir unlängst auch den Fall eines pädosexuellen Menschen, der im Rahmen einer Arbeitsstelle in unserer Kirche Kontakt mit Kindern fand. Dabei kam es zu sexuellem Missbrauch. Inzwischen haben wir verschiedene Massnahmen ergriffen, die dafür sorgen sollen, dass potenzielle Täter möglichst früh aufgehalten oder besser gar nicht angestellt werden.

Welche Präventionsmassnahmen hat die Zürcher Landeskirche ergriffen?
Wir haben ein Schutzkonzept erarbeitet, zu dem unter anderem ein Verhaltenskodex für Mitarbeitende gehört. Derzeit sind wir sehr intensiv daran, das gesamte kirchliche Personal und die Kirchenbehörden zu schulen. Auch das Einfordern der Strafregisterauszüge bei allen Angestellten und einem Teil der Freiwilligen gehört zur Prävention. Zudem wollen wir unser Angebot an externen Fachpersonen, an die sich Betroffene wenden können, erweitern. Die Arbeit ist längst nicht abgeschlossen, auch weil es um eine Kulturveränderung geht.

« Betroffene sollen verschiedene Ansprechsmöglichkeiten haben. »
Sabine Scheuter, Genderbeauftragte der Reformierten Kirche Kanton Zürich

Wie begleiten Sie Betroffene?
Wichtig ist uns, dass Betroffene verschiedene Ansprechmöglichkeiten haben. In weniger gravierenden Fällen bieten sich die zuständigen Personen in den Behörden der Kirchgemeinden an, die ebenfalls für ihre Aufgabe geschult werden. Wer das nicht will, kann sich auf unserer Ansprechstelle der Kantonalkirche melden. Dort haben wir insgesamt drei Vertrauenspersonen, aus denen Betroffene auswählen können. Wenn gewünscht, vermitteln wir an externe Opferhilfestellen und sorgen für psychologische oder juristische Begleitung. Ausserdem stellen wir den Schutz der Person sicher, damit sich ein Übergriff nicht wiederholt. In strafrechtlich relevanten Fällen schalten wir die staatlichen Behörden ein.

Was müsste auf nationaler Ebene noch unternommen werden, um Grenzverletzungen zu verhindern?
Auf Ebene der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) ist bereits einiges in Gang gekommen. Zum Beispiel hat man eine Materialsammlung mit Schutzkonzepten der einzelnen Kantonalkirchen zusammengestellt, damit ein Informationsaustauch möglich ist. Auch gibt es Treffen der Verantwortlichen aus den Mitgliedkirchen. Diese Zusammenarbeit könnte sicher noch intensiviert werden.